… und der über die Tschechen geht so: Es flogen ein Amerikaner, ein Russe und ein Tscheche mit dem Luftschiff. Der Amerikaner streckte seine Hand aus dem Fenster und sagte: „Jetzt sind wir in Amerika, ich habe die Freiheitsstatue berührt.“ Nach ein paar Stunden streckte der Russe die Hand aus dem Fenster: „Jetzt sind wir in Russland, draußen ist es eiskalt.“ Zum Schluss der Tscheche: „Jetzt sind wir in Tschechien. Jemand hat meine Uhr geklaut.“

Kann man darüber lachen? Beziehungsweise kann ein Tscheche darüber lachen…? Auf jener Tafel, die diesen Gag präsentiert, wird angemerkt, dass man ihn in Tschechien „gerne erzählt“ habe. Zugleich wird den Bewohnern des Landes attestiert, sie pflegten „einen feinen, an ironischen Zwischentönen reichen Humor“, mit dem sie „auch historisch schwere Zeiten überstanden.“

Diese Hinweistafel mit Anmerkungen zu Tschechien liegt auf einem Rundwanderweg, der Witze und Pointen zu allen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union präsentiert. Ergibt also eine Tour mit 27 Stationen. Sie liegt nahe Veitshöchheim bei Würzburg in Bayern und wurde „Narr-Erholungsweg“ genannt.

Grund dafür: Seit vielen Jahren wird in Veitshöchheim eine TV-Faschingssendung veranstaltet, die zu den populärsten in Deutschland zählt: „Fastnacht in Franken“ im Bayerischen Fernsehen, mit jährlich bis zu vier Millionen Zuschauern von Rügen bis zum Schwarzwald.

Ein Narr mit blauem EU-Smiley ist das Logo der Strecke. Geeignet für Wanderer, Spaziergänger, mithin für alle, die mal lachen wollen. Sie ist etwas mehr als fünf Kilometer lang und in eineinhalb bis zweieinhalb Stunden zu bewältigen. Je nachdem, wie viele Hinweistafeln man lesen will – was der tiefere Sinn dieses Parcours ist.

Und außerdem, wie oft und wie lange man Pausen einlegt. Bänke dafür gibt‘s reichlich. Wobei die Tour relativ eben und ohne größere Steigungen verläuft. Sie geht über Waldwege und vorbei an Feldern. Dort ist der Rundgang in den Sommerwochen gut „geheizt“, schattige Plätze deshalb ebenfalls ein gern genutztes Ziel.

Anlass für diesen „freudvollen“ Weg war indes nicht die TV-Veranstaltung, sondern ein geographischer Umstand. Sein Ausgangspunkt liegt exakt in der Mitte Europas. Genauer: In der Mitte der Europäischen Union – und die befindet sich wiederum in einem Gemeindeteil von Veitshöchheim, nämlich im kleinen Gadheim.

Das ist ein Ort mit nur wenigen Häusern und laut offizieller Angaben nicht einmal 100 Einwohnern. Der Parkplatz für die Wanderung wurde direkt an einer Gärtnerei platziert, die Nachwuchs ausbildet und ein paar hundert Meter vom Start entfernt ist.

Die EU-Mitte kennzeichnen ein kleiner Platz mit Blumenschmuck und eine halbrunde Bank, daneben wehen Fahnen der EU und von Deutschland – sowie die Fahne von Veitshöchheim (nicht zu verwechseln mit der spanischen, wie man zunächst vermuten könnte).

Gleich daneben: Ein rot-weißer Schlagbaum, der aus einem Muschelkalk-Findling herausragt. Er soll offene Grenzen symbolisieren. Dass der EU-Mittelpunkt nun mitten in der „europäischen Pampa“ liegt, hat eine historische Ursache: Den Brexit.

Mit dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union verschob sich die Mitte der EU von Westerngrund im Landkreis Aschaffenburg 70 Kilometer weiter nach Südosten – eben nach Gadheim. Nun mit folgenden exakten Koordinaten: Neun Grad, 54 Minuten, sieben Sekunden östlicher Länge und 49 Grad, 50 Minuten, 35 Sekunden nördlicher Breite.

Diese „EU-Verlagerung“ wurde in der Nacht zum 1. Februar 2020 ausgiebig gefeiert. Seitdem berichteten zahlreiche internationale Medien darüber, der britische „Guardian“ ebenso wie TV-Sender aus Übersee. Das Markenzeichen „EU-Mitte“ veranlasste die ARD, ihr Morgenmagazin während der Fußball-Europameisterschaft 2021 zwei Wochen lang live aus Veitshöchheim zu senden.

Der dazugehörige Wanderweg basiert auf einem Einfall des deutschen Kabarettisten Oliver Tissot, der – ernsthaft – eine Promotion über Humor verfasste und sich deshalb seit 2009 Doktor der Soziologie nennen darf. Seine Tafeln informieren auf zwei Seiten, einmal über den Humor in dem Land und zum anderen mit einem Witz aus dem oder über den Staat und seine Bewohner.

Über die Tschechen lässt Tissot wissen, dass sich ihr Humor – natürlich – im ,,braven Soldaten Schwejk“ widerspiegelt. Aber auch durch die Kunstfigur Jára Cimrman, im Ausland deutlich weniger bekannt als Schwejk, Josef.

Dass Cimrman in einem TV-Wettbewerb über den ,,größten Tschechen“ der Geschichte eine Chance auf Platz eins hatte, obwohl das „fiktive Universalgenie“ nie wirklich existierte und die „wissenschaftliche Disziplin Cimrmanologie“ nach ihm benannt wurde, wertet Tissot als Nachweis für einen außergewöhnlichen Witz der Tschechen.

Nicht jede Info-Tafel zu den EU-Ländern und ihrem Witz ist ihm jedoch gelungen. Zum Beispiel, wenn er für die Slowakei eine Frage an „Radio Eriwan“ formuliert. Da lässt sich keine spezifische slowakische Humor-Affinität erkennen. Auch wenn Tissot nachschiebt, dass Witze über diese fiktive Radiostation Eriwan in der Slowakei angeblich beliebt gewesen seien.

Anders Italien. Dafür muss Roms Fußball-Idol Francesco Totti herhalten. Mit folgendem Gag: „Totti legt ein Puzzle, nach sechs Monaten ist er fertig. Dann liest er auf der Packung: Von drei bis sechs Jahren. Wow, ruft Totti, ich bin ein Genie.“

Der Weltmeister von 2006 nahm seine Rolle als „Witzfigur“ auch im eigenen Land stets mit bemerkenswerter Selbstironie an. Beredter Ausdruck: Er selbst veröffentlichte ein Buch mit den besten Witzen über ihn – und stiftete den Erlös an Unicef, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. Eine noble Geste, denn Tottis Buch über Totti verkaufte sich in Millionenauflage…  

Dass für Deutschland ausgerechnet Mario Barth zum Humor-Botschafter wird, ist schon Komik an sich. Daran ändert auch die Anmerkung nichts, dass Barth Deutschlands erfolgreichster Komiker sei, von dem sich ein beachtlicher Haufen an Zuschauern gut unterhalten fühlt.

Gleichwohl passt Barth voll in die Landschaft. Denn auf der Tafel wird auch darauf verwiesen, dass Deutsche in der Welt „nicht gerade als witzig“ gelten. Als Zeuge wird Mark Twain ins (Gadheimer) Feld geführt. Mit seiner Aussage, dass ein deutscher Witz „nicht zum Lachen“ ist.

Als Westerngrund den Titel sieben Jahre lang trug (von 2013 bis 2020), besuchten einige Tausend Neugierige aus angeblich 40 verschiedenen Ländern die kleine Gemeinde. Nun hofft Gadheim wegen „seines“ EU-Mittelpunkts auf ein wenig Ruhm und ein kleines Stück vom touristischen Kuchen.

Sollten sich tschechische Gäste auf den Weg dorthin machen, wird sie der „Narr-Weg“ möglicherweise an ein Kunstwerk aus ihrem Land erinnern. Nämlich an die Installation „Entropa“ von David Černý. Damit überraschte der Kunstrebell während der tschechischen EU-Ratspräsidentschaft im Jahr 2009 ganz Europa.

Besser gesagt: Er verärgerte fast ganz Europa, weil er viele EU-Staaten ironisch darstellte und somit dem Kontinent (s)ein Spiegelbild vorhielt. Deutschland, zum Beispiel, war für ihn lediglich ein Land voller Autobahnen. Und Italien ein einziger Fußballplatz. Heute noch zu bewundern in Černýs Museum in Prag 5.

Demgegenüber ist der Wanderweg bei Gadheim fürwahr ein harmloser Spaziergang. Wo mancher Witz schlimmstenfalls nicht recht zündet, keiner aber auch nur annähernd so provoziert wie einst „Entropa.“