Doppeltes Angebot für Prag-Fans in der ARD: Gleich zwei Spielfilme zur Moldaumetropole innerhalb von nur vier Tagen. Gestern bereits die beiden Folgen von „Der Prag-Krimi“ im WDR. Zwar schon im Jahr 2018 produziert, aber trotzdem lohnt auch die Wiederholung, nochmals ein paar Stunden damit vor dem Fernseher zu verbringen – zumindest für den ersten Teil.
Es gibt zahlreiche Themenführungen in Prag. Zu Kafka, zu Havel, zu Mozart – und auch zu Jaroslav Rudiš, den Schriftsteller und Musiker, der sowohl in tschechischer wie in deutscher Sprache publiziert. Dieser Rundgang auf den Spuren von Rudiš heißt „Wasserleiche“ und ist die erste Folge von „Der Prag-Krimi.“ Er wird daher nur im Fernsehen angeboten und nicht live vor Ort in Prag.
Denn Jaroslav Rudiš hat für diese Folge das Drehbuch geschrieben. Zwar gemeinsam mit anderen, aber in vielen Sequenzen ist eindeutig seine Handschrift zu erkennen. Beginnend mit dem Titel: Tatsächlich gibt es in diesem Krimi ein Opfer, das tot aus der Moldau geborgen wird. Danach lässt aber ein Wasserpolizist den deutschen Kommissar an seinem „Utopenec“ teilhaben.
Diese Spezialität der böhmischen Küche ist eine Brühwurst, die in einem Sud aus Essig und Wasser mit Zwiebeln und Gewürzen eingelegt wird. Übersetzt heißt sie zwar „Ertrunkener“, aber bei der Leiche aus dem Wasser ist auch nicht gleich klar, ob der Mann natürlich gestorben ist oder ermordet wurde. In jedem Fall ein Wortspiel à la Rudiš.

Der Plot dieses Kriminalfilms ist völlig sekundär. Ein BKA-Ermittler – gespielt von dem bekannt vielseitigen und immer etwas linkisch wirkenden Roeland Wiesnekker – soll den Todesfall eines Kollegen in Prag aufklären. Er hat den eigenen Bruder und seine Kumpane als Kunstfälscher entlarvt, weshalb sie ihn erst von der Karlsbrücke werfen und anschließend in der Moldau versenken.
Entscheidend ist in diesem Film aber Prag. Genauer das Prag, wie es Jaroslav Rudiš den Zuschauern zeigen will. Dabei ist er gnadenlos und reiht Klischee an Klischee. Schon gleich damit, dass der Prager Polizeichef schlicht Kafka heißt. Und Wiesnekker hört auf den Namen Jan Koller. Wie der frühere tschechische Stürmer von Borussia Dortmund. Vermutlich weil der Name damit bereits bekannt war und schneller ins Ohr geht als ein Jiří. Oder?

Seine Tätersuche baut Rudiš am Verlauf eines Junggesellenabschieds auf. Angepasst an die Banalität vom feierwütigen Volk, speziell aus Deutschland und England, das speziell in Prag „die Sau rauslässt.“ Dementsprechend setzen die Nachforschungen mit einer Fahrt in einem alten Straßenbahnwagen ein.
Danach fügt sich – gnadenlos – ein touristischer Hotspot an den nächsten. Jaro Rudiš lässt nichts aus: Schießen in einer Gotcha-Halle, Fress- und Saufgelage in einem „Grotta“-Restaurant, Feiern in der Disko „Duplex“, zum Abschluss in den Nachtclub „Peppers“ nebenan. Sex and Drugs and Alcohol.
Sichere Trampelpfade
Und dazwischen? Wenzelsplatz, Lucerna-Palast, Prager Metro und so weiter. Das mögen Prag-Kenner enttäuschend finden. Und es sind mit Sicherheit auch nicht die liebsten Plätze von Rudiš in der tschechischen Hauptstadt. Wohl deshalb baute er eine nächtliche Bootsfahrt ein. Sie gibt entscheidende Hinweise auf die Tat, lässt den tschechischen Polizisten als Bootsführer aber zudem schwärmen: „Fast still hier – auch das ist Prag!“
Das Konzept ist trotzdem verzeihlich, wenn man Zuschauer für einen Film gewinnen will, die noch nie oder ganz selten nach Prag gereist sind. Auch ich empfehle jedem, der noch nicht in Prag war: Karlsbrücke, Burg, Altstädter Ring – obwohl der Königsweg heutzutage alles andere als sehenswert ist. Doch wer keine Fotos von diesen Orten mit nach Hause bringt, muss im Bekanntenkreis die Frage fürchten, ob er überhaupt in Prag gewesen sei.
Rudiš ist mit seinem Konzept unterwegs auf Trampelpfaden. Aber es sind sichere Wege, auf denen sich Zuschauer in Prag nicht verirren können. Anders als in der Serie „Die Diplomatin“, ebenfalls in der ARD, mit der großartigen Natalia Wörner in der Hauptrolle. Auch dort spielen mehrere Episoden in Prag. Doch ihre „Diplomatin“ sucht und findet in Prag oftmals Neues und Unbekanntes.

Somit ist dieser „Prag-Krimi“ in erster Linie eine Stadtführung durch Prag nach Vorgaben des Lotsen Rudiš – angereichert mit Elementen eines Krimis. Sie wird durch großartige Perspektiven der Stadt, eingefangen von Kameramann Hannes Hubach, zu einem Erlebnis. Selbst wenn diese Ansichten seit Jahrzehnten wohlvertraut sind.
Denn Hubach macht sich geschickt und mit verschiedenen technischen Hilfsmitteln zunutze, dass Prag foto- und telegen ist wie kaum eine andere Metropole auf diesem Erdball. In seinen Einstellungen glänzt und brilliert die goldene Stadt zu jeder Stunde, vom Sonnenaufgang über dem Petřín und im Kinský-Garten bis zu den nächtlichen Aufnahmen an der Karlsbrücke und auf der Kampa-Insel.
Zwar oftmals reines Postkarten-Idyll, aber egal. Trotzdem schön. Und mit einem nicht zu unterschätzenden Vorteil: Dank der vielen Schauplätze ist dieser Film nicht so Dialog-lastig wie mittlerweile viele deutsche Krimis. Auch hier gibt’s kaum „Action“, dafür aber eben reichlich Prag.
Weiblicher „Schwejk“
Und man stößt noch auf eine weitere Attraktion, nämlich im Schauspielerensemble. Der unkonventionelle Koller muss sich mit Hilfe einer ebenso korrekten wie konservativen Streifenpolizistin in Prag zurechtfinden. Sie wird von Gabriela Maria Schmeide dargestellt.
Herrlich, wie sie sich bei ihrem Vorgesetzten auf einer Eishockey-Bank über den deutschen Beamten beklagt. „Ich kann aufräumen, was der angestellt hat“, motzt die tschechische Kollegin. Dann Helm auf, Visier runter und ab aufs Eis. Womit sie in Worten, Gesten und Mimik nachgerade an den „Schwejk“ in den Wirren des Krieges und auf einem Schlachtfeld erinnert.
Diese Folge vom „Prag-Krimi hatte bei der Erstausstrahlung im Dezember 2018 fast fünf Millionen Zuschauer, die Fortsetzung „Der kalte Tod“ eine Woche später kaum mehr als drei Millionen. Sie erreicht laut tittelbach.tv auch nicht die Qualität des Vorläufers.
Teil zwei sei „eine gelinde Enttäuschung und erzählt zudem eine Geschichte, die keinesfalls in Prag spielen“ müsse, bemerkt die auf Fernsehkritik spezialisierte Website. Die Stadt nehme praktisch keine Rolle mehr ein, der Film mache den Eindruck, „als hätte sich die Produktionsfirma den ersten Teil zu viel kosten lassen und beim zweiten sparen müssen.“

Vielleicht sogar die Gage für Jaroslav Rudiš? Zumindest wirkte er dafür nicht mehr am Drehbuch mit. Den ersten Teil ließ der Tscheche in der Kneipe „Zum ausgeschossenen Auge“ im Prager Stadtteil Žižkov ausklingen. An der Theke identifiziert die Polizistin für den Beamten aus Deutschland die schlafenden Kneipengänger an den Biertischen:
Ein „Astronom“ ist demnach, wer in die Luft guckt; ein „Uhrmacher“, wer auf dem Tisch einnickt; ein „Philosoph“, wer im Bierrausch seinen Kopf auf die Hand stützt, ein „Automechaniker“, wer rücklings auf einer Sitzbank liegt.
Wieder ein echter Rudiš! Vermutlich ist das „Auge“ auch der einzige Ort im „Prag-Krimi“, an dem er privat selbst mal vorbeischaut.