Am Freitag (9. Oktober – und bis 6. Januar 2027 in der Mediathek) zeigt „Arte“ das zweiteilige Fernsehdrama „Gerta und die Welt am Abgrund“ nach einer Romanvorlage von Kateřina Tučková. Den Vater der Hauptdarstellerin spielt Johann von Bülow, der im exklusiven PZ-Gespräch über seine erstmalige Arbeit in einer rein tschechischen Produktion erzählt. Im Mittelpunkt des Films stehen Leben und Leiden der 19-Jährigen Gerta durch den Zweiten Weltkrieg.

Ihre deutsch-tschechische Familie wird in dem Zweiteiler auch dadurch augenfällig, dass Sie Deutsch sprechen und ihre Frau auf Tschechisch antwortet – weshalb der Film oft untertitelt ist. Brauchten Sie selbst eine Weile, um sich damit zurecht zu finden?

Das war natürlich zunächst etwas ungewohnt. Aber ich hatte ja das Drehbuch in zweisprachiger Form. Daher war ich nicht ratlos, was meine Kollegin sagte, ich kannte ja auch ihren Text auf Deutsch. Dann muss man es sich im Kopf selbst zusammenstellen, damit man richtig reagiert. Es war auch insofern kurios, weil ich mich zwischen den Takes mit der Regie und den Kollegen auf Englisch unterhielt. Die Kollegin, die meine Ehefrau spielte, sprach aber kein Englisch, sondern unterhielt sich mit allen immer auf Tschechisch. Gut möglich, dass auch dies in gewisser Weise zu der wachsenden Fremdheit des Ehepaares beitrug, die sich in dem Film entwickelte.

Als Vater von Gerta stellen Sie einen überzeugten Nationalsozialisten dar. In Ihrem Spiel spiegelt sich dessen Leid über den Niedergang Nazi-Deutschlands im Krieg und den Schmerz über den Tod des Sohnes an der Front wider. Dies geht so weit, dass der Vater betrunken die eigene Tochter vergewaltigt. Gerta wird davon schwanger. Eine Schlüsselszene des Films, die den Zuschauer irritiert zurücklässt. Hat sich Ihnen diese Tat logisch erschlossen?

Ich fand diese Tat beim Lesen des Drehbuchs auch erschütternd. Trotzdem sollte man dies in seiner Schockwirkung einfach so stehen lassen und nicht versuchen, sich solch verstörend wirkende Elemente des Films logisch erklären zu wollen. Es gibt keine logische Erklärung dafür! Man kann diese Tat als einen Endpunkt im Leben dieses Menschen sehen, mit dem es auch durch Alkohol und den Schmerz über den Tod der eigenen Ehefrau immer mehr bergab geht. Er hat jeglichen Bezug zum Leben und zur Realität verloren.

Ist also der künstlerischen bzw. dramaturgischen Freiheit von Autoren zuzuordnen?

Es gibt nicht nur in diesem ersten Teil, sondern auch im zweiten Teil des Films berührende Momente. Man muss diese in der Bundesrepublik vielleicht schon vergessene oder zumindest in meinen Augen nicht so bekannte Geschichte auf sich wirken lassen. Ich würde ungern eine Art Erklärungstool an die Hand geben. Kunst bewegt Menschen ja auch durch Erschütterung.

Foto: Česká televize / Zuzana Panská

Wie lange müssen Sie überlegen, bevor Sie solch historisch belastete Charaktere spielen? Sie stellten zuvor ja auch schon den Gestapo-Chef Müller in einer Verfilmung über den Hitler-Attentäter Georg Elser dar.

Ich finde es toll, solche Geschichten erzählen zu können – auch wenn es so zerrissene und am Ende auch schreckliche Figuren sind. Das ist für Schauspieler eine große Herausforderung. Mir ist ein unerklärlicher Charakter lieber, wenn er glaubhaft und spannend geschrieben ist, als irgendeine austauschbare Figur, sozusagen der dritte Verdächtige in der Reihe ganz links. Da fällt mir die Wahl leicht. Zum Glück durfte ich ja auch den lustigen Profiler in „Herr und Frau Bulle“ spielen oder Robert Lembke in einem Dokudrama. Im Gegensatz dazu ist eine schwere Figur wie im Film „Gerta“ dann eine spannende Aufgabe für mich.

Bei der Beerdigung seiner geliebten tschechischen Frau weist der Vater die Tochter ab, die für ihn immer eine Tschechin bleibt und zudem noch mit tschechischen Widerständlern paktiert. Der Sohn gehe nach ihm, die Tochter nach der tschechischen Mutter, sagt er. Doch er mache ihr keinen Vorwurf, so seien eben die Zeiten. Haben Sie sich vorher in die schwierige Geschichte zwischen Deutschen und Tschechen eingelesen, bevor Sie die Rolle übernahmen, oder genügte dafür das Drehbuch?

Ich habe mich schon sehr damit beschäftigt und auch viel darüber gelesen. Auch den Roman von Kateřina Tučková, der noch umfangreicher ist als das, was wir im Film erzählen. Das war mir ganz wichtig. Der Fernsehfilm entfernt sich auch ein Stück vom Roman. Ich war überrascht und beschämt, wie wenig ich über die Vertreibung nach 1945 wusste und wie viele Menschen davon betroffen waren.

Inwiefern waren Sie überrascht, dass man heutzutage nicht mehr viel über die Vertreibung nach 1945 weiß?

Es geht ja um das Leid von Gerta als einer von der Vertreibung betroffenen deutschstämmigen Tschechin. Dass man in Deutschland nicht viel darüber weiß, welche Auswirkungen die Vertreibung in der tschechischen Gesellschaft selbst hatte, hängt natürlich auch damit zusammen, dass es die Deutschen waren, die den Krieg begonnen und damit viel Leid in Europa verursacht haben. Es ist nicht an uns, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Ich finde es interessant, dass die tschechische Gesellschaft durch das Buch von Tučková aufgerüttelt wurde und zur Überzeugung gelangte, sich jetzt diesem Thema zu stellen.

Der Film entstand unter der Regie von Tomáš Mašín. Im Cast sind fast nur tschechische Schauspieler. Wie kamen Sie zu dieser Rolle – und wie klappte das Verständnis mit den tschechischen Kollegen?

Der tschechische Regisseur Tomáš Mašín erzählte mir, dass er „Parlament“ gesehen habe, eine deutsch-französische Serie und sehr unterhaltsame Comedy-Show über Abgeordnete im EU-Parlament. Durch sie kam er auf mich. Das ist für mich echte europäische und grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Film: Ein deutscher Schauspieler spielt in einer französischen Serie mit und wird dadurch von einem tschechischen Regisseur entdeckt! Es war für mich eine sehr interessante Erfahrung zu sehen, welch tolle Kollegen in Tschechien arbeiten. Mašín ist dort ja ein anerkannter und sehr erfolgreicher Regisseur.

Sie arbeiten schon seit mehr als 30 Jahren als Schauspieler. Barbora Váchová, die Darstellerin der Gerta, ist erst 27 Jahre alt. Ihr Urteil über sie?

Eine großartige junge Kollegin, sehr professionell, sprach zudem tolles Deutsch. Ich war auch begeistert darüber, dass sie direkt vom Set nach Ústí nad Labem fuhr, um dort auch noch Theater zu spielen. Selbst während unserer Dreharbeiten stand sie dort abends noch bei Vorstellungen auf der Bühne. Ich wünsche ihr eine große Karriere und bin mir auch ziemlich sicher, dass sie die machen wird.

Foto: Robin Kater

Sie entstammen einem uralten Adelsgeschlecht aus Mecklenburg, der großartige Humorist Loriot (Vicco von Bülow) ist ein entfernter Verwandter von Ihnen. Als einzigen Bezug dieser Adelsfamilie zu Böhmen fand ich zwei Vorfahren, die im Deutschen Krieg 1866 bei Königgrätz auf Seiten der Preußen gegen Österreich kämpften. Verband Sie zuvor schon etwas mit Prag und Tschechien?

Ich hatte tatsächlich recht häufig Dreharbeiten dort. Zum Beispiel für den deutschen Kinofilm „Lassie“, der im Süden von Tschechien gedreht wurde. Dann für die Fernsehserie „Das Boot“, die zum großen Teil in den Barrandov-Studios in Prag hergestellt wurde. „Gerta“ war für mich nun die erste Produktion mit einem rein tschechischen Team und mit größtenteils tschechischen Kollegen und nur wenigen Deutschen.

Ebenfalls mit Tschechien in Berührung kommen Sie durch Ihre Tätigkeit als Markenbotschafter des tschechischen Traditionsunternehmens Škoda. Das bringt vermutlich gutes Geld – und welche Arbeit genau?

Diese Verbindung besteht schon seit rund 20 Jahren. Wir fuhren Oldtimer-Rennen, die Sachsen Classic, die ja teilweise auch durch Tschechien führt. Für eine Präsentation von neuen Fahrzeugen war ich auch in Prag, einmal zusammen mit Karel Gott. Ich mache auch viel für Škoda im Radsport, wo sich das Unternehmen ja ebenfalls sehr engagiert.

Zurück zu Gerta: Manch nächtliche Einstellung im Film erinnert an Gassen in Prag. Gedreht wurde aber in Brünn, Děčín und in Südmähren, wenn ich es richtig gelesen habe. Gefiel es Ihnen irgendwo besonders gut?

Prag gefällt mir schon besonders – und dort wurde auch gedreht. Wir haben alle Innenaufnahmen der Wohnung dieser Familie komplett in einem großen Studio des tschechischen Fernsehens in seiner Prager Zentrale gedreht. Dort wurden die Innenräume detailgetreu nachgebaut, in denen zum Beispiel auch das Konzert im Film stattfindet. Es war für mich sehr interessant in diesem raumschiffartigen silbernen Gebäude etwas oberhalb von Prag, wo das Fernsehen seine Büros und Studios hat. Ich habe dort einige Tage verbracht, neben den Außendrehs in Brünn oder Děčín.

Bleibt Ihnen dieser Film in Erinnerung oder ist es letztlich doch nur eine von vielen Rollen, die Sie spielen und schon gespielt haben?

Mir wird auf jeden Fall die Zusammenarbeit mit dem Team und den tschechischen Kollegen in Erinnerung bleiben. Das war eine außergewöhnliche Begegnung. Ich finde es immer sehr bereichernd, wenn man mit Menschen aus anderen Nationen zusammenarbeiten kann und sieht, wie sie eine Arbeit angehen. Ich bin ein überzeugter Europäer und finde es großartig, für diesen Film mit Kollegen aus Tschechien oder bei anderer Gelegenheit mit Kollegen aus anderen Nationen zu arbeiten. So eine Erfahrung bleibt bei mir hängen, vielleicht sogar ein Leben lang.

Titelfoto: Česká televize / Zuzana Panská