Er starb vor fast schon 500 Jahren. Doch nie war Albrecht Dürer aktueller als gerade jetzt. Dafür gibt’s Belege im Überfluss. Er ist Thema in seiner Heimat Franken, in Prag, praktisch überall. Wegen aktueller Ausstellungen, neuer Bücher, Vorträgen, Fernsehbeiträgen. Motto: Von Dürer lernen heißt erfolgreich sein. Gilt für Künstler. Und für Marketing-Agenturen ebenso.
Auch das kleine Deggendorf in Niederbayern kommt nicht an ihm vorbei. Die Einladung zu einem Referat vermerkte kürzlich: „Dürer gilt als berühmtester deutscher Künstler überhaupt.“ Basta. Eintritt frei.
Und: Dürer, die Persönlichkeit. In Mannheim läuft bis Anfang Juli eine Petition, die erreichen will, dass ein Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrums mit Förderschwerpunkt Sehen erhalten bleibt. Sein Name: Albrecht-Dürer-Schule. Bisher 4.500 Unterzeichner.
Allein schon die Schlagzeilen des letzten Monats belegen, wie populär der Mann aus Nürnberg noch immer ist. Am 13. April wiederholte 3sat eine Dokumentation. Schlichter Titel: „Albrecht Dürer – Superstar.“ Nur einen Tag später stellte die Augsburger Allgemeine ein neues Buch über ihn vor. 800 Seiten Umfang, acht Kilo Gewicht. Wie ein paar Wochen vorher schon das evangelische Sonntagsblatt. Headline dort: „Ein Blick hinter die Genialität des Künstlers.“

Dürer hier, Dürer da. Selbst wenn er nicht im Mittelpunkt steht. Die FAZ berichtete am 15. April über eine Ausstellung im Pariser Louvre, gewidmet dem Maler und Kupferstecher Martin Schongauer aus dem Elsaß. Sie erwähnte darin explizit, dass ihn „kein Geringerer als der junge Albrecht Dürer“ im Jahr 1492 in Colmar aufsuchte. Sogar der Kinderkanal von ARD/ZDF präsentierte ihn – innerhalb einer Reihe über Leo da Vinci – jüngst seinen Zuschauern. Am 23. April und als „Meister Albrecht Dürer.“ Video in der ARD-Mediathek verfügbar bis 23. Mai 2026.
Dürer ohne Ende. Auch weiterhin. Die Staatlichen Museen zu Berlin führen genau am 6.6.26 eine Stunde lang ein Ausstellungsgespräch in ihrer Gemäldegalerie durch. Schlichter Titel: „Mit Abstand das Beste! Albrecht Dürer.“
Einen Tag später endet eine außergewöhnliche Ausstellung, die von gleich zwei Museen gemeinsam in der einst Freien Reichsstadt Schweinfurt organisiert wird. Ein paar Kilometer nördlich der Reichsstadt Nürnberg, in der Dürer im Mai 1471 geboren wurde.
Warum nur Dürer allerorten? „Weil er ein genialer Geschichtenerzähler ist“, antwortet Jan Soldin, Kurator dieser Schau mit 300 Exponaten. Er vergleicht das Kunstgenie „mit Netflix“ heute. Seine Meinung: „Die Welt lebt von Geschichten, und Dürer erzählt universelle Geschichten über alle Jahrhunderte hinweg.“ Bei ihm wirke Apokalypse wie ein Comic, in seinen Werken kommen hübsche Frauen ebenso vor wie biblische Themen. Albrecht Dürer sei, in einem Satz, „intelligente Unterhaltung.“
Soldin ist einer der jüngsten Museumsdirektoren Bayerns und leitet die Sammlung Otto Schäfer. Sie rühmt sich, fast das gesamte druckgraphische Werk von Albrecht Dürer zu besitzen. Mit mehr als 340 Blatt (einschließlich Doubletten) und fünf Buchausgaben. Weshalb sie als bedeutendste Privatkollektion weltweit gilt. Natürlich fehlt darin auch nicht das berühmte „Rhinocerus“ (also Rhinozeros).

Dieses Tier – genauer der Druck – sorgte Ende letzten Jahres in Prag für großen Wirbel. Zur Überraschung vieler wurde dort ein Originaldruck dieser möglicherweise berühmtesten Grafik von Dürer entdeckt. Selbst zur Überraschung der Tschechischen Nationalgalerie, die erst durch exakte Untersuchungen darauf aufmerksam wurde. Obwohl dieser Schatz schon seit 1958 bei ihr – achtlos – im Archiv lagerte.
Entscheidend für die Echtheit: Der schwarze Rahmen rund um das Rhinozeros ist an zwei Stellen am oberen Rand unterbrochen. Für Fachleute – laut Nationalgalerie – der Beweis für eine Erstausgabe. Zudem passe das Alter des Papieres in die Zeit, ebenso der Text über der Nashorn-Darstellung mit nur fünf Zeilen. Auch ein Wasserzeichen nahe des Kopfes diene als Beleg.
Nach seinem Tod im Jahr 1528 dienten Dürers Werke weiter als Vorbilder. Ganz besonders im 19. Jahrhundert, wofür das zweite Museum namens Schäfer in Schweinfurt im besonderen Maße steht, nämlich das von Georg Schäfer. Denn es beherbergt die weltweit bedeutendste Privatsammlung von Malerei eben jenes 19. Jahrhunderts aus dem deutschsprachigen Raum.
Nun kooperieren beide Museen, indem sie Dürers Drucken aus der einen Einrichtung zahlreiche Gemälde aus der anderen gegenüberstellen. Damit belegen sie die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Nürnberger Genie in der Zeit von 1800 bis 1920.

Beispiel: „Der heilige Antonius vor der Stadt“, ein Kupferstich Dürers aus dem Jahr 1519. Die Ansicht diente dem Maler Rudolf von Alt, geboren 1812 in Wien und dort auch 1905 gestorben, viele Jahrzehnte später als Vorlage für ein Werk über „Alt-Nürnberg.“

Für die Kuratoren der Kunstschau beruht Dürers „über die Jahrhunderte andauernder und länderübergreifender Ruhm“ entscheidend auf seinem umfangreichen druckgrafischen Werk – also auf dem Bestand, den Otto Schäfer nahezu vollständig sammelte. Das sieht man in Prag möglicherweise anders.
Denn vor genau 20 Jahren wurde an der Moldau mit Pomp und Gloria Dürers Gemälde „Das Rosenkranzfest“ gefeiert. Zum Jubiläum, weil es 500 Jahre zuvor entstanden war. Dürer schuf dieses Gemälde im Jahr 1506 in Venedig im Auftrag deutscher Kaufleute als Altarbild für eine Kirche.
Exakt 100 Jahre später kam es nach Prag, durch einen Kauf von Kaiser Rudolf II. Dieses Bild gehört bis heute zu den bekanntesten und wertvollsten Kunstwerken in der Prager Nationalgalerie. Mit ihm sei der Grafiker und Zeichner quasi über Nacht zu einem in Europa anerkannten Maler aufgestiegen – wurde damals postuliert. Frage also: Ist ein Gemälde nicht bedeutender als ein Druck?
Jan Soldin schmunzelt. Und verweist auf Professoren, Kunsthistoriker oder Museumsleiter, die wie er der Meinung seien, dass Albrecht Dürer ein deutlich besserer Grafiker als Maler war. Gleichwohl attestiert Soldin, dass „ein Gemälde immer einen höherer Wert hat, weil es ein Unikat ist.“ Also prinzipiell, nicht mit Blick auf Dürer.

Die große Ausstellung in Schweinfurt bietet nicht nur einen Überblick über das druckgraphische Werk von Dürer und seine Nachahmer. Was sie in gleicher Weise außergewöhnlich macht, sind Hinweise auf seine vielfältigen Marketing-Strategien. Beginnend mit dem Monogramm „AD“, das er als Marke für seine Werkstatt schuf. „Damit war der Künstler nicht mehr nur Handwerker, sondern wuchs darüber hinaus“, ordnet Jan Soldin die enorme Bedeutung dieses „Brandings“ ein.
Für den Museumschef zeigt sich Dürers Affinität zu Marketing-Aufgaben auch darin, dass der Nürnberger stets „am Puls der Zeit“ arbeitete. Mit dem Rhinozeros gab er Informationen über ein Tier weiter, obwohl er es selbst nie gesehen hatte. „Damit setzte er gleichsam einen Markttrend“, so Soldin. Dürers Darstellungen wurden in hoher Auflage nachgedruckt. Allein vom „Rhinocerus“ soll es bis zu 5.000 Exemplare geben. Zudem lebte Albrecht Dürer in einer historischen Epoche, in der sich Reformation und Katholizismus gegenüberstanden. Schnell habe er den Bedarf jener Tage erkannt und viele Madonnenbilder geschaffen.
Weil Albrecht Dürer auch wie ein Unternehmer dachte und handelte, gestaltete er immer neue Motive und produzierte sie in Serien– wie die Passion, die Apokalypse oder das Marienleben. Siekonnten sowohl als Einzelblätter als auch gesammelt erworben werden. „Dürer entwickelte quasi ein Abo-Modell“, sagt Soldin und findet einen eingängigen Vergleich: „Wie heutzutage bei Sammelalben – sammelt jemand Bilder vom FC Bayern, dann will er möglichst alle Spieler haben.“

Dies sicherte ihm langfristige Einnahmen. Da er nicht adelig war, sondern ein Bürger und mitten aus dem Volk, sei Dürer gut informiert gewesen über die Gesellschaft und ihre Bedürfnisse. Wodurch er sich besser an Zielgruppen und am Publikum orientieren konnte. Er stellte Bilder mit unterschiedlicher Qualität her, verkaufte sie mit entsprechend verschiedenem Preis und schuf ein breites Repertoire von religiöser, mythologischer und profaner Grafik.
„Dürer bewies großen Geschäftssinn und dachte in betriebswirtschaftlichen Kategorien“, so Soldin. Daher entwickelte er auch ein Vertriebssystem, beschäftigte „fahrende Verkäufer“, ließ seine Arbeiten in Fässern transportieren, damit sie trocken blieben und nicht verschmutzt wurden.
Daneben stilisierte er sich und seine Wirkung. Wie mit dem berühmten Selbstbildnis im Pelzrock, in dem Albrecht Dürer Christus ähnlich sieht. Zudem reservierte er sich, wie Regisseur Alfred Hitchcock mit kurzen Auftritten in seinen Filmen, immer wieder ein eigenes Plätzchen in seinen Werken.
In die Hände spielten ihm die Zeitläufte. Dürer lebte „zur rechten Zeit am rechten Ort.“ Seine Heimatstadt war ein Zentrum der Papierindustrie und verfügte über die erste Papiermühle nördlich der Alben. Er selbst verfeinerte die Drucktechnik.

Die Ausstellung trägt den Titel „Druckreif! Albrecht Dürers Erfolgsgeschichten.“ Die erste ist, dass er sich schon seit Jahrhunderten im Gespräch hält. Dürer wurde nicht reich geboren. Starb er 1528 als Millionär? „Nach heutigen Maßstäben schon“, befindet Jan Soldin.
Woraus in Summe folgt: Als Künstler war Albrecht Dürer ein Genie. Und für Marketing war Dürer auch ein Genie. Möglicherweise wäre er heute Chef einer „Dürer GmbH“ nach deutschem Recht. Beziehungsweise einer „Dürer Česká Republika s.r.o.“ in Prag, nicht weit entfernt von seiner Heimat Nürnberg.
Vielleicht wäre er sogar Chef einer Aktiengesellschaft in Deutschland. Oder einer Dürer Česká Republika a.s. Ihre Hauptaufgabe: Marketing und Public Relations. Einer der wichtigsten Kunden: Dürer. Für seine Werke. Und für sich selbst.