Das Foto oben ist 20 Jahre alt. Es entstand bei einem Pressegespräch während der WM 2006 in Deutschland und zeigt Luka Modrić ganz am Anfang seiner Weltkarriere. Am Samstag darf sich Prag auf einen begnadeten Fußballer freuen, der selbst mit 41 Jahren noch nicht fertig hat. Obwohl seine Karriere im kroatischen Nationalteam schon fünfmal beendet schien.

Die Pressekonferenzen des kroatischen Verbandes bei der WM 2006 bleiben für mich bis heute denkwürdig – wenn Luka Modrić im WM-Quartier der Kroaten in Bad Brückenau auf dem Podium saß. Dann redeten sich kroatische Journalisten regelmäßig in Rage, bei ihrer Kritik an Nationaltrainer Zlatko Kranjčar. „Warum spielt Modrić nicht?“, wurde zu einem Stereotyp, das Kranjčar fortwährend beantworten sollte. „Und warum bieten Sie stattdessen immer Ihren Sohn Niko als Spielmacher im Mittelfeld auf?“, schoben die Kollegen nach.

Ihre Einwürfe waren nicht unberechtigt. Der kreative und dynamische Modrić hatte zuvor bei Dinamo Zagreb eine starke Saison in der Liga gespielt, musste aber bei jedem WM-Spiel zunächst auf die Bank. Zugleich enttäuschten die Kroaten in Deutschland von Partie zu Partie. Gleich den Tschechen, die nach ihrer begeisternden EM 2004 ebenfalls mit großen Hoffnungen in die WM gestartet waren.

Schließlich schied die kroatische Elf – ebenso wie die tschechische – bereits nach der Vorrunde aus. Luka Modrić rückte zuvor im Turnier nicht einmal in die Startelf, er kam lediglich auf zwei Kurzeinsätze gegen Japan und Australien. Obwohl der 20-Jährige bereits damals als großer Hoffnungsträger des kroatischen Fußballs für die Zukunft galt.

Die Journalisten lagen nicht falsch. Nach dem WM-Aus setzte der Verband Nationaltrainer Kranjčar vor die Tür. Sohn Niko, auch erst 21 Jahre alt, versuchte sich anschließend in der Premier League, ohne dort groß aufzufallen. Und Modrić? Wurde zu einem Weltstar!

Bei Real Madrid prägte er zwischen 2012 und 2025 eine der erfolgreichsten Epochen in der Vereinsgeschichte mit sagenhaften 28 Titeln. „Rekord in der Geschichte von Real“, konstatiert die Website realmadrid.com begeistert. Allen voran durch seine sechs Champions-League-Triumphe mit den Madrilenen.

Mittlerweile spielt der schmächtige Mittelfeldstar beim AC Mailand – und weiterhin in der kroatischen Auswahl. Für sie ist nach der WM in Nordamerika erneut Slaven Bilić verantwortlich, der Modrić schon nach der WM 2006 zum Dreh- und Angelpunkt seiner Elf machte. Auch jetzt will er keinesfalls auf Modrić verzichten – obwohl der vor ein paar Tagen schon 41 wurde. Er sei „sowohl auf als neben dem Platz“ noch immer „extrem wichtig“, sagte Bilić. Und: „Er brennt weiterhin für Kroatien und die Nationalelf.“  

Zum Ersten…

Dabei schien 2018 die Karriere von Luka Modrić im Schachbrett-Nationaltrikot schon am Ende. Erstaunlicherweise am Abend des größten Erfolgs für den kroatischen Fußball. „Jammerschade, dass Luka bald 33 wird“, bemerkten damals Mitspieler, enttäuscht von der Niederlage im WM-Finale gegen Frankreich, „er hat dem Land und der Elf so viel gegeben und könnte ihnen noch so viel geben, wenn er ein paar Jahre jünger wäre.“

Nicht nur wegen seines Alters wurde sein Rücktritt von Fachleuten zu diesem Zeitpunkt als ideal empfunden. Als Vize-Weltmeister hatte Kroatien einen kaum zu wiederholenden Erfolg errungen. Modrić wurde als bester Spieler des Turniers ausgezeichnet – und kurz darauf sogar als Weltfußballer 2018, womit er die ewige Dominanz von Messi und Cristiano Ronaldo durchbrach. Dazu traten mehrere Leistungsträger aus der Nationalelf zurück. Er sei im Zenit seines Könnens, meinten Experten – und schrieben bereits Nachrufe auf den besten Spieler des Landes aller Zeiten.

…zum Zweiten…

Doch Modrić machte weiter, blieb das Herzstück seines Teams – und schien 2021 seine Karriere in der Nationalelf nach dem dramatischen Aus im EM-Achtelfinale gegen Spanien (3:5 nach Verlängerung) nicht mehr fortzusetzen. Er wurde bald 36, Medien und Fans sahen das Ende einer Ära gekommen. Auch Modrić selbst ließ seine Zukunft im Nationaltrikot offen und erklärte, erst einmal scharf nachdenken zu müssen.

Ohne seinen Rücktritt sei ein Generationswechsel indes nicht möglich, und der sei jetzt nötig. „Alles hängt von ihm ab. Wenn der Kapitän nicht zurücktritt, gibt es keinen wirklichen Neustart“, wurde ihm entgegengehalten. Die Tage im Sommer 2021 wurden gar als Schlüsselmoment in der Geschichte der kroatischen Mannschaft eingestuft. Zumindest von Experten.

…und zum Dritten

Luka Modrić blieb freilich und schien 2022 erneut vor dem Aus in der Nationalmannschaft. „Für Modrić wird die Weltmeisterschaft in Katar das letzte Großereignis als kroatischer Nationalspieler“, behaupteten Medien vor Beginn des Turniers. In einer Dokumentation von FIFAplus erklärte der 37-Jährige: „Ich bin mir bewusst, dass ich in einem bestimmten Alter bin und dass das mein letztes Turnier in der kroatischen Nationalmannschaft ist.“

Freilich wurden die Kroaten WM-Dritter und Modrić weiterhin zum Herzstück seines Teams. „Wohl sein letztes großes Turnier“, prophezeiten kroatische Experten dann erneut vor der EM 2024. Da Kroatien aber das Finale der Nations-League 2023 im Elfmeterschießen gegen Spanien verloren hatte, „fehlt noch immer eine Goldmedaille zum Abschied“, wie verschiedentlich angemerkt wurde. „Und das ist der Traum von Luka Modrić!“

Auf der FIFA-Internetseite wurde er mit den Worten zitiert, dass er für sein Land spielt, „solange das Team mich braucht und solange ich helfen kann.“ Er selbst erklärte auf die Frage, warum noch immer Nationalmannschaft, dass es für ihn „kein schöneres Gefühl gibt, als für mein Land zu spielen.“ 

Bei ihrer Suche nach Gründen für seine andauernde Liebe zum Nationalteam stießen heimische Journalisten auf nichts weniger als die blutigen Jugoslawien-Kriege, in denen Modrić im Alter von sechs Jahren mit seiner Familie von serbischen Freischärlern aus dem Heimatort vertrieben und sein Großvater Luka getötet wurde.

Dann noch zum Vierten

Allerdings erwies sich Deutschland – wie schon 2006 – als schlechtes Pflaster für ihn, erneut scheiterten die Kroaten in der Vorrunde. Daher schien 2024 die Karriere von Luka Modrić im Nationalteam wirklich vorbei. Mit fast 39 Jahren sei er „körperlich nicht bereit und das merkt man. Er ist nicht mehr der, der er war“, urteilte der früherer kroatische Nationaltorhüter Tomislav Ivković als TV-Experte.

Und Modrić? Kümmerte sich um keinen Experten und kam bei der WM 2026 vor wenigen Wochen mit seinem Team erneut über die Vorrunde hinaus. „Es wirkt so, als hätte er die Zeit um zehn Jahre zurückgedreht“, jubilierte sein Teamkollege Nikola Vlašić nach dem 2:1-Erfolg gegen Ghana, der die Kroaten ins Sechzehntelfinale bugsierte. „Das war eine seiner besten Leistungen, die ich jemals von ihm im Nationaltrikot gesehen habe.“

Und zum Fünften

Trotzdem schien 2026, man glaubt es kaum, nach dem k.o. gegen Portugal bei der WM eigentlich ausgeschlossen, dass Modrić weiter zum Nationalteam gehört. Nun aber, zum Auftakt der Uefa-Nations-League? Berief ihn Nationalcoach Bilić wieder in sein Aufgebot. Wenn auch als Teilzeitkraft. „Er wird nicht mehr alle Spiele bestreiten und in einem Tempo spielen, das ihm und uns passt, ähnlich seinem Rhythmus bei Milan“, erläuterte Bilić, „das müssen wir respektieren, und es ist das Beste für alle.“

Eines sei aber auch klar: „Die Besten spielen für das Nationalteam“, fügte Bilic an,. „das ist das einzige Kriterium.“ Weshalb Luka Modrić am Samstag gegen die tschechische Elf erneut im Aufgebot steht. Seine Bilanz gegen sie ist durchwachsen. Bei der EM 2016 verpasste Kroatien nach überzeugender Leistung den vorzeitigen Einzug in die K.o.-Runde durch ein 2:2, den Ausgleich erzielten die Tschechen in letzter Minute.

Auch bei der EM 2021 trafen beide Länder in der Gruppenphase aufeinander und trennten sich erneut Remis (1:1). Kroatien schied im Achtelfinale aus, Tschechien erst im Viertelfinale. Deutlich mit 5:1 gewannen die Kroaten hingegen das WM-Qualifikationsspiel im Juni 2025, bei dem Modrić per Elfmeter zum zwischenzeitlichen 2:1 traf. Das Rückspiel in Prag endete 0:0.

Foto: Česká fotbalová reprezentace

Hierher kehrt der kroatische Super-Superstar nun am Samstag zurück. Zum ersten Spiel für Tschechien und Kroatien in der neuen Nations-League-Runde. Nach Eden, wie das Stadion von Slavia Prag einst hieß. Für Fußballer zumindest in Tschechien ohne Frage ein (Stadion-)Paradies. Jetzt ist es die Fortuna-Arena. Passt ebenfalls. Denn zumindest ohne ein Quäntchen Glück hätte selbst ein Luka Modrić eine so lange und erfolgreiche Karriere – neben all seinem Können – nicht absolvieren können.