Meine Meinung widerspricht den Mehrheitsurteilen. Trotzdem bin ich nicht bereit, in den Chor all derer einzustimmen, die gerade den deutschen Fußball an die Wand nageln. Konkret: Seine wichtigste Mannschaft, die Nationalelf. Deren k.o. bei der WM ist für mich nicht nur hausgemacht. Vielmehr offenbart sich an ihrem Beispiel ein fragwürdiger Kern des Fußballs, der in einer überhitzten deutschen Debatte kaum beachtet wird.

In Prag fragte man mich häufig, welcher deutschen Mannschaft ich die Daumen drücke. Meine Antwort stets: Die Nationalelf. Womit sich Tschechen freilich nicht immer zufrieden gaben. Dabei hatten sie selbst die beste Begründung dafür, dass die deutsche Mannschaft sehr wohl als „Lieblingsklub“ dienen kann.

Kam sie nämlich bei einem wichtigen Spiel oder großen Turnier in Bedrängnis, hörte ich von ihnen meist lapidar: „Keine Bange, es ist Deutschland!“ Was heißt: Eine Mannschaft, die sich bei einer EM oder WM immer steigern kann – bis hin zum Titelgewinn. Das habe sie schließlich oft genug bewiesen.    

Seit 1966 bin ich ihr steter Wegbegleiter. Und tatsächlich hat die deutsche Nationalelf ihre Fans seitdem 50 Jahre lang bis 2016 mit glanzvollen Spielen und zahlreichen EM- und WM-Triumphen geradezu überschüttet. Selbst wenn ihre Spieler als „Rumpelfußballer“ verspottet wurden, waren sie immer noch gut genug für eine Vizeweltmeisterschaft. Wie 2002.

Nun ist die deutsche Nationalmannschaft nicht mehr erfolgreich. Dreimal am Stück musste sie eine WM frühzeitig verlassen. Jedes Mal mit einem anderen Bundestrainer. Keiner von ihnen steht in Verdacht, nicht fachkundig zu sein. Joachim Löw führte Deutschland zuvor zum Weltmeistertitel, Hansi Flick danach den FC Barcelona zu spanischen Meistertieln. Allein Julian Nagelsmann kann noch keinen großen Erfolg aufweisen, aber er ist auch erst 38 Jahre alt.

Trotzdem hat in Deutschland ein Jammern, Schelten, Schimpfen eingesetzt, das meinem Gerechtigkeitssinn widerstrebt. Erst Recht nach dem Achtelfinale zwischen Frankreich und Paraguay. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten schaltete ich mitten in einem Spiel den Fernseher ab. Genau in der 80. Minute. Bis dahin hatte ich sieben glasklare rote Karten für die Südamerikaner gesehen. Für Tätlichkeiten und rohe Fouls, die im normalen Leben als vorsätzliche Körperverletzung justiziabel wären.

Diese Partie relativiere die Leistung der deutschen Elf gegen diese Paraguayos zuvor, hörte ich noch vom Reporter bei Magenta TV, bevor ich mich dem weiteren Fortgang entzog. Womit er völlig Recht hatte. Gleich nach Schlusspfiff der Begegnung zwischen Deutschland und Paraguay beklagte ich, dass eine Mannschaft ins Achtelfinale weiterzog, die überhaupt nicht am Spiel teilgenommen hatte bzw. nicht im Geringsten daran interessiert war.

Dies sah nun auch der wichtigste französische Spieler so. „Der Gegner wollte überhaupt nicht Fußball spielen“, sagte Weltstar Kilian Mbappe. Nach der Partie seiner Elf gegen Paraguay.

Ich gehe noch einen Schritt weiter. Unterm Strich bleibt für mich, dass die deutsche Mannschaft nun zweimal nacheinander von Schiedsrichtern um den Lohn gebracht wurde. Schon bei der EM 2024 durch einen verweigerten Handelfmeter – was selbst die Uefa ein Jahr später (!) bestätigte. Und nun wieder, weil ein reguläres Tor in der Verlängerung aberkannt wurde.

Dafür wurde ich aus Prag gescholten. Ein erfahrener Übungsleiter gab zu bedenken, dass die Leistung eines Schiedsrichters für ihn nie Thema sei, wenn er mit seiner Mannschaft ein Spiel analysiere. Schon deshalb nicht – und auch nicht bei einer Niederlage – weil sonst eigene Fehler und Chancen für Verbesserungen nicht erkannt würden.

Das ist auch in Deutschland Konsens – obwohl eine miserable Schiedsrichterleistung sehr wohl alle gewissenhaften Vorbereitungen eines Trainers und Leistungen einer Mannschaft zerstören kann. Oder einen Bundestrainer aus dem Amt befördert, wie gerade Julian Nagelsmann.

Ich kann mich nur an einen einzigen Fall erinnern, in dem sich ganz Deutschland einig war, dass ein Unparteiischer eine Fehlentscheidung getroffen hatte: Beim berühmten „Wembley“-Tor im Finale der WM 1966. Nun höre ich erneut keine einzige deutsche Stimme, die den Treffer von Jonathan Tah gegen Paraguay für irregulär hält. Alle deutschen Schiedsrichter, in der Vergangenheit durchaus oft nicht der gleichen Meinung, geben an: Klares Tor.

Der designierte neue Bundestrainer Jürgen Klopp meinte bei Magenta TV gar, dass Arsenal London „80 Prozent seiner Tore auf diese Weise erzielte und sonst nie englischer Meister“ geworden wäre. Sein vermutlicher Vorgänger Julian Nagelsmann nannte es einen „Vollskandal.“ Für mich ist es, in Verbindung mit der EM 24, zumindest skandalös.

Auch hier wurde ganz Deutschland aus Prag widersprochen. Ein hochgeschätzter Journalisten-Kollege sah es wie Tschechiens Fußball-Idol und TV-Experte Karel Poborský im heimischen Fernsehen: Foul des deutschen Spielers Waldemar Anton am gegnerischen Torwart vor dem Treffer.

Was die deutschen Weltmeister und TV-Fachleute Per Mertesacker und Christoph Kramer mit dem Hinweis widerlegten, dass der Torwart von Paraguay sofort wieder auf den Beinen war. Selbst er habe wohl vermutet, mit einem „Foul“ beim Schiedsrichter keinen Erfolg zu haben. Freiburgs Trainer Christian Streich fürchtete nun im ZDF, dass künftig alle Torhüter in solchen Situationen einfach liegenbleiben.  

Natürlich ist es einfach, sich auf Schiedsrichter-(Miss)Leistungen einzuschießen. Für Erfolgstrainer José Mourinho ist das anscheinend sogar Programm. Ich erkenne jedoch einen grundsätzlichen Fehler im System: Oft genug schon hatten Schiedsrichter bei einer WM nicht das Niveau von Spielern. Weil der Fifa wichtiger ist, dass all ihre Mitgliedsverbände zum Zuge kommen. Anstatt sinnvollerweise die besten Referees in ein Spiel zu schicken. Und zwar immer.

Dadurch pfeifen selbst Schiedsrichter aus Marokko oder Usbekistan beim Hochamt des Fußballs, das für sich Weltklasse beansprucht und oft genug auch bietet. Obwohl sie in ihren Ligen ganz anderes Tempo und Spielniveau gewohnt sind. Weshalb sie allem Anschein nach auch nicht ein Team wie Paraguay durchschauen können, das sich statt eines Matchplanes einen „Schlachtplan“ zurecht gelegt hatte. Ebenso wenig wie ein VAR aus Nicaragua.

Auch die Franzosen fanden keine Lücke im Abwehrdickicht des mit allen Mitteln und nur auf Zerstörung bedachten Gegners. Anstatt sich am Beispiel von Kap Verde zu orientieren, dessen Team gegen Argentinien vorbildlich vorführte, wie man einer vermeintlichen Übermannschaft effektiv begegnen kann, beschränkte sich Paraguay fast ausschließlich auf seine unfairen Möglichkeiten: Schlagen, treten, stoßen. Beleidigen. Unwürdig für ein Fußball-Land, das einst wunderbare Spieler wie Roque Santa Cruz oder Nelson Valdez in seiner Mannschaft hatte.

Nur Spucken fehlte. Zumindest war es im Fernsehen nicht zu sehen. Und eine Ohrfeige. A la Horacio Troche, womit der Uruguayer den Deutschen Uwe Seeler bedachte, nachdem er wegen eines groben Fouls vom Platz gestellt worden war. Auch deshalb erinnerte die Partie von Frankreich gegen Paraguay auffällig an das Viertelfinale bei der WM 1966 zwischen Uruguay und Deutschland.

Die Franzosen gewannen, weil der eingewechselte Desiré Doué machte, was gemäß einer alten Fußballer-Weisheit bereits in den untersten Klassen angewendet wird: Wenn nichts geht, dann irgendwie in den Strafraum kommen und dort einen Elfmeter herausholen. Dies probierte auch der eingewechselte Jamal Musiala in der Partie von Deutschland gegen Paraguay: Mit Dribblings in den gegnerischen Strafraum, um dort ein Foul zu provozieren. Leider war er der einzige in den deutschen Reihen, der diese Idee hatte.

Deshalb wird in deutscher Gründlichkeit nun nach Gründen für das Aus gesucht. Oft mit alten Reflexen. Wie nach dem WM-Viertelfinalende 1998 wird wieder der spätere Weltmeister Frankreich als Vorbild nach vorne geschoben. Zu allem Überfluss greift auch noch Lothar Matthäus in die Debatte ein, mit Hinweisen auf Missstände im deutschen WM-Quartier. Ausgerechnet Matthäus, der mit Indiskretionen nach Kräften dafür sorgte, dass die WM vor 32 Jahren in den USA zu einem Debakel geriet. Wie Bundestrainer Berti Vogts in der wunderbaren ARD-Dokumentation „WM 1994 – Elf Helden, ein Albtraum“ bis heute beklagt.

So ein Spiel brauche es einfach auf dem Weg zu einem großen Sieg, heißt es nun bei der französischen Auswahl. Also eine gute Portion Spielglück, wenn selbst nicht viel gelingt oder durch den Gegner zerstört wird. Vielleicht wäre Paraguay auch dieser Meilenstein für Deutschland gewesen – bei einem fähigen Schiedsrichter. Nicht nur Können, sondern auch Fortüne verlange er von seinen Generälen in den entscheidenden Kämpfen, sagt man bis heute Napoleon nach.

Zu oft wird vergessen, dass der so vielgepriesene WM-Triumph 2014 nur möglich wurde, weil Algerien in einem Zitterspiel im Achtelfinale knapp mit 2:1 besiegt werden konnte. Vor allem dank Torhüter Manuel Neuer. Und eben auch mit Spielglück. Ohne diesen Sieg hätte es anschließend kein fulminantes 7:1 gegen Brasilien gegeben und keinen Finalsieg gegen Argentinien – und Deutschland wäre seit 36 Jahren ohne WM-Erfolg. Noch deutlich länger als Brasilien mittlerweile (24 Jahre).

Deshalb wird Joachim Löw als ein Heilsbringer des deutschen Fußballs gefeiert. Doch wie wäre sein Ruf heute, ohne diesen einen (spiel-)glücklichen Augenblick des Erfolgs gegen Algerien? Auch Julian Nagelsmann galt noch vor zwei Jahren als Heilsbringer, der eine Fußballnation bei der Heim-EM hinter der Nationalelf vereinte. Ja, diesmal hat er Fehler gemacht, nicht nur einen und oft genug zitiert. Vorneweg die vieldiskutierte und unnötige Nominierung von Manuel Neuer und die Debatte um Deniz Undav.

Sein Aus als Bundestrainer resultierte jedoch entscheidend daraus, dass am Ende nur das Ergebnis glänzt. Wie Thomas Tuchel postulierte, als er noch Trainer bei Bayern München war. Und mittlerweile leider nur noch das! Als einziges Gesetz des Geschäfts. Dass die Umstände völlig außer Acht gelassen werden, unter denen Endergebnisse zustande kommen, kollidiert wiederum erheblich mit meinem Gerechtigkeitssinn.

Eine untergeordnete bzw. überhaupt keine Rolle spielen heutzutage äußere Einflüsse. Wie miserable Schiedsrichter-Entscheidungen, Umstände für externe Fehlentscheidungen und Fehlverhalten. Stattdessen wird in Deutschland eine Nabelschau betrieben. Erneut gilt das einförmige Motto: Entweder alles supertollklasse oder Vollkatastrophe. Weiterhin kommt jeder Sieg einem Triumph gleich (wie gegen Curacao). Und jede Niederlage einem Desaster.

Gerade eine Weltmeisterschaft mit aberwitzig vielen Trainerwechseln nach Turnierschluss offenbart, wie irrational im Fußball gehandelt wird. Nicht weniger als in der Politik werden dann Fragen gestellt, weil Ergebnisse nicht passen. Die richtigen Spieler, das richtige Umfeld? Diese Fragestellungen bleiben allzu oft an der Antwort hängen, dass der Trainer nicht der richtige war.

Nun müsse die deutsche Nationalelf neu aufgebaut werden, schreiben Zeitungen lapidar. Wie immer nach Misserfolgen. Der erfolgreiche frühere deutsche Nationalspieler Stefan Reuter kommt im Rückblick zu dem Befund, dass die deutschen Akteure bei der WM zwar bemüht waren, aber meist für sich selbst gespielt hätten und keine Reaktion aus der Mannschaft heraus kam. Dabei könne nicht alles von außen geregelt werden.

Frage daher: Wird bzw. kann der deutsche Fußball dem neuen Bundestrainer Jürgen Klopp für die EM 2028 neue, andere, bessere Spieler zur Verfügung stellen? Zum Beispiel einen geeigneten Mittelstürmer. Oder einen neuen Torwart von internationalem Format. Oder einen passenden Rechtsverteidiger. Also Spieler, die der deutsche Fußball dessen Vorgänger Nagelsmann vorenthielt.

Und kann Klopp, so er Bundestrainer wird, dann auf Schlüsselspieler bauen, die nicht wie bei dieser WM seit fast einem Jahr mit Verletzungsfolgen kämpfen (Musiala) und nicht von ihrer Bestform mehr oder weniger weit entfernt sind (Wirtz, Woltemade)? Er nehme die Besten, betonte Nagelsmann stets, und andere oder gar noch bessere als sie habe er nicht. Falsch war seine Aussage nicht.

Vielleicht ist in Fußball-Deutschland auch schlicht und einfach eine gewisse Normalität eingekehrt. Nach den vielen grandiosen Erfolgen in den letzten Jahrzehnten. Wird nicht oft genug herausgestellt, dass es keine Kleinen im Weltfußball mehr gebe? Und dass deutsche Tugenden wie Kampfgeist und Disziplin längst auch von anderen übernommen wurden? Wobei diese Erkenntnis ja nicht daran hindert, den Blick trotzdem darauf zu richten, was geändert werden muss und verbessert werden kann. In der Ausbildung, bei Strukturen, im DFB.

In gleicher Weise lebt aber auch die Hoffnung, dass im Fußball noch Gerechtigkeit siegt. Wie glücklicherweise im Spiel von Frankreich gegen Paraguay. Und dass sich sogar die Fifa lernfähig zeigt und endlich die Schiedsrichter dem Spielniveau anpasst. Spieler und Trainer einer WM hätten es verdient. Diese Hoffnung ist freilich nicht allzu groß.

Klaus Hanisch