Vor exakt 50 Jahren machte ihn ein Elfmeter weltberühmt: Im EM-Finale 1976 verwandelte Antonín Panenka seinen Schuss in einer Art und Weise, wie es die Fußball-Welt noch nie gesehen hatte. Der „Panenka“ war geboren und wird bis heute von Superstars wie Kreisliga-Kickern praktiziert. Im Exklusiv-Gespräch mit „Prager Zeitung.de“ verrät Tschechiens Fußball-Idol, heute 77 Jahre alt, dass ein Trick dabei besonders wichtig ist. „Nebenbei“ besiegte die Tschechoslowakei – dank seines „Panenka“ – Weltmeister Deutschland in jenem Endspiel mit 5:3 nach Elfmeterschießen und wurde Europameister.

Genau am 20. Juni 1976 haben Sie in der legendären „Nacht von Belgrad“ mit Ihrem Elfmeter die Fußball-Welt verzaubert und verändert – zumindest bei Elfmetern. Paul Breitner sagte über seinen (einfach geschossenen) Elfmeter im WM-Endspiel 1974, dass man von ihm noch nach seinem Tod reden wird. Wie oft werden Sie heute noch auf ihren mutigen und frechen Elfmeter im EM-Finale von 1976 angesprochen?

Puh, sehr oft. Mich fragen immer noch viele, warum ich den Elfmeter damals so geschossen habe. Hätte ich über all die Jahre für jede Antwort nur eine Krone bekommen, wäre ich heute sicher Millionär!

Vor fünf Jahren haben wir uns – zur EM 2021 – darüber mit dem deutschen Torhüter und Weltmeister Sepp Maier unterhalten. Wie verärgert war er, dass Sie ihn mit diesem Elfmeter damals so eiskalt überlistet haben?

Ich bin überzeugt: Er hat sich mindestens 35 Jahre lange darüber geärgert! Dann trafen wir uns hier in Prag (bei einer Talkshow in der Deutschen Botschaft auf Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung, Anm.d.Red.). Wir haben ein Bier getrunken und hernach war wieder alles in Ordnung. Wenn er bis dahin jedoch den Namen Panenka hörte, war er immer ein anderer Mensch…

Durch Ihren Elfmeter von 1976 ist Ihnen ein Platz in den Fußball-Geschichtsbüchern für alle Zeiten sicher. Es dürfte Sie sehr stolz machen, wenn der beste Fußballer der letzten Jahre, Lionel Messi, im Oktober 2021 in der Champions League in Leipzig einen Elfmeter schießt und alle Welt sagt, er machte einen „Panenka.“

Ja, ich bin stolz darauf! Ich freue mich, dass meine Idee von damals nicht gestorben ist. Und dass viele im Fußball versuchen, auf diese Art ihren Elfmeter zu schießen. Messi, Ronaldo, Ibrahimovic, Pirlo, Zidane und noch andere – selbst Weltstars machen es so.

Viele versuchen es, aber oft misslingt der „Panenka“ auch. Wie kürzlich im Finale des Afrika-Cups, als der Marokkaner Brahim Diaz in der Nachspielzeit damit scheiterte. Wie oft mussten Sie diese Form eines Elfmeters trainieren und perfektionieren, damit er funktioniert hat?

Ich habe dafür zwei Jahre trainiert – und zwar jeden Tag! Wenn man so schießen will, muss man dies trainieren. Es funktioniert auf keinen Fall, wenn man nur die Idee hat, einen „Panenka“ zu schießen, nur einfach so. Ich weiß nicht, wie lange man es trainieren muss, aber sicher mindestens zwei oder drei Monate lang.

Auch in Deutschland ist der „Panenka“ unter Fußballern natürlich ein Begriff. Bei Ihrem Elfmeter liefen Sie 1976 lange und schnell an, stoppten dann beinahe ab und chippten den Ball locker in die Mitte des Tores. Eine riskante Technik, da der Ball durch die subtile Berührung nur eine sehr geringe Geschwindigkeit erreicht.

Es ist nicht schwierig, ihn so zu schießen. Aber ein anderer Aspekt ist sehr wichtig…

…nämlich welcher?

Wenn ich mir den Ball greife und zum Elfmeterpunkt gehe, muss ich mich mit meinen Bewegungen, meinen Augen, meinen Händen so verhalten, dass der Torwart überzeugt davon ist, dass ich ganz normal schießen werde. Das ist ganz wichtig!

Neben diesem psychologischen Aspekt braucht man aber trotzdem viel Technik und ein sehr gutes Ballgefühl, um ihn so kunstvoll in einem hohen Bogen über den Torwart zu lupfen.

Naja… Dabei ist auch wichtig, den Ball nicht scharf zu schießen, sondern nur leicht. Wenn der Torwart nach rechts oder links springt, ist die Gefahr groß, dass er ihn bei einem scharfen und schnellen Schuss noch erwischt. Deshalb muss es ein leichter Schuss sein.

Heutzutage wird der Schuss bei einem Elfmeter lange verzögert, weil der Schütze eine Reaktion des Torwarts bis zuletzt abwarten will. Waren Sie sicher, dass Torwart Sepp Maier vor 50 Jahren in eine Ecke seines Tores springt und nicht einfach stehen bleibt – womit der „Panenka“ wirkungslos geblieben wäre?

Zu meiner Zeit war es einfacher. Damals musste der Torwart mit beiden Füßen fest auf seiner Linie stehen bleiben und durfte sich erst in dem Moment bewegen, wenn geschossen wird. Er durfte also erst reagieren, wenn ich schieße. Und deshalb warfen sich Torhüter meist in eine Ecke. Dadurch hat das Prinzip, in die Mitte des Tores zu schießen, gut funktioniert. Heute springen die Torhüter schon vor dem Schuss auf ihrer Linie nach rechts oder links, um anzutäuschen, wohin sie sich werfen wollen.

In einem Gespräch vor zehn Jahren sagte uns der mittlerweile verstorbene Weltmeister Bernd Hölzenbein, dass Ihr Elfmeter eine Frechheit gewesen sei. Die deutsche Elf sei blamiert worden, so Hölzenbein, der im Finale 1976 wenige Sekunden vor dem Schlusspfiff den Ausgleich erzielt und damit die Verlängerung erzwungen hatte. Ist der „Panenka“ respektlos gegenüber dem Gegner?

Ich sehe kein Problem darin.

Kaum ein Sportler hat seine Sportart dermaßen beeinflusst wie Sie – zumindest einen Teilaspekt davon. Spontan fällt Dick Fosbury mit seinem Flop im Hochsprung ein. Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, einen Elfmeter so zu verwandeln?

Für mich war es immer so: Wenn ich den Ball so erwische und auf diese Weise schieße, dann war es für mich der leichteste Weg, um mit einem Elfmeter ein Tor zu erzielen. Ich hatte nie eine andere Absicht damit!  

Sie hatten anscheinend sehr gute Nerven, denn Sie waren 1976 der fünfte und letzte Schütze im Elfmeterschießen. Mit Ihrem „Panenka“ entschieden Sie das Spiel. Die ČSSR war Europameister – völlig überraschend?

Ja. Als wir nach Belgrad fuhren, waren wir der große Außenseiter. Deutschland war damals Welt- und Europameister. Holland galt auch als sehr starke Mannschaft. Ebenso Jugoslawien, der Gastgeber dieser EM-Endrunde 1976. Experten waren sicher, dass wir keine Chance auf den Titel hätten. Sie meinten, dass unsere Gegner mindestens 100 Prozent besser seien als wir.

Doch dann besiegte die Tschechoslowakei im Halbfinale den Vize-Weltmeister Niederlande mit 3:1 nach Verlängerung.

Sie haben uns schlicht und einfach unterschätzt. Sie dachten, dass die Tschechoslowakeikeine richtige Mannschaft ist. Die Holländer wollten schnell ihre Tore schießen und sich dann gleich wieder in den Schatten setzen… Ne, ne, so einfach haben wir es ihnen nicht gemacht. Wir hielten mit, dann wollten sie plötzlich spielen – aber dann war es zu spät für sie.

…und im Finale spielte die ČSSR stark, führte bereits 2:0, doch kurz vor Ende der regulären Spielzeit gelang eben Hölzenbein der Ausgleich zum 2:2. Es gab eine Verlängerung ohne Tore, weshalb ein großes Fußballfinale erstmals im Elfmeterschießen entschieden werden musste. Der überraschende Erfolg zuvor gegen die Niederlande gab Ihnen allem Anschein nach viel Selbstvertrauen fürs Endspiel gegen Deutschland?

Wie Holland war auch Deutschland der klare Favorit gegen uns. Und der Favorit auf den Titel. Doch für dieses Endspiel hatten wir einen wesentlichen Vorteil: Deutschland musste gewinnen, wir konnten gewinnen! Das war psychologisch ein sehr großer Vorteil für uns.

Stimmt es, dass Ihnen Torhüter Ivo Viktor am Tag vorher ins Gewissen redete, im Finale keinesfalls den „Panenka“ zu machen, weil dies viel zu riskant sei? Im Gegensatz zu Sepp Maier wusste er ja schon aus Spielen der ČSSR-Liga, wie Sie Elfmeter verwandeln.

(schmuzelt) Unsere ganze Mannschaft wusste, dass ich Elfmeter auf diese Weise schieße. Spieler, Trainer, alle – und keiner war dagegen. Nur Ivo Viktor sagte mir, dass ich auf keinen Fall so schießen soll, wenn es einen Elfmeter gibt. Er war mein Zimmerkamerad, wir schliefen bei der Nationalmannschaft immer im gleichen Zimmer. Viktor drohte mir: Wenn du einen Elfmeter wieder so schießt, dann werde ich die Tür absperren und dich erst am nächsten Morgen um acht Uhr wieder ins Zimmer lassen… (lacht)

Erst vor wenigen Tagen ist in Deutschland ein Roman mit dem Titel „Panenka“ erschienen, verfasst von dem Iren Rónán Hession. Ein literarisches „Denkmal“ für Sie, auch wenn der Held seinen Elfmeter verschießt und deshalb ironischerweise Ihren Namen erhält. Ihr Nachruhm begann bereits mit dem Empfang zu Hause nach dem Finale 76?

Das war natürlich eine große Freude für unsere Fußball-Fans und auch für das ganze Land. Ich denke, das ist bis heute der größte Erfolg in der Geschichte des tschechischen Fußballs.

Wegen Ihres „Panenka“ wird oft vergessen, dass Sie auch ein guter Freistoßschütze waren und 59 A-Länderspiele für die Tschechoslowakei absolviert haben, in denen Sie 17 Tore erzielten. Hätten Sie gerne auch mal in der Bundesliga gespielt?

Ich hatte nur Angebote aus Schweden, Belgien, Spanien, Österreich und einige andere. Mit ihnen habe ich auch gesprochen.

…und kein Angebot aus der Bundesliga?

Nein, nicht aus der Bundesliga.

Fanden Sie das schade? Denn Anfang der 1980er Jahre wechselten Sie „nur“ zu Rapid Wien in die österreichische Liga.

Nein, es war nicht schade. Denn ich war schon 32 Jahre alt, als ich ins Ausland wechseln konnte. In diesem Alter machten zu meiner Zeit viele Spieler bereits Schluss mit dem Fußball. Es wäre für mich in der Bundesliga sehr schwierig geworden. Denn sie hatte zwei- oder dreimal mehr Qualität als unsere Liga in der Tschechoslowakei. Ich hätte nicht mehr so kämpfen können wie ein junger Spieler. Das wäre einfach nicht mehr gegangen.

Hätte es Sie gereizt, in der Bundesliga zu spielen, als sie jünger waren? Mit vielleicht 20 oder 22…

Das wäre anders gewesen. Wenn man jung ist, ist man selbstbewusster und körperlich stärker. Das hätte funktionieren können.

Welcher Bundesligaklub wäre dann Ihr Favorit gewesen?

Mir war immer Borussia Mönchengladbach sehr sympathisch.

Warum gerade die „Fohlen“?

Naja, sie haben als Vereinsfarbe auch grün – wie meine Bohemians in Prag. Und dann spielte dort ein Stürmer, den ich sehr mochte…

…Jupp Heynckes.

Nein. Ewald Lienen. Ein Linksaußen. Er war für mich ein Superspieler.

Die französische Marke Veja bietet erst seit letztem Jahr ein Sneaker-Modell an, das Ihren Namen trägt. Noch ein Beweis mehr, dass Ihr Ruhm weiterlebt. Haben Sie sich jetzt – genau 50 Jahre nach dem EM-Finale in Belgrad – mit Ihren Mitspielern von damals getroffen und noch einmal gefeiert?

Ja, ja, wir haben gleich zweimal gefeiert. Es waren ja viele Slowaken in der Mannschaft. Deshalb gab es jetzt ein Fest in der Slowakei. Und 14 Tage vorher haben wir auch in Tschechien gefeiert.

Ich habe Sie öfters bei Heimspielen von Bohemians Prag im Stadion gesehen. Wie nahe sind Sie heute noch am Fußball?

Ich habe tatsächlich eine lange Geschichte mit Bohemians. Zuerst habe ich 23 Jahre für den Klub gespielt. Und nach meiner Zeit in Österreich hatte ich viele Rollen dort: Co-Trainer, Torwart-Trainer, im Management. Seit einigen Jahren bin ich Ehrenpräsident von Bohemians. Ich führe den Klub nicht mehr, mache keine Verträge mehr, sondern habe repräsentative Aufgaben übernommen. Gegenüber unseren Sponsoren, Fans, Fernsehen, Zeitungen. So wie es Franz Beckenbauer lange für Bayern München gemacht hat.

Verfolgen Sie derzeit auch regelmäßig die Spiele der tschechischen Elf und von anderen Mannschaften bei der WM in Nordamerika?

Ich habe bisher noch kein einziges Spiel über 90 Minuten gesehen. Ich gucke nur Zusammenfassungen, mit den wichtigsten Spielszenen, Torchancen und Toren.

Wer wird Ihrer Meinung nach Weltmeister?

(lacht) Das ist schwierig. Für mich gibt es 15 bis 20 Nationalmannschaften, die Weltmeister werden können. Nur eines weiß ich ganz genau: Die Tschechische Republik wird es sicher nicht!