„Ein Jahr an der Grenze“, mit diesem Programm will der Zukunftsfonds den deutsch-tschechischen Beziehungen neue Impulse geben. Er sucht dafür „motivierte, zweisprachige Enthusiasten“, die zwischen beiden Ländern unterwegs sind. Im April geht bereits der fünfte Jahrgang an den Start. Ist das Programm für die Grenzregion zwischen Bayern und Böhmen eine Erfolgsgeschichte – oder Geldverschwendung?
Die Ziele sind hoch, die Anforderungen auch. Durch das Programm soll die Grenze zwischen beiden Nachbarn „nicht als Barriere wahrgenommen“ werden. Sondern als Raum, in dem sich „Perspektiven, Begegnungen und sogar Freundschaften“ eröffnen können. So zumindest der Wunsch des deutsch-tschechischen Zukunftsfonds.

Dafür sollen Teilnehmer 20 Stunden in der Woche arbeiten. Wofür sie „angemessen“ bezahlt werden. Auch Telefon- und Fahrtkosten werden erstattet. Im Gegenzug müssen sie deutsche wie tschechische Sprachkenntnisse mitbringen, zudem einen Führerschein, Klasse B, und ein eigenes Auto.
Versprochen wird ihnen eine Tätigkeit „mit Raum für Kreativität“ – obwohl sie „nicht selbst Projektaktivitäten“ durchführen dürfen. Ziel stattdessen: Akteure von beiden Seiten der Grenze „zusammenbringen und bei gemeinsamen Aktivitäten unterstützen.“
Nur für Grenzbewohner
Wer teilnehmen will, muss zudem schon in der deutsch-tschechischen Grenzregion wohnen, bereits Aktivitäten im Grenzgebiet kennen und über Kontakte wie ein Netzwerk verfügen. Das fordert die Ausschreibung.
Demnach sind Bewerber etwa aus Nürnberg oder Bamberg ausgeschlossen – obwohl sie durch Städtepartnerschaften ihrer Heimat mit Prag durchaus für ein deutsch-tschechisches Programm geeignet sein könnten.
Die Teilnehmer sollen zunächst ein Jahr lang neue Akteure „inspirieren und begleiten.“ Dann geben sie drei Monaten lang (bis Juni 2027) ihre Kontakte und Erfahrungen an den nächsten Jahrgang weiter.

Das macht demnächst Jana Kadlecová, gerade Teilnehmerin am aktuellen Programm, das im Juni 2026 endet. Sie erfüllte die geforderten Voraussetzungen vollauf: Die 45-Jährige wurde in Prag geboren, verbrachte ihre Kindheit in České Budějovice (Budweis) und studierte dort Deutsch und Tschechisch auf Lehramt. Vor acht Jahren lernte sie ihren Mann kennen und zog mit ihm in den Böhmerwald.
„Ich habe mich schon immer für alles Deutsche interessiert“, erzählt sie aus ihrem Leben. Literatur, Landeskunde, Sprache, Reisen – für Jana Kadlecováhing alles immer zusammen. Auch als Deutschlehrerin interessierte sie sich nicht nur für Pädagogik und Methodik als Voraussetzungen für ihren Beruf, sondern ebenso für Geschichte und Sprache der Deutschen als Inhalte ihres Unterrichts.
Lehrmeister Eltern
Für diese Affinität zum Nachbarn sorgten ihre Eltern: „Sie wollten, dass ich von klein auf Deutsch lerne, schon seit der ersten Klasse. Obwohl wir keine Verwandte in den deutschsprachigen Ländern hatten.“ Dementsprechend ist ihr die Problematik der deutsch-tschechischen Beziehungen „ein Leben lang bekannt, durch mein Hochschulstudium, den Beruf, mein Interesse daran.“
Als sie schließlich an der Grenze wohnte, wuchs ihr Interesse an Alltag, Kultur, Ereignissen weiter. Damit war es für sie „nur noch ein kleiner Schritt“, um sich am Programm des Fonds zu beteiligen.
Programm der „kleinen Schritte“
Wie ist – nach ihren Erfahrungen – mittlerweile die Stimmung im Grenzgebiet? Dort, wo es bis und auch noch nach der Revolution von 1989 viele Ressentiments gegenüber den Deutschen gab – wie umgekehrt viel Misstrauen gegenüber den Tschechen auf der anderen Seite.
„Der Stand ist sicher noch nicht so, wie man es sich wünscht“, urteilt Jana Kadlecová. Aber sie sieht Fortschritte, beobachtet, dass sich etwas ändert, wenn auch „in kleinen Schritten.“ Wo genau sind diese Fortschritte? Schon darin, „dass sich Menschen füreinander interessieren statt sich von vornherein abzulehnen“, antwortet sie.
Noch reichlich Luft nach oben
Doch dafür brauche es Projekte und Aktivitäten, die helfen, Grenzen abzubauen. Zum Beispiel das Programm des Zukunftsfonds. Mehr als auf offizieller Ebene müssen sich „einfache Leute treffen“, fordert Kadlecová. Und da gebe es „noch Potenzial.“
Dies sah auch Karel Schwarzenberg so, der frühere Außenminister der Tschechischen Republik. „Hohe Politik muss die Weichen stellen. Aber mit Leben wird eine Partnerschaft weiter unten erfüllt, gar kein Zweifel“, postulierte der Adelige in einem Gespräch mit dem Autor im Januar 2015 in Prag für das Buch „Deutsche und Tschechen heute.“

„Nur gegenseitige Staatsbesuche richten wenig aus“, schob Schwarzenberg nach. Für eine Zusammenarbeit zwischen Städten, Hochschulen, Institutionen sei jedoch wichtig, dass sie kontinuierlich erfolge. Die deutsch-französische Freundschaft war dafür ein schönes Vorbild. „Sie wurde von beiden Seiten betrieben. Und von oben nach unten“, befand er.
Dagegen stand für ihn bei der Partnerschaft zwischen Bayern und Tschechien (zu) „vieles nur auf dem Papier.“ Schwarzenbergs Urteil: „Wenn man sich „nur ein-, zweimal im Jahr besucht, ist das keine wirkliche Kommunikation.“
Nicht nur gute Laune
Im Grenzgebiet zwischen diesen beiden Ländern ist 80 Jahre nach Krieg und Vertreibung eine neue Generation aufgewachsen. Hat sie eine andere, offenere Einstellung zum Nachbarn als die Kriegsgeneration? Jana Kadlecová fällt es spürbar schwer, darüber zu sprechen und die Folgen von früheren politischen Entscheidungen zu bewerten.
Nur so viel ist ihr zu entlocken: Das Credo von den „besten Beziehungen aller Zeiten zwischen Deutschen und Tschechen“, das von offizieller Seite so gerne hinausposaunt wird, sieht sie „noch nicht.“ Auch wenn einiges dafür getan werde, beobachtet die Frau, die der Basis viel näher ist als die meisten aus der „hohen Politik.“
Deshalb ist ihre Einschätzung wertvoll. „Die Situation wird besser und besser“, sagt Kadlecová,„aber es ist noch viel zu tun.“ Ihre ersten Treffs als „Grenzarbeiterin“ waren geprägt von Vorsicht und Zurückhaltung. Neun Monate später sei dies anders – zumindest bei denen, die sie mit ihrer Arbeit gewinnen konnte. „Ganz einfach deshalb, weil mehr Kontakt als vorher besteht, weil man sich gegenseitig kennengelernt hat.“

Größter Erfolg ihrer 20-Stunden-Woche seit April 2025 ist ein böhmisch-bayerischer Stammtisch, der sich etabliert hat. Und über den sie hörbar stolz berichtet. Man trifft sich alle zwei Monate, einmal auf deutscher Seite, beim nächsten Mal in Tschechien. Teilnehmer stellen sich vor, sprechen ein paar Stunden miteinander.
„Oft werden die Leute danach selbst aktiv, besuchen sich gegenseitig, laden zu Veranstaltungen oder gemeinsamen Treffen auf einen Kaffee ein.“ Darüber freut sich Jana Kadlecová. In der großen Politik nennt man so etwas Subsidiaritätsprinzip: Hilfe zur Selbsthilfe.
Gemeinschaft als Wert
Mit dem Stammtisch sei es gelungen, eine feste Gemeinschaft zu bilden. Dass sich dieser „Klub“ selbständig weitere Möglichkeiten ausdenkt, um seine Basis zu stärken und weiter zu tragen, ist für sie ein Ausdruck wachsender Zusammengehörigkeit: „Es ist ihnen wert, darüber mit anderen Bekannten und in ihren Gemeinden zu sprechen. So verbreitet sich die Idee weiter.“
Und damit werden „die kleinen Schritte zu etwas Größerem.“ Irgendwann plante die Gruppe eine Radtour und lud umgekehrt Jana Kadlecová dazu ein – als Begleiterin…
Beginn bei Bekannten
Um zu Eigeninitiative zu motivieren, musste sie freilich erst Teilnehmer finden. „Ich wohne zwar hier, aber eben erst seit ein paar Jahren, deshalb waren meine Kontakte beschränkt“, blickt sie zurück. Aus diesem Grund begann Kadlecová im eigenen Bekanntenkreis, dazu kam ein Freund auf der bayerischen Seite.
Am ersten Stammtisch saßen sie nur zu zweit in einem Gasthaus. Motto: Mal sehen, wer noch kommt. „Es war wichtig, damit zu beginnen“, bekräftigt sie. Um einzuschränken: „Wir hatten aber nicht ausgeschlossen, an dem Abend auch nur zu zweit zu bleiben.“
Käufer oder Tanktouristen…
Tatsächlich kamen 28 Menschen. Allesamt Unbekannte. „Vielleicht war ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, wundert sich Kadlecová heute noch über diese frühe Resonanz. Die Gäste hatten davon in Zeitungen gelesen. Und sie waren neugierig aufeinander. „Bis dahin wussten die Bayern hauptsächlich von den Tschechen, dass sie zum Einkauf herüberkommen. Und die Tschechen, dass die Bayern vor allem zum Tanken in ihr Land fahren.“
Nun wollten die neuen Stammtisch-„Brüder und Schwestern“ mehr. „Sie wollten mehr wissen, mehr Kontakt, sich unterhalten, gemeinsam etwas unternehmen und erleben.“

Für jedes Treffen wurde ein Thema vereinbart. Vor Weihnachten bei Abendessen und Weihnachtsliedern gefeiert. Überhaupt Musik: Teilnehmer bringen oft ihre Instrumente mit und Jana Kadlecová Texte für Lieder, die auf Deutsch und Tschechisch gesungen werden, wenn Liederversionen in beiden Sprachen verbreitet sind. „Emotionales hält die Leute zusammen“, hat sie erkannt. Und „je öfter sie sich treffen, desto tiefer wird die Beziehung untereinander und die Freude aufeinander.“
Wie aber funktioniert es mit der Sprache, oft ein Hemmnis für deutsch-tschechische Beziehungen? „Manche haben erwähnt, dass sie durch die Treffen angefangen haben, Tschechisch zu lernen. Oder dass sie nach 20 Jahren wieder mit der Fremdsprache begonnen haben.“
Mehr Schüler für Tschechisch
Ein Mann wollte zweisprachige Einladungen, deshalb „hat er mit Hilfe von KI Texte für Infos in beide Sprache übersetzt.“ Eine Lehrerin für Tschechisch an einer Volkshochschule berichtete, dass sie jetzt mehr Schüler habe. Allesamt Ergebnisse des Stammtisches. Darauf ist Jana Kadlecová – mit einigem Recht – stolz.
Ihr Ziel bleibt, möglichst viele und vieles in beiden Sprachen zu verbinden. Die Treffen. Die Informationen. Am besten alles. Große Ziele, um Großes zu erreichen. Wer Probleme hat, für den übersetzt sie. Noch bis Juni. Dann endet ihre Zeit in dem Projekt.
Wissen weitergeben
Warum beteiligte sie sich überhaupt? „Ich fand die Idee spannend“, erklärt Kadlecová. Nachdem sie zuvor schon mit Schulen gearbeitet hatte, und mit dem Goethe-Institut in Budweis. Bereits Erfahrungen gesammelt hatte, durch Unterricht, Projekte, Beratungsarbeit. Nun wollte sie ihr Wissen weitergeben. Und sie wollte „Menschen beim Prozess der Annäherung begleiten.“ Was beinahe wie ein missionarischer Auftrag klingt.
Ihr Fazit: „Viele waren anfangs schüchtern und unsicher. Wenn man ihnen aber hilft und sie ein wenig begleitet, dann ist es schön zu sehen, wie sie gemeinsam Zeit verbringen – als Partner und einige sogar als Freunde.“ Es sei „etwas Gutes entstanden“, meint sie. „Das war mein Ziel.“

Für die verbleibenden Wochen hat Jana Kadlecová noch einige Pläne. Eine Nacht der Kirchen an der Grenze zum Beispiel. Treffen und Ausflüge mit „ihrem“ Stammtisch sowieso. Nicht mehr nur Treffen in einer Gaststätte, sondern längst mit einem Programm auch außerhalb. Dazu eine Ausstellung in einer bayerischen Gemeinde zu Böhmerwald und Grenzgebiet.
Und wie geht es für sie weiter nach diesem Programm? „Es war für mich ein schönes Abenteuer“, fasst Kadlecová zusammen, „ich hätte nicht gedacht, dass dieses Jahr so ablaufen wird. Mit vielen netten Menschen und vielen Geschichten.“
Noch nicht am Ende
„Auf keinen Fall“ sieht sie ihr Engagement beendet, wenn nun das Programm ausläuft. Auf alle Fälle will sie sich einsetzen, dass der Stammtisch weiterläuft. Und auch in anderen deutsch-tschechischen Bereichen tätig bleiben.
In seiner Ausschreibung verspricht der Zukunftsfonds, dass dieses „Jahr an der Grenze“ den Teilnehmern „Chancen zur persönlichen und beruflichen Weiterentwicklung“ biete und sie „für zukünftige Tätigkeiten in deutsch-tschechischen Initiativen und Organisationen“ qualifiziere. Auch eine Möglichkeit für die freiberufliche Lehrerin?
Nein, kein Thema, sagt Jana Kadlecová. Sie habe schon früher viel in diesem Bereich getan, bei Schulpartnerschaften, für Treffen, als Dolmetscherin, für andere Lehrkräfte.
Nicht jeder geeignet
Mit seinem Programm spricht der Fonds Menschen an, die daran interessiert seien, Mitbewohner und Initiativen „in Ihrer Umgebung miteinander zu vernetzen und dazu beitragen, dass aus ersten Ideen konkrete Begegnungen entstehen“. Doch wer ist wirklich dafür geeignet, dieses „Jahr an der Grenze“ zu bestreiten?
„Man muss offen sein für alles, denn man weiß nie, welches Thema entsteht und welche Menschen mit welchen Geschichten man trifft“, teilt Kadlecová ihre Erkenntnisse. „Man kann viel lernen, muss dafür aber kommunikativ sein. Dann ist es eine schöne Arbeit.“ Aber, darauf legt sie Wert, diese Tätigkeit „ist auch verantwortungsvoll.“
Nicht jeden gewonnen
Ist sie mit ihren Plänen auch auf Ablehnung gestoßen? „Ja“, gesteht sie offen ein, „es gab Leute, die wollten keinen Stammtisch und keine Partnerschaft ausprobieren.“ Nach ihrem Eindruck jedoch nicht, weil sie kein Interesse hatten, sondern „weil die Zeit heutzutage sehr anspruchsvoll ist.“
Kinder, Familie, andere Hobbys oder Engagements in Vereinen – da bleibe nicht mehr viel übrig für deutsch-tschechische Belange. „Leider sind aktive Menschen, die auch hier etwas bewegen könnten, oft schon anderswo eingebunden.“

Schlusswort Kadlecová: „Ich glaube, Zeit und Energie in zwischenmenschliche Beziehungen zu investieren, ist immer sinnvoll.“ Und nirgendwo auf der Welt sieht sie Völker so nah beieinander wie im deutsch-tschechischen Grenzgebiet. Deshalb eröffnen sich gerade hier für sie Möglichkeiten zur Zusammenarbeit und Verständigung – zum Wohle dieser Region.
Was für die Eingangsfrage bedeutet: Keine Geldverschwendung – so lange sich erfolgsorientierte (und erfolgreiche) Teilnehmerinnen und Teilnehmer wie Jana Kadlecová finden lassen.