Nein, der Mann fuhr nicht wegen der billigeren Spritpreise über die Grenze. Vielmehr war er auf der Flucht vor der Polizei und hoffte, mit einer abenteuerlichen Fahrt nach Tschechien zu entkommen. Mitsamt des Fahrzeugs, das der 38-Jährige kurz zuvor in der Oberpfalz geklaut hatte. Bei einem sogenannten Keyless Go-Diebstahl, einer speziellen Form des Autoklaus, die Polizei und Fahrzeugbesitzer unvermindert in Atem hält.

Neukirchen beim Heiligen Blut ist ein bekannter Wallfahrtsort im Landkreis Cham (Oberpfalz). Dort war der Dieb, ein Mann aus dem tiefkatholischen Polen, gerade um fünf Uhr morgens auf der Kreisstraße 45 unterwegs, als Grenzpolizisten sein Fahrzeug stoppen und kontrollieren wollten.

Doch er setzte seine Fahrt mit hoher Geschwindigkeit fort. Fahnder aus Furth im Wald folgten ihm – und wenig später auch über die Grenze nach Tschechien. Im Rahmen einer Nacheile, die in bilateralen Abkommen geregelt ist und bayerischen Beamten erlaubt, Flüchtige auch ins Nachbarland zu verfolgen (wie umgekehrt auch tschechischen Polizisten).

Gleichzeitig informierten Mitarbeiter des deutsch-tschechischen Polizeizentrums in Schwandorf die tschechische Polizei über Standorte des Fahrers. Seine weitere Flucht verlief durchaus rasant: Noch auf deutscher Seite geriet er auf die Gegenfahrbahn, ein entgegenkommendes Fahrzeug konnte einen Zusammenstoß im letzten Moment verhindern.

Auch nach der Grenze behielt der Mann eine hohe Geschwindigkeit bei und erreichte über Svatá Kateřina, Uhliště und Skelná Huť schließlich Nýrsko. Dort überfuhr er eine Grünanlage, touchierte einen Baum und prallte am Ende gegen eine Gartenmauer.

Anschließend versuchte er, noch zu Fuß zu flüchten, gab aber laut Polizeiangaben nach wenigen Metern auf, da er sich durch den Unfall leicht am Bein verletzt hatte. Deshalb ließ er sich von Beamten der Grenzpolizeigruppe Furth im Wald festnehmen und wurde der tschechischen Polizei übergeben. Die Staatsanwaltschaft Ansbach beantragte mit europäischem Haftbefehl seine Auslieferung nach Deutschland.

Es stellte sich heraus, dass der Dieb das Fahrzeug mit einem Wert im mittleren fünfstelligen Eurobereich nachts in Ellingen (Mittelfranken) gestohlen hatte. Dessen Eigentümer hatte den Diebstahl noch nicht bemerkt, als die Polizei ihn darüber in Kenntnis setzte.

Vermutlich überwand der Täter zuvor das im Fahrzeug verbaute Keyless Go-System. Vor acht Jahren berichtete die Prager Zeitung bereits über diese Form von Diebstählen, nachdem sie immer öfters in Polizeiberichten auftauchten.

Bei dieser Keyless Go-Technik werden nicht mehr althergebrachte Schlüssel genutzt, um Autos zu öffnen oder zu starten. Stattdessen sind Funkschlüssel über Sensoren mit dem Auto verbunden. Mit ihrer Hilfe werden Autos automatisch entriegelt und dann per Knopfdruck gestartet. Wobei diese Technik vor allem in hochwertige Autos eingebaut wird – und weshalb bereits bei wenigen Taten ein sehr hoher Vermögensschaden entsteht.

Obwohl Besitzer die Originalschlüssel von Keyless-Go-Autos bei sich zu Hause aufbewahren (sollten), hatten sich Diebe schon damals gerade auf solche Autos spezialisiert, wie wir berichteten. Dafür setzen sie selbst moderne Technik ein. Eine spezielle Software stellte über mehrere Meter eine Funkbrücke zwischen dem Schlüssel (im Haus) und dem geparkten Fahrzeug her.

So benötigen sie nur wenige Sekunden für einen Diebstahl, der zudem weitgehend geräuschlos abläuft. Denn Diebe müssen dafür keine Autoscheibe einschlagen oder ein Türschloss aufdrehen. Zudem wird das Auto nicht beschädigt. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) verwies damals darauf, dass Hersteller die Schutzmechanismen ständig weiter entwickeln würden.

Trotzdem sind solche Diebstähle allem Anschein nach weiter „in Mode.“ Denn nur wenige Tage vor der abenteuerlichen Flucht des Polen berichtete das Polizeipräsidium in der Oberpfalz über zwei ähnliche Fälle.

Zunächst kam es in Erbendorf (Lkr. Tirschenreuth) zum Diebstahl eines Autos mit KeylessGo-Technik. Ebenfalls in den frühen Morgenstunden nach Mitternacht, wie meist in diesen Fällen. Gleichfalls unbemerkt vom Eigentümer des Autos. Erneut mit Schadenin einem fünfstelligen Eurobetrag.

Im Zuge dieser Ermittlungen wurde bekannt, dass in der gleichen Nacht versucht wurde, nur ein paar Kilometer weiter auch in Kemnath einen ähnlichen Fahrzeugtyp mit Keyless Go-System zu entwenden – allerdings erfolglos.

Tipps der Polizei

Deshalb rät die Polizei den Eigentümern von Autos mit Keyless Go-Technik, ihren Schlüssel nie nahe von Haus- oder Wohnungstüren, Fenstern oder Außenwänden abzulegen. Und das Funksignal zusätzlich durch Aluminiumhüllen oder Alufolie abzuschirmen.

Sie empfiehlt einen Test: Nur wenn sich das Fahrzeug selbst dann nicht öffnet, wenn der „abgeschirmte“ Schlüssel direkt neben die Fahrzeugtür gehalten wird, hätten auch Diebe keine Chance.

Für ratsam hält sie auch, beim Hersteller nachzufragen, ob Keyless Go eines Fahrzeuges temporär deaktiviert werden kann. An manchen Schlüsseln gebe es die Funktion, durch zweimaliges Drücken auf die Verriegelungstaste diese Funktion ganz auszuschalten. Auch eine Fachwerkstatt könne dafür weiterhelfen.

Zudem solte ein Fahrzeug in einer abschließbaren Garage oder Unterstellmöglichkeit abgestellt werden – insbesondere nachts.

Titelfoto: Erik Mclean / pexels