Petra Drnovice ist unvergessen. Keine tschechische Schauspielerin, sondern ein kleiner Fußballklub in Mähren, der einst für Schlagzeilen sorgte. Und nicht nur für positive. Vor einem Vierteljahrhundert zudem ein Gegner von 1860 München im Uefa-Cup. Nun ewig mahnendes Beispiel dafür, wie tief ein Verein stürzen kann – in diesen Wochen gerade auch für den TSV 1860.
Innerhalb der deutschen Fußballszene ist 1860 München fraglos ein Phänomen. Der Klub lobt sich selbst, zu den „größten und bekanntesten Vereinen in Deutschland“ zu zählen. Und das, obwohl die großen Erfolge der „Löwen“ mit Pokalsieg, Europacup-Endspiel und deutscher Meisterschaft schon 60 Jahre zurückliegen.
Ein wesentlicher Grund dafür, dass die Blauen in München seit langem ein Schattendasein hinter den Roten fristen, also dem FC Bayern – wenn auch ein durchaus sichtbares. Nicht zuletzt gespeist durch eine gewisse Antipathie gegenüber den „Großkopfigen.“
„Die Löwen auf der internationalen Bühne: Was würde man heute nicht alles dafür geben, das nochmal zu erleben?“, schwelgte das Fanportal „sechzger.de“ im letzten Herbst in nostalgischer Erinnerung – und dachte dabei konkret an das Uefa-Cup-Spiel des TSV 1860 bei FK Drnovice.

Die Partie lag schon 25 Jahre zurück, bei Fans von 1860 hält sich ihre Reise in die tschechische Provinz jedoch noch immer im Gedächtnis. Zur Begegnung am 12. September 2000 begleitete den TSV 1860 ein „sing- und trinkfreudiger Anhang“ nach Drnovice. Auch wenn der Gegner im Osten „für reichlich Fragezeichen“ sorgte.
Wo, bitteschön, liegt Drnovice? Klar war für die Münchner Begleiter nur, dass ihr Trip in die Tschechische Republik „zumindest billiger“ wird als die Reise ins englische Leeds. Dort hatten Fans von 1860 ihre Mannschaft zuvor in der Champions-League-Qualifikation angefeuert. Freilich umsonst, am Ende kamen die Engländer weiter.
Drnovice???
Und wie kommt man nach Drnovice? Die Recherchen ergaben: Mit dem Zug nach Vyškov, dann „mangels öffentlicher Verbindung per Taxi“ nach Drnovice. Eine 2000-Seelen-Gemeinde im südlichen Mähren. Von dort ist den Fußballfreunden aus München nicht viel mehr im Kopf, als dass es „einen Fußballverein, einen Supermarkt und eine Wirtschaft“ gab.
Selbst das Ergebnis fiel mager aus: 0:0. Gegen den favorisierten Bundesligisten 1860 München präsentierte sich der Mini-Klub aus der ersten tschechischen Liga vor knapp 7.000 Zuschauern „spielerisch erstaunlich stark“, wie der Spiegel befand.
Trainer Werner Lorant zeigte sich zufrieden. „Der tschechische Fußball ist überdurchschnittlich, und in diesem Stadion ist es für jede Mannschaft schwer“, so Lorant. „Von der Leistung her hätten wir mehr bringen können. Vom Ergebnis her sind wir zufrieden“, fügte Präsident Karl-Heinz Wildmoser an.
Knappe Resultate
1860 gewann im Rückspiel zwei Wochen später verdient, aber glücklich durch einen Treffer von Mannschaftskapitän Marco Kurz mit 1:0 und erreichte damit die zweite Runde im Uefa-Cup. Im heimischen Olympiastadion zog Weltmeister Thomas Häßler die Fäden, um vor allem Torjäger Martin Max ins Spiel zu bringen.
Er blieb jedoch ohne Torerfolg. Wie auf der Gegenseite auch Vítězslav Tuma, der am Ende jener Saison 2000/01 mit 15 Treffern gleichwohl Torschützenkönig der tschechischen Liga wurde.
Was die Fans von 1860 bei ihrem Rückblick im letzten Jahr ebenfalls noch wussten: Mit dem FK Drnovice ging es kurz nach jenem Uefa-Cup-Spiel „rapide bergab.“ Tatsächlich endete bereits 2002 ein Märchen, das in den 1990er Jahren möglicherweise nur im „wilden Fußball-Osten“ möglich wurde.

Nach seinem Aufstieg 1993 war Drnovice in der ersten tschechischen Liga wie das berühmte gallische Dorf unter vielen (Groß-)Städtern. Möglich wurde dies durch einen finanzkräftigen Sponsor, den Konzern Chemapol, der in Tschechien ein Tankstellennetz unter dem Namen Petra betrieb – daher auch der Klubname FC Petra Drnovice.
Für den Verein gewonnen hatte ihn der ehemalige Kältetechniker Jan Gottvald, der durch die Privatisierung nach der Revolution von 1989 zu Reichtum gekommen war, wie das Fachmagazin footballclub.cz vor einigen Jahren berichtete. Gottwald wurde in Drnovice geboren und führte den Klub in nur zehn Jahren von der untersten Liga in die höchste Spielklasse des Landes.
Stars bei Petra
Frühzeitig gewann er neben dem Sponsor auch fähige Trainer. Vor allem den späteren erfolgreichen Nationalcoach Karel Brückner. Und erstklassige Spieler. Die berühmtesten waren Vize-Europameister von 1996: Miro Kadlec (einst Kaiserslautern), Radek Drulák (früher Chemnitz) und Luboš Kubík (früher Nürnberg). Dazu Jiří Kaufman und Zdeněk Grygera, die ihre Karrieren Ende der 1990er Jahre in Drnovice auf Trab brachten.
Drnovice erreichte in den 1990er Jahren zweimal das tschechische Pokalfinale und lief in der Saison 1999/2000 zu Hochform auf, als die Mannschaft hinter Sparta und Slavia den dritten Platz in der Liga belegte – und in der folgenden Spielzeit im Uefa-Cup eben gegen 1860 München antrat.
Unmittelbar danach begann der Abstieg des Klubs. Der Sponsor meldete Konkurs an. Vereinschef Gottvald musste sich wegen Wirtschaftsdelikten vor Gericht verantworten, ihm drohte eine längere Haftstrafe.
Der Klub geriet in finanzielle Schieflage und verkaufte eine Reihe von wichtigen Spielern. Nach neun Jahren stieg er aus der ersten Liga ab – direkt in die dritte Liga, weil die Lizenz für Liga zwei verweigert wurde. Zwar gelang zwei Jahre später erneut unter Jan Gottvald ein Comeback in der höchsten Klasse, doch nur für eine Saison.
Parallelen mit Drnovice
Als das Fanportal „sechzger.de“ im September 2025 auf die Partie in Drnovice zurückblickte, konnten seine Macher nicht ahnen, dass ihr Verein im folgenden Jahr in vergleichbare Turbulenzen geraten würde.
1860 war zu der Zeit noch Drittligist und ausgestattet mit ewigen Ambitionen auf die zweite Liga. Doch im Frühjahr 2026 kulminierten die schon lange anhaltenden Zwistigkeiten mit dem Investor aus Jordanien. Plötzlich fehlten mehrere Millionen Euro. Zu wenig Geld – wie einst bei Drnovice.
Grund dafür war, dass der Investor kurzfristig einen Darlehensvertrag kündigte. Verhandlungen scheiterten mit gegenseitigen Schuldvorwürfen. Das nötige Kapital konnten die Verantwortlichen an anderer Stelle nicht auftreiben. So erhielt der TSV 1860 nicht mehr die Lizenz (für die dritte Liga). Wie einst Drnovice.
Das Aus in Liga drei bewog einen wichtigen Sponsor, die Zusammenarbeit mit dem TSV 1860 zu beenden. Der Klub selbst kündigte den Kooperationsvertrag mit dem Investor. Nicht einmal sein Logo mit dem Löwen, schlechterdings das Wahrzeichen des Klubs, darf 1860 derzeit verwenden. Die Vermarktungsrechte am Trikot hält eine Firma des Investors.
Für seine Profiabteilung musste der TSV 1860 Insolvenz anmelden. Wie auch Drnovice in Konkurs geriet. Die Zukunft nach dem Zwangsabstieg heißt für die Münchner nun Amateurfußball in der Regionalliga Bayern. Dort starten die „Löwen“ am Samstag endlich in die neue Saison. Nach all dem Chaos eine Woche später als die Konkurrenz.

Zahlreiche Spieler aus dem Kader der letzten Saison verließen den TSV 1860 München. Wie einst in Drnovice. Kevin Volland, Ex-Nationalspieler und Kapitän der deutschen Auswahl bei der U21-EM im Jahr 2015 in Tschechien, zog es zum Ausklang seiner Karriere gar zu einem Bezirksligisten.
Auch der FC Petra Drnovice ist schon lange keine Petra mehr. Er wurde zur Jahrtausendwende in FK Drnovice umbenannt. 2006 musste der Spielbetrieb eingestellt werden.
Ein Jahr darauf wurde der Verein neu gegründet, knüpfte aber nicht mehr an die alten Erfolge an. Zurück blieb auch das vom Sponsor errichtete und von 1860-Coach Lorant gelobte Stadion, in dem die tschechische Nationalelf sogar ein Länderspiel austrug.
Für 1860 war die Saison 2000/01 mit dem Spielen im UEFA-Cup, einschließlich der Partien gegen Drnovice, bis heute die letzte erfolgreiche Ära. Doch als die Probleme vor wenigen Wochen immer größer wurden, meldeten sich spontan 600 neue Mitglieder im Klub an.
Gerade wurde ein neuer Rekord mit 29.000 Mitgliedern verkündet. Und gleich nach der Insolvenz sammelte eine Fan-Initiative bis heute rund 340.000 Euro durch Crowdfunding.

In Tschechien lebt die Erinnerung an die ruhmreichen Jahre von Drnovice weiter, im Internet unter „FC PETRA Drnovice „90th“. Dank eines Veteranenteams aus einer Zeit, als für ein paar Jahre ein Traum wahr wurde und den großen Fußball in ein kleines Dorf brachte.
Zumindest ihre Träume werden sie auch bei 1860 nicht begraben. Weil Fans und Verein seit 60 Jahren von der Erinnerung an bessere Zeiten leben. Das ist fast schon Vereinsphilosophie.
Es sind Reminiszenzen an jene Tage, als es „eine Selbstverständlichkeit war, die Mannschaft quer durch Europa zu begleiten“, wie das Fanportal „sechzger.de“ letztes Jahr noch anmerkte.
Wenn es sein musste, sogar bis Drnovice. Nach Südmähren. In eine Gemeinde mit 2.000 Einwohnern, einem Supermarkt und einem Gasthaus.