Doppeltes Angebot für Prag-Fans in der ARD: Gleich zwei Spielfilme zur Moldaumetropole innerhalb von nur vier Tagen. Heute Abend sollte man keinesfalls den Vierteiler „Sternstunde der Mörder“ verpassen. Das kleine Meisterwerk führt drei Stunden lang vor Augen, wie Bewohner dieser Stadt versuchen, in einem Klima von Angst, Terror und Misstrauen zu überleben.

Das Drehbuch von „Sternstunde der Mörder“ orientiert sich an der gleichnamigen Vorlage des Schriftstellers Pavel Kohout von 1995 und wurde von Česká Televize mitproduziert. Der Titel erinnert an Stefan Zweigs „Sternstunden der Menschheit“, eine Sammlung von Miniaturen über historische Ereignisse, die sich auf die Geschichte der Menschheit ausgewirkt und sie verändert haben.

Historisch sind fraglos auch Zeit und Schauplatz in diesem ARD-Film: Die von den Deutschen besetzte Tschechoslowakei bzw. Prag im Frühjahr 1945. Die Miniserie serviert keine leichte Kost, denn sie veranschaulicht, wie Krisensituationen Menschen deformieren und zu allein noch berechnend reagierenden Subjekten degradieren. 

Foto: ARD Degeto Film/NDR/Servus TV/Canal+Austria/HR/Zeitgeist Filmproduktion/EPO-Film/Petro Domenigg“ (S2+).

Völlige Verunsicherung damals, allenthalben. Oft auch Verzweiflung. „Was wollen Sie denn hören?“, fragt ein Zeuge, zu jeder Antwort bereit, sofern sie ihn nicht in Schwierigkeiten bringt. Jetzt nichts Falsches sagen, nur nichts Falsches machen. Wo sich Kriegsende und Befreiung abzeichnen. Da will jede Tat und jedes Wort wohlüberlegt sein.

In einer Zwickmühle steckt auch der ermittelnde Beamte, glänzend besetzt mit Jonas Nay in der Hauptrolle. Schon rücken die Alliierten allmählich auf die Tschechoslowakei vor, doch noch herrschen die NS-Besatzer über Prag. Und Nay alias Jan Morava, der auf der Toilette heimlich den Radiosender BBC hört, muss in diesem Minenfeld den Mord an einer deutschen Offizierswitwe aufklären.

Ihm stehen seine Gefühle förmlich ins Gesicht geschrieben, drückt sich in jeder Geste Leiden wie Hoffnung aus. „Könnte es so schlimm werden wie nach dem Attentat auf Heydrich?“, will er von seinem Vorgesetzten nach dem Mord an der Baronin wissen, „werden die Deutschen wieder wahllos Frauen und Kinder töten…?“

Tatsächlich erwartet NS-Befehlshaber Meckerle Ergebnisse. Er will die Namen von Widerständlern innerhalb der tschechischen Polizei. Deshalb entwaffnet der bis zum letzten Atemzug überzeugte Nazi gerade dann heimische Polizeikräfte, als sie einen „Lockvogel“ schützen und den Mörder stellen sollen. Devid Striesow schreit, befiehlt, droht, manipuliert in dieser Rolle – sein diabolisches Grinsen erinnert zuweilen sogar an den NS-Mann Christoph Waltz in „InglouriousBasterds.“

Dieser Meckerle hat Bubak als Aufpasser in die heimische Polizei geschickt. Als dieser Kriminaloberrat sucht Nicholas Ofczarek, desillusioniert und ebenfalls verzweifelt nach dem Tod seiner Familie, zwischen den Antagonisten jedoch schon nach seiner eigenen Zukunft – sofern er noch eine hat.

Foto: ARD Degeto Film/NDR/Servus TV/Canal+Austria/HR/Zeitgeist Filmproduktion/EPO-Film/Petro Domenigg“ (S2+).

Düstere Drehorte, atmosphärische Ausstattung, historischer Hintergrund – all dies verbindet diese Krimi-Produktion mit zwei anderen Reihen, die Fernsehabende ebenfalls zu TV-Ereignissen mach(t)en. Ähnlichkeiten der „Sternstunde der Mörder“ mit der äußerst erfolgreichen deutschen Serie „Babylon Berlin“ sind nicht zu übersehen und zweifelsohne beabsichtigt. Beide TV-Reihen gehören zur Kategorie von historischen Kriminalfilmen, mit Fällen am Rande von politischen Umbrüchen, und spielen damit in einer hochexplosiven Zeit.

Mord und Gewalt spielt sich bei ihnen in einer von Krisen erschütterten Gesellschaft ab. Einmal in Prag kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs 1945, zum anderen im Berlin der Weimarer Republik in den späten 1920er Jahren. Große Intensität oder rauschhafte Stimmung charakterisieren die Handlungsstränge. Es ist, hier wie dort, der berühmte „Tanz auf dem Vulkan.“

Die vier Teile der „Sternstunde“ weisen zudem Parallelen zu einer anderen Serie auf, dem tschechischen Politthriller „Bez vědomí“ (Die Schläfer). Er seziert die Monate vor der Samtenen Revolution 1989 in der Tschechoslowakei. Seine sechs Teile wurden von HBO Europe 2019 unter dem Titel „The Sleepers“ produziert und 2021 von „arte“ gezeigt.

Um vorzuführen, wie sich totalitäre Systeme auf Menschen auswirken, werden verschiedene Handlungsrahmen gebildet: Die Jagd nach einem Serienkiller in den Kriegswirren in „Sternstunde“ und ein Spionagedrama in „Schläfer.“

Diese Filme eint nicht allein, dass sie in Prag spielen. In beiden ist die Metropole eine graue, versteinerte und vor allem vereinnahmte Stadt, von ganz rechts wie von ganz links des politischen Spektrums. Und dadurch weit abseits aller „goldenen“ Ansichten, die ansonsten ihren Ruf prägen.

Sie beschäftigen sich zudem intensiv mit der jüngeren Geschichte der Tschechoslowakei. „Sternstunde der Mörder“ mit den letzten Tagen der Nazi-Besatzung, in denen ein Blut-Richter noch von der „Festung Breslau“ im Kampf gegen den Bolschewismus schwärmt und sich im gleichen Moment schon aus dem Staube Prags macht, mitsamt seines Klaviers. In „Die Schläfer“ tief im Jahr 1989, als sich der Zusammenbruch des Sowjetimperiums bereits deutlich abzeichnete.

Ein Vergleich von „Sternstunde der Mörder“ mit „Babylon Berlin“ ist schon deshalb schwierig, weil dieses „Babylon“ die teuerste deutsche Fernsehserie aller Zeiten war. Und weil allein deren erste Staffel acht Folgen von jeweils 45 Minuten Minimum Länge umfasste. Das zog sich. Die „Sternstunde“ wurden hingegen in nur vier Folgen á 45 Minuten abgedreht. Da muss man zügig auf den Punkt kommen.

Foto: ARD Degeto Film/NDR/Servus TV/Canal+Austria/HR/Zeitgeist Filmproduktion/EPO-Film/Petro Domenigg“ (S2+).

Überraschend, wie der in Lübeck geborene Nay fließend Tschechisch parliert oder ein Deutsch mit starkem Akzent verwendet. Das Engagement einer Sprachlehrerin, die ihm zur Seite stand, machte sich für die Authentizität von Dialogen und damit auch der Handlung bezahlt.

Es sei keine Kraft mehr vorhanden, um zu trauern, bekennt die Geliebte (Jeanette Hain) des SS-Standartenführers Meckerle heimlich. Natürlich eine Schauspielerin, wie oft in Filmen über totalitäre Herrschaften, dazu blond und auch noch mit dem Namen Marleen… In wenigen Monaten habe sie den Glauben an einen Sinn des Lebens verloren. „Doch ich habe Angst vor dem Tod und deshalb gelernt zu überleben“, fügt sie noch an.

Showdown, letzter Teil: Ausgerechnet der gesuchte Serienkiller wird zum Helden für tschechische Partisanen, weil er den Weg zum (noch) besetzten tschechischen Rundfunk freischießt. In seinem Sog mutieren sie jedoch umgehend zu einem rachesüchtigen Mob. Dessen nächstes Ziel gibt der Mörder vor: „Deutsche erschießen.“

Derweil hat sich Bubak zur Kollaboration erschossen und erschlägt Meckerle. Nur weil dessen Untergebener anschließend glaubt, der getötete Nazi würde in seinem Zimmer schlafen, kommen die politischen tschechischen Gefangenen frei.

Was für eine irrsinnige Zeit!

Nachsicht deshalb auch für die eher überflüssige Anleihe an Jaroslav Hašek. Weil der einsichtige Bubak mit Marleen fliehen will, aber nachkommen muss, ist ein Treffpunkt nötig. „An jedem ersten und dritten Monat Punkt 12 am Münchner Hauptbahnhof“ wird vereinbart. Also ähnlich wie „Nach dem Krieg um halb sechs im Kelch!“ von Schwejk. Jeanette Hain spricht den Satz – wohl nicht nur wegen Bubak – mit einem Lächeln…

Und Prag? „Gibt es noch Hoffnung für diese Stadt?“ erkundigt sich Marleen schon früh im Film bei ihrem neuen Geliebten. „Wenig“, vermutet Bubak bereits in Folge zwei. Mit erstaunlicher Weitsicht für die folgenden Jahrzehnte.

„Sternstunde der Mörder“ – ein starkes Filmdokument. Spannend, erschreckend, historisch relevant. Passend zu Karfreitag.  

Titelfoto: ARD Degeto Film/NDR/Servus TV/Canal+Austria/HR/Zeitgeist Filmproduktion/EPO-Film/Hubert Mican (S2+)