Weltmeister Zinedine Zidane nannte man einen Artisten am Ball. Weil er so filigran mit einem Fußball umgehen konnte. Zdeněk Polach ist tatsächlich ein Artist am Ball. Der Jongleur kann neun große Bälle gleichzeitig in der Luft halten – Rekord in der Welt der Zirkusse und Varietés. Ein Gespräch mit dem 30-Jährigen aus Prag, der seit einigen Jahren in Deutschland lebt.

Sie können fantastisch mit Fußbällen jonglieren. Warum hat man Sie nicht im tschechischen Team bei der Fußball-WM erlebt?

Schon deshalb, weil ich Bälle besser mit den Händen jongliere als mit den Füßen.

Okay, würde im Fußball als Handspiel abgepfiffen. Als Artist sind Sie aber so gut, dass Sie mit Bällen sogar einen Weltrekord halten.

Genau genommen zwei: Einen Weltrekord mit neun großen Bällen. Und einen zweiten mit sieben Fußbällen. Aber der mit den großen Bällen ist der eigentliche Weltrekord.

In der Manege steigern Sie Ihre Jonglage von Ball zu Ball – was bis zum Ende scheinbar mühelos aussieht. Bevor Ihre Nummer gelang, sind Ihnen die Bälle sicher oft im Training auf den Boden gefallen.

Oh ja, die fallen oft runter. Immer und immer wieder.

Weshalb ein Artist viel Geduld und besonders gute Nerven braucht.

…die ich nicht habe. Bzw. nur deshalb habe, weil ich immer sauer bin, dass die Bälle im Training so oft runterfallen. Aber das kann man lernen.

Dieses permanente Training strapaziert neben Nerven auch Hände und Arme in besonderem Maße.

Auch eine Frage des Trainings. Ich trainiere jeden Tag. Auch ohne Bälle. Zum Beispiel meine Muskeln. Bevor ich beginne zu jonglieren. Gerade habe ich zwei Tage nicht trainiert – das bekomme ich jetzt zu spüren. Jonglieren muss man jeden Tag trainieren.

…bis Ihre Handflächen bluten.

Woher wissen Sie das?

Durch die Vorbereitung auf unser Gespräch.

Stimmt tatsächlich. Als ich 15 war, habe ich begonnen, diese Nummer richtig stark zu trainieren. Fünf bis acht Stunden am Tag. Und wirklich, bis die Hände blutig waren.

Warum nutzen Sie gerade Bälle – gibt‘s doch eine gewisse Leidenschaft für Fußball?

Als ich angefangen habe zu jonglieren, habe ich mit allem jongliert, was herumlag. Da es aber viele Jongleure gibt, wollte ich anders sein und anderes machen als all die anderen. Also habe ich nur noch mit großen Bällen jongliert. Jetzt bin ich so ziemlich der einzige damit.

Ein Alleinstellungsmerkmal als Erfolgsrezept. Das hat auch Mario Berousek: Er gilt als schnellster Jongleur der Welt. Allerdings mit Keulen. Wollen Sie ihn unterbieten?

Das kann man nicht vergleichen. Keulen und Bälle sind völlig unterschiedlich. Dafür braucht man eine andere Technik. Mit Keulen hat man eine gewisse Rotation, die man mit Bällen nicht erzielen kann.

Streben Sie trotzdem einen Geschwindigkeitsrekord an?

Ich mag es, wenn eine Jonglage-Nummer schnell ist. Ich bin auch schnell, aber mit großen Bällen kann man nicht so schnell sein. Mit denen kann ich keinen Rekord für Geschwindigkeit aufstellen.

Berousek stammt aus einer traditionsreichen tschechischen Zirkusdynastie, wie viele tschechische Artisten. Sie auch?

Meine Großmutter ist auch eine geborene Berousek. Aber wir sind ebenfalls eine Zirkusfamilie. Ich bin bereits die achte Generation.

Und alle sind Jongleure?

Nicht alle, aber viele – und alle sind sehr gut. Mein Vater war ebenfalls Artist, auch ein Jongleur. Er hat mit Kopf und Füßen jongliert, meist Stangen. Also eine komplett andere Nummer als meine. Er hat oft auf Kreuzfahrtschiffen gearbeitet.

Waren Sie manchmal auf den Schiffen dabei?

Ich war oft dabei und bin dort selbst aufgetreten. Damals war ich erst fünf Jahre alt. Auf der Bühne stehe ich tatsächlich schon seit 25 Jahren. Mit großen Bällen habe ich aber erst begonnen, als ich 15 war. Das mache ich nun auch schon seit 15 Jahren, also mein halbes Leben lang.

Hat man Sie schon mal aufgefordert, als Bauchredner aufzutreten?

Ich? Nein, glaube nicht. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern. Als Bauchredner – wieso?

Es gibt in Tschechien einen Künstler mit gleichem Namen Zdeněk Polach, der von sich behauptet, der einzige Bauchredner in Tschechien zu sein. 

Das ist mein Vater.

Der Jongleur?

Genau. Jetzt ist er Bauchredner.

Sie sind nicht nur Artist, sondern produzieren selbst Showprogramme. Nämlich für das renommierte Unternehmen Flic-Flac am Standort Nürnberg. Wie kam es dazu?

Ich arbeitete vor sieben Jahren als Jongleur bei Flic-Flac. Dort lernte ich die Tochter des Chefs kennen, Larissa. Sie wurde meine Frau. Bis zum Beginn von Corona waren wir auf Tournee, ich half bereits in der Familie mit und lernte, ein Programm zu organisieren. Nach Corona haben wir keine Tournee mehr durchgeführt. Stattdessen veranstaltete die Familie Shows an Weihnachten. Ich war damals in Duisburg und ging dann mit meiner Frau nach Nürnberg, um dort den Flic-Flac-Weihnachtszirkus aufzubauen.

Nur an Weihnachten? Daher bleibt Ihnen noch Zeit, übers Jahr selbst als Artist aufzutreten.

Genau. Weil Flic-Flac eben nur an Weihnachten stattfindet, genau gesagt im Dezember und Januar, passt es sehr gut zusammen mit meinen Auftritten jetzt gerade im Zirkus Charles Knie. Hier geht es das Programm von März bis November.

Alle Artisten wollen einmal am Internationalen Zirkusfestival in Monte Carlo teilnehmen. Sie traten dort im Januar 2025 auf. Warum ist es so toll, dort am Start zu sein?

Weil dies die Olympischen Spiele für Zirkusleute sind. Es bringt einfach wahnsinnig viel Prestige ein, wenn man dort aufgetreten ist. Ich hatte das Glück, dort sogar zweimal auftreten zu können. Das erste Mal vor sieben Jahren, noch vor Corona. Und letztes Jahr dann wieder.

Welche Voraussetzung muss man erfüllen, um dorthin eingeladen zu werden?

Das müssen Sie die Prinzessin von Monte Carlo fragen.

Lag es vielleicht an Ihrem Weltrekord mit Bällen?

Möglich. Sie haben mich aber auch zuvor mehrfach beobachtet, in Zirkussen und bei anderen Festivals. Danach bekam ich diese Einladungen.

Haben Sie einen „Clown“ bekommen, der oft als „Zirkus-Oscar“ tituliert wird?

Keinen Clown. Aber ich habe einen anderen Preis bekommen, vergeben von Italienern.

Sie stammen aus Prag. Treten Sie dort noch ab und zu auf?

Leider nicht. Es gibt dort nicht mehr viele Plätze und Zirkusse, in denen ich auftreten könnte.

Würde sich daher nicht ein Gastspiel mit Flic-Flac in Prag lohnen?

Diese Möglichkeit gäbe es vielleicht, aber es wäre ein Risiko, weil niemand dort den Namen Flic-Flac kennt. In Nürnberg sind wir zuhause, wir haben ein tolles Programm, alle kennen uns und kommen quasi automatisch zu uns. Dieses Programm irgendwo hin zu bringen und zu hoffen, dass die Leute kommen, wäre ein hohes Risiko.

Aus welcher Gegend in Prag kommen Sie?

Ich komme aus dem östlichen Prag. Genau aus Prag 9, Horní Počernice. Fast alle Zirkusartisten aus Prag kommen von dort. Auch Mario Berousek hat dort ein Haus.

Weil alle irgendwie miteinander verwandt und eine große Familie sind?

Nein, weil in kommunistischer Zeit dort das Winterquartier des tschechoslowakischen Nationalzirkus war. Nicht weit weg auch von meinem Elternhaus. Deshalb haben die Artisten damals alle Häuser rundum gekauft.

Sind Sie noch oft in Prag?

Ja, seitdem ich in Nürnberg wohne, bin ich wieder öfter dort. Prag liegt ja nicht weit weg. Ich war erst letzten Monat dort. Wenn ich Zeit habe, fahre ich immer wieder dorthin. Ich mag Prag.

Sie kennen Prag wie Nürnberg sehr gut und können daher gut vergleichen: Sind sich Böhmen und Franken tatsächlich ähnlich, wie oft behauptet wird?

Ja… zumindest ähnlicher als zum Beispiel Menschen aus Prag und Nordrhein-Westfalen, wo ich vorher gewohnt habe. Das Essen ist gleich, Bier ist gleich, die Architektur kommt mir ähnlich vor.

Gibt es auch Unterschiede, etwa in der Mentalität?

Äh, jaein. (lacht) Ja und Nein, ich weiß nicht. Schwierige Frage. Da muss ich lange und gut überlegen, was ich mag und was nicht. (denkt nach)

Franken und Böhmen gelten zumindest als wesensähnlich?

Hmm… Es gibt an Tschechen und Franken gute und schlechte Seiten. Sagen wir so: In Deutschland ist alles korrekter und ordentlich.

Und in Prag?

In Tschechien kann man mehr Spaß haben. (lacht) Außer im Zentrum von Prag, das ist mehr ein Funpark für Touristen.

Ihre Ziele für die Zukunft?

Meine Nummer weiter verbessern. Das ist immer ein Ziel. Gleich nach unserem Gespräch muss ich wieder trainieren. Ich will mehr Tricks einbauen. Und dann beginnen auch schon die Planungen für unseren nächsten Weihnachtszirkus.

Und auch der Familie gehört mehr denn je die Zukunft, wie ich gehört habe…

…genau, und die Familie! Sie wird bald viel Zeit in Anspruch nehmen.

Weil Ihre Frau in einem Monat das erste Kind bekommt. Was wird’s?

Eine Tochter. (strahlt)