Nichts kann die aktuelle Lage von Tomáš Kalas besser beschreiben als der markige Spruch von Fußball-Weltmeister Andreas Brehme: „Haste Scheiße am Fuß, dann haste Scheiße am Fuß.“ Mitte Februar stieg Kalas endlich wieder ins Training von Schalke 04 ein, nach zehn langen Monaten Pause. Doch vor wenigen Tagen meldete sein Klub, dass der Olmützer nach einer Oberschenkel-Verletzung schon wieder operiert werden musste.
Damit fehlt er auch am Donnerstag, 26. März, wenn die Schalker Ehrengast zum Jubiläumsspiel „90 Jahre Sachs-Stadion“ beim FC 05 Schweinfurt sind.

Seit Spätsommer 2023 steht der Tscheche im Kader der Schalker, nach einigen Wochen etablierte sich der frühere Nationalspieler als zuverlässige Größe in der Innenverteidigung der Königsblauen. Aber mittlerweile erläutern die Nachrichten zu Kalas auf der Homepage von Schalke 04 eine Leidensgeschichte statt einer Leistungsbilanz:
9. September 2024: Kalas wieder in Gelsenkirchen, wo er seine Reha vor Ort fortsetzt und an einer baldigen Rückkehr ins Training arbeitet. 18. November 2024: Kalas kehrt ins Mannschaftstraining zurück, nachdem er temporär aussetzen musste. 8. Februar 2025: Kalas vielleicht im Spiel gegen seinen früheren Klub 1. FC Köln dabei. 25. Juni 2025: Kalas unterzieht sich einer Operation am Knie.
Leidenszeit statt Leistungsbilanz
Ausgangspunkt für das Dilemma war, dass den Tschechen zu Saisonbeginn 2024 eine Reizung an der Patellasehne stoppte. Als er Mitte September zurückkehrte, hatte er seinen Stammplatz in der Elf verloren. Fortan agierte Kalas nur noch als Ersatzspieler. Die Historie seiner Verletzungen passt in eine Karriere, die geprägt ist von sportlichen Hochs und Tiefs im steten Wechsel. Schon mit 16 Jahren debütierte Kalas für seinen Heimatklub Sigma Olmütz in der ersten tschechischen Liga.
„Er war solch ein toller Athlet, dass ihn Tomáš Dvořák, unser mehrfacher Weltmeister im Zehnkampf, als Junge davon überzeugen wollte, lieber Zehnkampf als Fußball zu betreiben“, erinnern sich tschechische Fachjournalisten an den Beginn seiner Laufbahn.
Tolle Optionen: Bayer oder Chelsea
Im Juni 2010 meldete idnes.cz, dass Tomáš Kalas den Klub verlassen wird. „Echtes Dilemma für einen 17-Jährigen“, frotzelte das Medium, weil das tschechische Fußballtalent „entscheiden kann, ob er zum deutschen Klub Leverkusen oder zum noch berühmteren FC Chelsea wechseln soll.“
Kalas und sein Vater seien in Verhandlungen mit beiden Vereinen. Erstaunliche Optionen für einen jungen Spieler, der „in der tschechischen Öffentlichkeit fast unbekannt“ sei. Wahrscheinlicher erscheine ein Wechsel zu den westlichen Nachbarn, so idnes.cz weiter – weil der Sigma-Vorstand dem Angebot des Bundesligisten bereits zugestimmt habe. Jedenfalls treffe Kalas auf Landsleute, bei Bayer auf Verteidiger Michal Kadlec, bei Chelsea auf Torhüter Petr Čech.
Spielball von Chelsea
Falsch spekuliert, am Ende gab Kalas den Londonern den Vorzug – und wurde zu einem Spielball der Interessen eines Klubs, der Fußball ebenso als Business versteht wie als Sport. Bereits damals und mittlerweile noch mehr. Im Sommer 2024 wunderte sich kicker-sportmagazin darüber, dass Chelsea „schon jetzt mehr als 40 Spieler hat und einfach weiter einkauft.“
Der englische Verein ließ Kalas noch ein halbes Jahr in seiner vertrauten Umgebung Olmütz spielen. Dann wurde er für zwei Jahre zu Vitesse Arnheim verliehen, um Spielpraxis zu sammeln, was in mehr als 60 Einsätzen in der holländischen Eredivisie auch glückte.
Im April 2014 gab Kalas beim 2:0-Sieg gegen den FC Liverpool sein Debüt in der Premier League. Trotzdem reichte ihn der Klub schon ein paar Wochen später für eine Halbserie zum 1. FC Köln weiter.
Zuvor in Köln
„Chelsea-Kante Kalas kommt“, jubelte die Bild-Zeitung, der Bundesliga-Aufsteiger könne sich auf einen Spieler freuen, der „bei seinem Debüt gegen Liverpool überzeugte“ und „90 Minuten souverän“ agierte. Deshalb werde der sehr flexible Verteidiger in Köln „sofort um einen Stammplatz kämpfen!“ Tatsächlich absolvierte Kalas aber in Köln nur zwei Spiele in der Regionalliga-Mannschaft.
Gleich danach wählte Chelsea für ihn das Ziel Middlesbrough (ab Januar 2015). Es folgten die Stationen FC Fulham (ab Sommer 2016) und Bristol City (ab Sommer 2018). So brachte es Kalas auf mehr als 250 Spiele in Englands zweithöchster Klasse – vermutlich die härteste zweite Liga der Welt.
Er „gehörte“ Chelsea insgesamt neun Jahr lang, von 2010 bis 2019. Doch in dieser Zeit stand der Tscheche lediglich in vier (!) Partien für die Londoner auf dem Platz, davon zweimal in der Premier League und einmal in der Champions League (jeweils in der Saison 2013/14).

Nach Bristol blieb Kalas eine Zeitlang ohne Verein. „Am Anfang war ich sehr optimistisch, habe individuell trainiert, war stets bereit für eine neue Aufgabe“, erklärte er im Januar 2024 im Magazin schalke04. Doch seine Hoffnung wurde nicht erfüllt. „Es gab Tage, an denen ich nicht gut drauf war und mich gefragt habe, wie es weitergeht, wie meine Zukunft aussehen wird“, verriet er.
Daran änderte (zunächst) auch seine Erfahrung aus 31 Länderspielen nichts. Kalas debütierte im November 2012 mit 19 Jahren in der Nationalelf, nachdem er seit der U17 alle tschechischen Jugendauswahlteams durchlaufen hatte.
Den Höhepunkt seiner internationalen Karriere bildete fraglos die EM 2021, bei der er mit seinem Heimatland ins Viertelfinale einzog. Tomáš Kalas war in allen fünf Partien der Tschechen von Anpfiff an dabei. Und er war einer der schnellsten Spieler des Turniers, mit einer „Höchstgeschwindigkeit“ von 33,1 km/h.
Glück auf Schalke
Ein ständiges „Auf und Ab“ habe er in den zweieinhalb Monaten ohne Verein erlebt, so Kalas – aber „mit einem glücklichen Ende.“ Das fand er bei den Knappen, denen sich der Tscheche im August 2023 anschloss. Schalke verband ebenfalls große Hoffnungen mit seiner ablösefreien Verpflichtung.
Tatsächlich etablierte sich der kopfballstarke Abwehrspieler, der im Mai 33 Jahre alt wird, rasch in der Schalker Defensive. So überzeugend, dass der Klub seinen Vertrag vorzeitig bis 2027 verlängerte.

Vor fast einem Jahr – Anfang Mai 2025 – stand Tomáš Kalas letztmals für die Königsblauen auf dem Platz, beim 0:2 gegen den SC Paderborn. Seitdem befindet er sich in einer „Seuchensaison“: Nie in der Startelf, kein einziges Spiel, nicht eine Minute Einsatz.
Unklar, wie lange er beim Zweitliga-Spitzenreiter nun wieder ausfällt. Die Schalker machten bisher keine Angaben, wann sie ihn zurückerwarten.
Titelfoto: FC Schalke 04