Er strotzt vor Kraft: Patrik Schick stellt gerade einen Rekord nach dem anderen auf. Gut für seinen Klub Bayer Leverkusen, heute als Tabellenzweiter der Europa League bei OFI Kreta zu Gast – und auch wieder für die tschechische Nationalelf? Sicher ist, dass er in seinem Prager Stammlokal den nächsten Svíčková nicht allzu bald bestellen kann.

Ja, er komme öfters hierher. Sagt der dunkelblonde Ober. Wieso das? „Weil Patrik nicht weit entfernt von uns wohnt“, ergänzt der Ober. „Gleich im nächsten Ort, wenn er in Prag ist.“ Und warum kommt er gerade in dieses Restaurant in Prag 4? „Ganz einfach“, schmunzelt der Ober, „er liebt unseren Svíčková.“

Tatsächlich? Patrik Schick, „der“ Schick?

Der Ober zückt sein Handy. Dann sucht er kurz unter „Images.“ Schon hat er mehrere Treffer. „Da isser.“ Der Ober präsentiert Fotos von einer Hochzeit. Es ist die Hochzeit von Patrik Schick, dem Stürmerstar. Darunter Bilder, die Schick im schicken Outfit zeigen – Arm in Arm mit dem dunkelblonden Ober aus dem Lokal in Prag 4. Kein Zweifel: Sie wurde ausgelassen gefeiert, die Heirat von Patrik Schick.

Allerdings wird er in den nächsten Wochen kaum Zeit für den traditionellen böhmischen Braten in diesem Lokal haben. Denn Schick ist aktuell auf Rekordjagd. Letzte Woche schon in der Europa League. Im Auswärtsspiel bei Lech Poznan wurde der hochaufgeschossene Stürmer nach einer Viertelstunde eingewechselt und erzielte noch vor der Pause zwei Tore – was vor ihm keinem anderen in diesem Wettbewerb gelang.

Nur in der Champions League tat es ihm einer gleich, Ryan Giggs, im Februar 2003 beim Auswärtsspiel seines Klubs Manchester United bei Juventus Turin. Der Waliser kam in Minute 8 auf den Platz und schoss ebenfalls zwei Treffer. Gleich nach der Pause wurde er schon wieder aus dem Spiel genommen. Wie Schick, der von seinem Trainer eine Viertelstunde vor Abpfiff ausgewechselt wurde. Gleichwohl lobte ihn Carles Martínez hernach: „Schick ist einer unserer Anführer.“

Phänomen Patrik

Mit den Wechseln wollte der Spanier seinen wichtigsten Stürmer schonen. Prompt stellte Schick vier Tage später die nächste Bestmarke auf. Im Heimspiel gegen Tabellenführer SC Freiburg erzielte er am letzten Wochenende das 2:1-Siegtor – und traf damit an jedem der ersten sechs Bundesliga-Spieltage dieser Saison für Bayer. Das schaffte zuvor kein anderer Profi der Werkself. Phänomen Patrik!

„Er ist in der Form seines Lebens“, jubelte die Bild-Zeitung anschließend. Zahlen belegen, dass Schick „momentan der beste Stürmer der Liga“ sei. Nicht nur, weil er mit seinen sechs Toren gemeinsam mit Bremens Niclas Füllkrug die Torjägerliste der Bundesliga anführt. Schick sei im Schnitt zudem alle 54 Minuten an einem Tor beteiligt und damit noch vor Harry Kane der effektivste Scorer (also Tore plus Vorlagen) der Liga.

Ganz Leverkusen jubelt über Patrik Schick!. Egal, dass Bayerns Robert Lewandowski in der Saison 2019/20 sogar vom ersten bis zum elften Spieltag mindestens einmal pro Spiel traf und Dortmunds Pierre-Emerick Aubameyang in der Saison 2015/16 vom ersten bis zum achten. Patrik Schick selbst bekundete, dass ihn sein Rekord „natürlich stolz“ mache und er „sehr glücklich“ darüber sei. Nun hoffe er, weiter zu treffen: „Mal sehen, wo ich aufhöre.“

Zugleich stellte der Tscheche fest, dass es in seinem Spiel keine Veränderungen gebe: „Ich mache die gleichen Sachen wie früher. Das Einzige ist vielleicht, dass ich jetzt lange Zeit gesund bin.“ Seinen Trainer überraschte er dagegen schon (ein wenig). Carles Martínez führte aus, dass Schick trotz seines „Rekords in Reichweite kein egoistischer Spieler“ mit Drang nur auf dieses Tor gewesen sei. Vielmehr habe er „hart gearbeitet, verteidigt und die Mannschaft im Spiel gehalten.“

schick – schicker – Patrik Schick

Der Coach sieht den 30-Jährigen im Spätsommer seiner Karriere noch längst nicht am Ende. „Wenn er weiter uneigennützig denkt, bin ich mir absolut sicher, dass er weiterhin Tore schießen und sehr wichtig für uns sein wird.“ Schicks Bilanz seit 2020: 113 Tore in 219 Spielen im Bayer-Trikot. Auch andere professionelle Beobachter in Deutschland urteilten zu Wochenbeginn, dass die Bundesliga „einen Schick so stark wie nie“ erlebe. Er erziele nicht nur Tore wie ehedem, sondern übernehme jetzt auch „wie eine Führungskraft mehr Verantwortung für das Team.“

Das lässt in Tschechien aufhorchen. Hier trat der Starstürmer – obwohl erst 30 Jahre alt – bekanntlich kurz nach der enttäuschenden WM in Nordamerika aus der Nationalelf zurück. Er hinterließ eine (Fußball-)Nation im Schockzustand. Immerhin war Schick in den letzten Jahren die Offensivkraft schlechthin in Tschechiens Auswahl, mit 26 Treffern in 56 Länderspielen seit 2016. Nur die Stürmer Jan Koller (55 Tore) und Milan Baroš (41) trafen für die Tschechen öfters ins gegnerische Netz.

Wichtige Änderung

„Nicht aus Wut oder Enttäuschung“ sage er Čau, beeilte sich Patrik Schick im Sommer zu erklären. Vielmehr habe er „das Gefühl, dass der tschechische Fußball viel mehr Potenzial hat, als er in den letzten Jahren zeigte.“ Schick forderte, es müsse sich „einiges ändern, was langfristig nicht funktioniert hat.“

Tatsächlich gab es seitdem eine wichtige Änderung, nämlich Santiago Denia Sánchez als neuen tschechischen Nationaltrainer. Ebenfalls Spanier, wie Schicks Coach in Leverkusen. Er kündigte früh Gespräche mit Schick über dessen Rückkehr an, beide trafen sich bereits, der Spieler äußerte sich hernach positiv über die Begegnung. Diese Meinung bekräftigte er Anfang Oktober bei seiner Ehrung zum besten tschechischen Fußballer der letzten Saison.

Rückkehr offen

„Wenn ich fit bin und das Gefühl habe, dass ich der Nationalmannschaft etwas geben und ihr helfen kann, dann können wir noch einmal darüber sprechen“, erklärte Schick. Womit er ein Comeback in der Nationalelf nicht wirklich ausschloss. Schick erkannte eine bessere Stimmung im Team und ein angenehmeres Umfeld seit der Ankunft von Denia – und der könnte einen Schick in starker Form gut brauchen. Ob noch in diesem Jahr, blieb freilich offen. Er sei sich nicht sicher, ob er im Moment schon eine Bereicherung für das Nationalteam sei, fügte Patrik Schick lediglich an.

Vor allem dank seiner Treffer gewann Bayer zuletzt fünf Pflichtspiele in Folge und belegt in der Bundesliga Rang vier. Trifft er weiter in dieser Weise, könnte Schick dem Klub zum nächsten Titel verhelfen. Nachdem er mit Leverkusen vor zwei Jahren das Double aus Meisterschaft und Pokal holte und im Finale der Europa League stand.

Schicks späte Schüsse

Auf dem Weg dorthin schlug ich dem dunkelblonden Ober im März 2024 vor, das Rückspiel von Bayer gegen Qarabağ Ağdam im TV-Gerät des Lokals zu verfolgen. Es versprach Spannung. Leverkusen hatte im Hinspiel in Aserbeidschan gerade noch ein 2:2 erreicht, dank eines Ausgleichstores von Schick in der 92. Minute. Doch der Ober entschied sich für Liverpool gegen Sparta. „Wir sind ein tschechisches Lokal“, befand er, nicht zu Unrecht. Die Partie wurde zu einem Schlachtfest, Sparta-Fans erlebten ein 1:6 ihres Klubs an der Merseyside.

Gleich nach Schlusspfiff in Leverkusen eilte ich von meiner Prager Wohnung ins nahegelegene Lokal. Ein Hammer, ließ ich den netten Ober wissen, Leverkusen verwandelte einen 0:2-Rückstand noch in ein 3:2. „Dank zwei Toren von Schick – in der 93. und 97. Minute.“ Der Ober holte sofort sein Handy aus der Tasche. „Boah“, rief er seinen Kollegen zu, „Patrik, zwei Tore, ganz am Ende, spielentscheidend.“

Das Motto seines Prager Lieblingslokals trifft derzeit auch auf Patrik Schick zu: Er hat hohe Qualität, weist sie traditionell schon seit Jahren nach und sorgt mit seinen Treffern für reichlich Atmosphäre (in der Bayer-Arena).

Die verströmt auch Spanien, am 12. November zu Gast in Prag. Wenn der Weltmeister spielt, wird eine Partie auf dem grünen Rasen oft zu einer Party im Stadion. Vielleicht ein Anreiz für Patrik Schick, doch schon jetzt ins Nationalteam zurückzukehren?

Titelfoto: Bayer 04 Leverkusen