In „Arte“ ist morgen Abend (9. Oktober – und noch bis 6. Januar 2027 in der Mediathek) das zweiteilige Fernsehdrama „Gerta und die Welt am Abgrund“ zu sehen. Die Protagonistin des Films wird von Barbora Váchová dargestellt. Sie reflektiert im exklusiven Gespräch mit „Prager Zeitung.de“ die von ihr gespielte Figur. Gerta wächst in einer deutsch-tschechischen Familie auf und erlebt schicksalhafte Jahre im Zuge des Zweiten Weltkriegs.

War die Rolle der Gerta bisher Ihre schwierigste Rolle?

Die Gerta war meine erste große Filmrolle überhaupt – also ja. Mit Theaterrollen würde ich sie nicht vergleichen, denn ich empfinde dies als ganz verschiedene Disziplinen. 

Sie sind erst 27 Jahre alt. Wie bekannt war Ihnen schon zuvor die (schwierige) deutsch-tschechische Geschichte, bevor Sie die Rolle übernahmen? Spielte sie möglicherweise in Ihrem eigenen Leben oder Ihrer Familie auch eine Rolle?

Ich wusste schon ganz viel über die deutsch-tschechische Geschichte dank meiner Schwester, die Germanistik studiert hat und in Deutschland lebt. Aber natürlich habe ich viel mehr durch die Vorbereitung auf die Dreharbeiten gelernt.

Der Vater von Gerta sagt, der Sohn sei wie er, die Tochter jedoch wie die tschechische Mutter. Aber er mache ihr keinen Vorwurf, weil die Zeiten so schwierig sind. Haben Sie vorher den Roman von Kateřina Tučková gelesen oder ein anderes Buch über die Geschichte zwischen Deutschen und Tschechen – oder genügte Ihnen das Drehbuch?

Ich habe das Buch gelesen, aber das Drehbuch ist ein bisschen unterschiedlich, um besser als Film zu funktionieren. Ja, der Roman war eine der Quellen, die mir bei der Vorbereitung auf das Drehen geholfen haben.

Eine Schlüsselszene des Films ist, dass der Vater betrunken die eigene Tochter vergewaltigt. Gerta wird davon schwanger. Eine Tat, die sich der Zuschauer nur schwer erklären kann. Wie haben Sie selbst diese Szene empfunden?

Natürlich hatte ich ein bisschen Angst davor, aber die Atmosphäre am Drehort war so angenehm und freundlich, dass ich mich beim Drehen dieser Szene ganz ruhig fühlte. Auch dank Regisseur Tomáš Mašín und dem Schauspielkollegen Johann von Bülow, die beide sehr professionell und einfühlsam waren.

Foto: Česká televize / Zuzana Panská

Mussten Sie erst darüber nachdenken, bevor Sie diese schwierige Rolle spielen wollten?

Nein. Eher musste die Rolle darüber nachdenken, ob sie sich von mir verkörpern lassen wollte… Aber im Ernst, ich bin glücklich, dass ich die Möglichkeit hatte, in diesem Projekt die Gerta zu spielen, nachdem ich keine größeren Erfahrungen mit Film hatte. Dann muss man nicht darüber nachdenken.

Wie beurteilen Sie die Person Gerta Schnirch, die Sie spielen?

Ich finde, dass ich das nicht machen sollte. Jeder Zuschauer sollte sich seine eigene Meinung bilden. Eines der Dinge, die uns der Film lehren sollte, ist jemanden nicht zu schnell zu beurteilen, wenn wir nicht wissen, was er/sie erlebte. Und ich möchte niemandes Meinung beeinflussen, bevor er/sie den Film gesehen hat.

Die Hoffnungen von Gerta werden immer wieder enttäuscht. So wirft sie auch ihrer Mutter später vor, sie nicht zu mögen, und sie vor Menschen durch Härte zu schützen. Und sie stellt in einem Moment die Frage: Wer entschuldigt sich eigentlich bei mir? Haben Sie Mitleid mit Gerta?

Ich würde diese Frage ähnlich wie die vorherige Frage beantworten. Aber ja, ich habe Mitleid mit ihr. Manche Dinge sollten einfach nicht passieren. Und Gerta musste zu viele von diesen Dingen erleben. Auch kollektive Schuldzuweisungen aufgrund der Nationalität anstatt von Taten finde ich einfach falsch.

Gerta plädiert dafür, immer die Wahrheit zu sagen – was Geschichte betrifft. Doch sie verschweigt ihrer eigenen Tochter fast bis zum Schluss, wer ihr Vater ist – nämlich der eigene Großvater. Ist das für Sie verständlich?

Manche Wahrheiten sind zu schwierig, um sie laut auszusprechen. Manchmal ist die Angst vor den Konsequenzen viel stärker als der Wunsch, immer die Wahrheit zu sagen. Und in Gertas Situation ist das für mich sehr verständlich.

Als Gerta angeboten wird, nach Österreich zu gehen, weil es dort leichter für sie sei, beharrt sie darauf, eine Tschechin zu sein und deshalb zu bleiben. Sie erweist sich in vielen Situationen als sehr willensstark – und Sie spielen diese Rolle sehr überzeugend. Ist ein starker Wille auch Ihr persönlicher Charakter?

Ich glaube, dass ich auch einen starken Willen habe, aber es geht immer um die Situation. Zum Beispiel bei süßem Gebäck wird mein Wille schwach, zu schnell schwach… Aber wenn es um Werte geht, die für mich echt essentiell sind, kann ich mich auf die Stärke meines Willens verlassen.

Im Cast waren nur wenige deutsche Schauspieler. Sie sind, wie schon erwähnt, erst 27 Jahre alt. Johann von Bülow, der Ihren Vater spielt, arbeitet bereits seit mehr als 30 Jahren als Schauspieler. Ihr Urteil über ihn?

Johann war der beste Kollege für die Rolle des Vaters. Er ist super nett, empathisch und professionell. Und auch sehr witzig. Es war wirklich eine große Freude, mit ihm zusammenzuarbeiten. Ich habe viele schöne Erinnerungen an die Zeit, die wir gemeinsam bei diesem Projekt verbracht haben. 

Sie spielten zuvor schon in der Krimiserie „Soko Donau“, die im ZDF „Soko Wien“ heißt. Ist sie bisher Ihre einzige Erfahrung mit einer deutschsprachigen Produktion?

Leider ja. Aber dank meiner Agentin Vanessa Biermannová kommen manchmal Angebote von einer deutschsprachigen Produktion – und zweimal hat mein Casting auch geklappt. Aber einmal, nach zwei Jahre Wartezeit, wurde das Drehbuch um- und meine Rolle rausgeschrieben. Und beim anderen Mal lagen die Drehtage in einer Zeit, als ich im Theater spielen musste. Es ist schade, aber ich hoffe, dass noch etwas Anderes kommt.

In Deutschland sind Sie daher noch nicht so bekannt. Ihre Vita weist Sie als sehr sportlich aus. Neben vielen Sportarten sind dort auch Akrobatik und Jonglieren aufgeführt. Wie viele Bälle können Sie gleichzeitig jonglieren?

Haha, das haben Sie vermutlich auf der Seite meiner Akademie gelesen, oder? Akrobatik und Jonglieren waren unsere Kurse in „Damu“ (Theaterfakultät der Akademie der Musischen Künste in Prag, Anm.d.Red.), und ich wollte sie auflisten. Seitdem habe ich diese Aktivitäten aber nicht mehr oft ausgeübt. Aber drei Bälle sollte ich noch für ein paar Sekunden schaffen (hoffe ich zumindest…). 

Letzte Frage zu Gerta: Bleibt Ihnen die Rolle, die Sie spielten, noch eine Weile in Erinnerung – oder war es einfach nur eine von vielen Rollen, die man als Schauspielerin so spielt?

Natürlich bleibt mir Gerta im Gedächtnis. Es war meine erste große Filmrolle, und bereits in diesem guten Projekt hatte ich mit so vielen fantastischen Kollegen am Set zu tun. Das bleibt für immer, glaube ich.

Titelfoto: Česká televize / Zuzana Panská