Die Aufregung ist riesengroß. Bei den Sudetendeutschen, weil ihre Landsmannschaft das traditionelle Pfingstreffen erstmals in Tschechien veranstaltet. Und bei Tschechen, weil die Sudetendeutsche Landsmannschaft ihre Pfingstveranstaltung in diesem Jahr ausgerechnet in Tschechien durchführt. Ein Gespräch mit Steffen Hörtler, Landesvorsitzender der Sudetendeutschen in Bayern, über Vorfreude, Proteste, Vergangenheit und Zukunft.

Warum ist es für Sie so wichtig, das jährliche Treffen der Sudetendeutschen Landsmannschaft von 22. bis 25. Mai unbedingt in Brünn abzuhalten – und damit erstmals in Tschechien?

Weil es für mich ein ganz wichtiges Zeichen in einem historischen Jahr ist: 81 Jahre nach Kriegsende und 80 Jahre nach Vertreibung des größten Teils der Sudetendeutschen. Wir haben in den letzten Jahren auf Völkerverständigung und Aussöhnung mit den Tschechen hingearbeitet. Und ich sage offen, dass wir auch darauf hingearbeitet haben, einmal einen Sudetendeutschen Tag in der alten Heimat durchzuführen. Wir sehen dies als großes Friedenszeichen nach außen. Brünn ist auch deshalb der richtige Ort, weil der frühere Oberbürgermeister vor zehn Jahren sehr viel Mut bewies und sich in einer Erklärung der Stadt, die Sie immer noch im Internet finden, für die Vertreibung entschuldigte. Aber wir haben für unser Treffen auf eine Einladung aus Tschechien gewartet.

… die haben Sie jetzt.

Diese Einladung kam letztes Jahr beim Sudetendeutschen Tag in Regensburg, wo uns „Meeting Brno“ für dieses Jahr nach Brünn einlud. Ich habe bei keinem Treffen zuvor mehr Applaus von unseren Landsleuten erlebt als damals. Sie haben diese Einladung sehr gerne angenommen.

Wer und was ist „Meeting Brno“?

Das ist eine zivile Bürgergesellschaft von jungen Menschen, die Geschichte aufarbeiten und jedes Jahr ein mehrtägiges Festival veranstalten, zur Völkerverständigung mit Schwerpunkten wie Ukraine oder jüdisches Leben. Mitglieder von ihnen waren die ersten, die in Erinnerung an den „Todesmarsch von Brünn“ mitgelaufen sind (dabei wird an die sogenannte „wilde Vertreibung“ von etwa 27.000 Deutschen aus Brünn Ende Mai 1945 erinnert, der mehrere Tausend Menschen zum Opfer fielen, Anm.d.Red.). Ich nehme seit zehn Jahren daran teil und bin dafür letztes Jahr mit 250 Sudetendeutschen und drei bayerischen Schulklassen nach Brünn gefahren. Es ist für mich begeisternd, dass sich mittlerweile auch so viele junge Tschechen an diesem jährlichen Marsch über 32 Kilometer beteiligen.

Zu den Sudetendeutschen Tagen kamen in den letzten Jahrzehnten in überwiegender Mehrzahl ältere Mitglieder – für sie ist es eine beschwerliche Anreise bis Brünn. Stellt die Landsmannschaft in dieser Hinsicht nicht Stolz und Ideologie über Zweckmäßigkeit und Pragmatismus.

In den letzten Jahren hat sich die Struktur der Teilnehmer an unseren Treffen deutlich gewandelt. Wir sind zahlenmäßig nicht weniger als früher, aber deutlich jünger. Jetzt kommen viele Nachgeborene im Alter von 50 bis 60 Jahren dorthin. Zudem sind unsere Treffen heute mehr ein Kongress, bei dem Vorträge und Diskussionsrunden mehr im Vordergrund stehen als Begegnungen von Heimatortsgemeinschaften wie früher.

Mit wie vielen Teilnehmern rechnen Sie in Brünn?

Für das Treffen haben wir bereits 800 Betten reserviert. Es fahren Busse aus ganz Deutschland nach Brünn, vor allem natürlich aus Bayern, wohin die meisten Sudetendeutschen vertrieben wurden. Auch Lehrer und Schulklassen, die sich damit beschäftigen, wollen mitfahren. Gerade haben die Heimatverbliebenen in Tschechien mitgeteilt, dass sie aus ihren Reihen mit einer Rekordbeteiligung von mehr als 200 Menschen rechnen. Unser Ziel sind mindestens 1.000 Teilnehmer – und die werden wir erreichen.

Sind solche Treffen überhaupt noch zeitgemäß, so viele Jahre nach der Vertreibung und nachdem viele Vertriebene mittlerweile verstorben sind?

Diese Treffen sind vollauf zeitgemäß, weil sie aktuelle Friedensarbeit betreiben. Deshalb kommen auch immer mehr junge Tschechen dorthin, suchen das Gespräch und pflegen den Austausch. Zu unseren letzten Sudetendeutschen Tagen kamen auch tschechische Politiker oder gar Regierungsmitglieder. So etwas wäre in Schlesien oder Ostpreußen noch immer undenkbar. Wir Sudetendeutschen haben gemeinsam mit unseren tschechischen Freunden erreicht, wieder ein Stück zusammen zu wachsen. Trotzdem wird mir diese Frage, ob zeitgemäß oder nicht, immer wieder gestellt.

Flaggen vor der Sudetendeutschen Bildungsstätte Heiligenhof in Bad Kissingen

… weil die Sudetendeutsche Landsmannschaft ja mittlerweile selbst sehr oft von Europa spricht, wenn sie ihre Arbeit vorstellt.

Es ist ein schönes Zeichen der Verständigung, wenn uns Tschechen heute einladen, 80 Jahre später in die alte Heimat zu kommen. Auch um zu lernen, wohin uns Nationalismus geführt hat. Er war Ursache für unseren Konflikt und ist es für Konflikte heute noch, wie für diesen fürchterlichen Krieg der Russen in der Ukraine. Auch in Ungarn und in der Slowakei werden alte Narrative wieder aufgewärmt. Wir wollen keine Konflikte mit den Tschechen.

In Prag beschäftigte sich in dieser Woche das tschechische Parlament mit dem Sudetendeutschen Tag, in Brünn gab es Proteste in der Ratsversammlung der Stadt wie auch auf der Straße. Bereits jetzt sind mehr als ein Dutzend Demonstrationen gegen Ihre Veranstaltung angemeldet worden. Fürchten Sie nicht, dass Ihr Treffen als Provokation verstanden wird und eine kritische Einstellung von Tschechen gegenüber den Sudetendeutschen neuen Auftrieb bekommt?

Das sehe ich überhaupt nicht. Wer sind denn die Hauptgegner unseres Treffens in Tschechien? Es sind die tschechischen Kommunisten, die bei den letzten Wahlen immer mehr an Popularität im Land verloren haben und glauben, mit unserem Tag nun endlich ein neues Thema gefunden zu haben. Und es sind die Rechtsradikalen. Beide Seiten sind lautstark – aber eine Minderheit unter den Tschechen.

Nochmals nachgefragt: Sie glauben nicht, dass dieses Treffen Ihre Aufbauarbeit für mehr Verständigung gefährdet und in Tschechien auch in weiteren Teilen der Bevölkerung einen Rückfall in alte Ängste und Zeiten auslöst?

Wir wurden im Stadtrat von Brünn mit deutlicher Mehrheit willkommen geheißen. Die Oberbürgermeisterin hat ein Grußwort für unsere Einladungsbroschüre geschrieben, obwohl sie uns gegenüber anfangs sehr kritisch eingestellt war. Im Regionalparlament von Südmähren wurde ein Antrag von ganz rechts und links gegen unseren Tag noch nicht einmal angenommen geschweige denn diskutiert.

Gleichwohl höre ich auch von Sudetendeutschen, dass ein Treffen in Tschechien – wenn überhaupt – bei einer anderen politischen Konstellation erfolgen sollte. Mit staatlichen Vertretern dürften Sie bei der aktuellen tschechischen Regierung nicht rechnen?

Ich war letzte Woche in Prag, und momentan sieht es nicht so aus, dass jemand aus der Regierung kommt. Aber es gibt noch Gespräche und Überlegungen. Als Daniel Herman den Mut hatte, zum Sudetendeutschen Tag zu kommen, war er dort als Mitglied der Regierung, aber auch als Privatperson (Kulturminister Daniel Herman war 2016 das erste Mitglied einer tschechischen Regierung, das zu einem Jahrestreffen der Sudetendeutschen kam, Anm.d.Red.) Ich weiß noch nicht, was passiert, wir laden jedenfalls dazu ein.

Kommt das Treffen in Tschechien nicht noch immer zu früh – wie ich übrigens ebenfalls von Sudetendeutschen Funktionären höre?

Ich mache nun seit 28 Jahren ehrenamtliche Arbeit für die Sudetendeutschen – und seitdem war nie der richtige Zeitpunkt für ein Treffen in Tschechien. Entweder standen wir kurz vor Wahlen oder kurz nach Wahlen. Es gab immer irgendwas, das im Prinzip dagegen sprach. Letztes Jahr amtierte noch Ministerpräsident Fiala, der uns sehr zugewandt war. Hätten wir uns damals in Tschechien getroffen, wäre uns vermutlich unterstellt worden, dass ein Treffen dort 80 Jahre nach Kriegsende eine Provokation sei.

Wie ist es umgekehrt: Wie tief sitzt mehr als 80 Jahre nach Kriegsende noch der Stachel der Vertreibung bei Ihren Mitgliedern, wie groß sind noch die Schuldvorwürfe in Richtung tschechische Nachbarn?

Jeder Mensch, der persönlich von Vertreibung betroffen ist oder war, kann Vertreibung nicht gutheißen. Das hat auch Auswirkungen auf die Kinder, davon bin ich persönlich überzeugt. Obwohl ich ein hervorragendes Leben hatte, leide auch ich darunter, was meinem Vater passiert ist. Er wurde als Neunjähriger aus seinem Ort vertrieben, mit nichts anderem als dem, was er am Leib trug und einer Eisenbahn in der Hand sowie einem Schulranzen, den ich in dieser Vertreibungskiste dort in der Ecke meines Büro aufbewahre. Ich fühle mich meiner eigenen Familie gegenüber verpflichtet, die über Jahrhunderte dort gelebt hat. Doch was ist die Reaktion darauf?

… Schuldvorwürfe. Die über viele Jahrzehnte von den Sudetendeutschen zu hören waren.

Die Reaktion darauf kann nicht sein zu sagen, ihr habt Schuld. Die Tschechen, die uns jetzt willkommen heißen, waren nicht die Tschechen, die uns aus dem Land geworfen haben. Das sind unschuldige Menschen, die uns heute einladen. Es gibt kaum noch jemanden in Tschechien, der damals als Täter verantwortlich für Vertreibung war. Wie rückwärtsgewandt wären wir denn, wenn wir den Tschechen vorwerfen würden, dass sie als Nation verantwortlich sind! Die Sudetendeutsche Landsmannschaft hat im Gegenteil schon kurz nach der Vertreibung klar und deutlich auf Rache und Vergeltung verzichtet.

… jedoch lange Zeit nicht auf die Heimat.

Nicht auf die Heimat. Diese Heimat ist unsere gemeinsame Heimat. Je mehr Tschechen ich treffe, umso mehr bemerke ich diese Erkenntnis auch bei ihnen. Weil sie Geschichte verstehen und gelernt haben, dass der Kommunismus sie in die Irre geführt hat. Ich hielt vor vier Wochen einen Vortrag an der Universität in Königgrätz. Die Aula war übervoll, die Studenten hörten sehr aufmerksam zu und hatten konkrete Fragen – aber auch sehr großes Verständnis. Da habe ich keinen Hass und keine Hetze verspürt, von niemandem.

Trotzdem denken auch viele Deutsche noch immer an Revanchisten, wenn sie den Begriff Sudetendeutsche hören. Haben Sie Hoffnung, dass sich dieses Image einmal ändert?

Es hat sich ja schon erheblich geändert. Das möchte ich bei diesem Gespräch ausdrücklich betonen. Deshalb lade ich jeden zu unseren Sudetendeutschen Tagen ein. Oder zu unseren Veranstaltungen im Sudetendeutschen Haus in München. Ebenso in unser Museum dort, in dem Geschichte umfassend dargestellt wird. Es gab dazu keine Vorwürfe von tschechischer Seite, auch nicht von tschechischen Historikern. Ganz erstaunlich, wenn man dies mit den Diskussionen um das Zentrum gegen Vertreibung in Berlin vergleicht und den Vorwürfen, die dazu aus Polen erhoben werden.  

Sie leiten den Heiligenhof in Bad Kissingen, eine Bildungsstätte der Sudetendeutschen. Dort gibt es Veranstaltungen zur sudetendeutschen Heimatgeschichte wie als politische Bildungsarbeit mit Blick auf Mitteleuropa. Und regelmäßig Freizeiten von Kindern und Jugendliche aus Deutschland und Tschechien. Welche Rolle spielen Vertreibung bzw. sudetendeutsche Programmatik bei diesen Begegnungen von Jugendlichen?

Es steckt insofern viel Sudetendeutsches im Programm, weil die Jugendlichen schnell begreifen, dass Böhmen, Mähren und Schlesien keine Länder waren, in denen immer nur Tschechen gelebt haben. Deutsch war neben Tschechisch gleichberechtigte Landessprache, bei dreieinhalb Millionen deutschen und sechs Millionen tschechischen Bewohnern. Sie lebten sehr lange friedlich nebeneinander – was wir uns heute für unser Europa wünschen. Das Erstarken des Nationalismus und des Kommunismus hat dies kaputt gemacht. Diese Zeiten wollen wir überwinden.

Können Sie mit dem Motto leben: Lasst Vergangenheit endlich Vergangenheit sein und uns lieber nach vorne schauen?         

Nein, ein Totschweigen von dem, was einmal gewesen ist, funktioniert nicht. Zwar gebe ich Ihnen Recht: Lasst uns nach vorne gucken! Aber ein Miteinander kann es nur geben, wenn wir die Geschichte kennen. Deshalb ist es für mich auch undenkbar, bei einem Sudetendeutschen Tag nicht an die Verbrechen der Nationalsozialisten zu erinnern. Wir werden zum Auftakt in Brünn auch der Juden gedenken, die dort am Bahnhof abtransportiert wurden. Ebenso sehen wir es als unsere Aufgabe an, an die tschechischen NS-Opfer zu erinnern.

Sie sind seit mehr als 20 Jahren mit einer Tschechin aus der Nähe von Pardubice verheiratet und haben eine gemeinsame Tochter. Mit welcher Sprache ist sie aufgewachsen?

Meine Tochter ist jetzt 17 Jahre alt – und perfekt zweisprachig.

Zur Person: STEFFEN HÖRTLER

Hörtler, Jahrgang 1973, leitet das Sudetendeutsche Bildungszentrum Heiligenhof in Bad Kissingen. Im Dienst der Sudetendeutschen ist der gebürtige Thüringer ein Multifunktionär, vor allem als stellvertretender Bundesvorsitzender und bayerischer Landesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Zudem fungiert er u.a. als Direktor der Stiftung Sudetendeutsches Sozial- und Bildungswerk, Mitglied im Präsidium des Sudetendeutschen Rats und im Kuratorium der Sudetendeutschen Stiftung sowie des Collegium Carolinum. Steffen Hörtler ist auch Mitglied im Präsidium des Bundes der Vertriebenen, des Landesvertriebenenbeirats und des Karlspreis-Kuratoriums. Für die CSU engagiert er sich in der Kommunalpolitik von Bad Kissingen.