Das werden Hammerspiele in den nächsten Tagen! Die tschechische Elf trifft in der Nations-League gleich zweimal auf England. Dazu auf Weltmeister Spanien und Kroatien. Sofort große Bewährungsproben für den neuen tschechischen Nationaltrainer Santi Denia. Auch Thomas Tuchel (Foto) muss weiter beweisen, dass er für England bis zur EM 2028 im Heimatland noch der richtige ist.

Schon am 29. September spielt die tschechische Elf in der Fortuna-Arena in Prag gegen England. Den Dritten bei der WM im vergangenen Sommer unter Leitung des deutschen Trainers Thomas Tuchel. Am 6. Oktober reisen die Spieler zum Rückspiel ins Londoner Wembley-Stadion.

Ich bin Tuchel zuletzt begegnet, als er noch Trainer von PSG war. Mich überraschte damals seine Kommunikationsfähigkeit und -freude. Sie erinnerte an seine Zeit bei Borussia Dortmund, als er sich beim fürchterlichen Attentat auf den Mannschaftsbus im April 2017 als großer Kommunikator – zumindest in der Öffentlichkeit – hervortat. Ein Medienprofi, offen für Fragen und Diskussionen. Ja, gehört zum Geschäft. Trotzdem erstaunlich, weil der Schwabe – zu Beginn seiner Trainerarbeit bei Mainz 05 und lange auch danach in Dortmund – als arrogant und unnahbar galt

Große Namen – kein Problem

Ebenso fiel auf, wie sicher Tuchel mit großen Namen jonglierte. Neymar sei nach seiner Verletzung wieder zurück, ließ er Journalisten auf Nachfrage wissen, und er wünsche sich, dass der wechselwillige Brasilianer bleibe. „Ich persönlich habe mit ihm keinerlei Probleme“, führte Tuchel aus, „und so lange er bei uns Spieler ist, plane ich mit Neymar im Training.“

Der Umgang mit Spitzenspielern wurde ihm als möglicher Schwachpunkt angedichtet, bevor er seinen Trainerjob im Starensemble in Paris antrat. Denn Tuchel war international zuvor nicht groß in Erscheinung getreten. Und der Marktwert seines Kaders bei PSG belief sich laut transfermarkt.de auf fast eine Milliarde Euro, angeführt von Weltmeister Kylian Mbappé und eben Neymar.

Auch mit Englands Stars hat Thomas Tuchel keine Berührungsängste. Zur Verwunderung vieler Beobachter verbrachten gleich mehrere namhafte Spieler den Sommer 2026 zu Hause statt in einem WM-Stadion in Nordamerika. Dort belegte der deutsche Coach mit England Platz drei. „Die beste Platzierung bei einem Weltturnier seit 60 Jahren“, wurde Tuchel nicht müde zu betonen. Also seit dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1966 im eigenen Land.

Tuchels Gras-Speise

Denn englische Kritiker warfen ihm vor, das WM-Halbfinale gegen Argentinien durch falsche Einwechslungen „vercoacht“ und damit das Finale verspielt zu haben. Nichts weniger als WM-Gold hatten viele Engländer von Tuchel erwartet. Verwöhnt durch die enormen Erfolge der Vereinsmannschaften in den letzten Jahrzehnten. Verkennend, dass die Erfolge von englischen Klubs etwa in der Champions League wesentlich von ausländischen Spielern errungen werden.

Auch im englischen Verband grübelte man laut Berichten von der Insel, ob es mit Tuchel nach der WM weitergehen soll – der Bronzemedaille zum Trotz. Deshalb steht Thomas Tuchel weiterhin unter Beobachtung. Durch den Verband ebenso wie von Fans und Medien. Zuletzt kam wieder seine Aussage ins Spiel, er bereue, dass er nach dem dramatischen WM-Achtelfinale der Engländer im Aztekenstadion gegen Gastgeber Mexiko „nicht etwas Gras gegessen habe, damit ich für immer etwas davon in meinem Körper bewahren kann.“

Eine Aussage, bei der langjährige Beobachter von Tuchel schmunzeln mussten. Schon nach seinem Sabbatjahr erklärte der Trainer vor Amtsantritt in Dortmund, warum er so dünn wirke. „Es war letztendlich der Verzicht auf Weizen, Getreide. In Verbindung mit viel Sport“, beschrieb Tuchel damals seinen Ernährungswechsel, „da sind die Pfunde gepurzelt.“ Nun hauchte er, womöglich unbewusst, einem alten Spruch neues Leben ein, den man in England wie auch Deutschland gerne verwendet: „Die Spieler müssen Gras fressen“ – ein Synonym für „Kämpfen bis zum Umfallen.“

Bewähren muss sich auch der neue tschechische Fußball-Nationaltrainer Santiago Denia Sanchez (52), der erste Ausländer für die heimische Auswahl. Ein Spanier, wie derzeit oft von europäischen Nationalverbänden und Klubs gesucht. Der frühere Innenverteidiger spielte für Albacete und Atlético Madrid, wo er 1996 das spanische Double aus Meisterschaft und Pokal gewann, und absolvierte zwei A-Länderspiele für Spanien.

„Ich sehe bei den tschechischen Spielern Potenzial und Qualität“, betonte der neue Coach vor Amtsantritt. Dass er Mannschaften weiter entwickeln kann, hat er im Auftrag der Spanier eindrucksvoll nachgewiesen. Als Trainer holte er mit der spanischen U17 und der U19 jeweils den EM-Titel, wurde mit der U21 Vize-Europameister und gewann 2024 bei Olympia in Paris mit dem spanischen Team die Goldmedaille.

Auch deshalb ist es für einen langjährigen Trainer von Nachwuchsteams eine reizvolle Aufgabe, eine A-Mannschaft zu übernehmen. Umso mehr natürlich eine Nationalelf. Doch Denia hätte sein Amt zu keinem schwierigeren Zeitpunkt antreten können: Neben England treffen die Tschechen in der Nations League, höchste Liga A-Gruppe 3, noch auf Weltmeister Spanien (3.10). Und auf Kroatien (26.9.), auch keine Laufkundschaft. Mehr geht kaum!

Erstes Ziel für Denia soll sein, die Tschechen in der Liga A der Nations League zu halten. Bei diesen Gegnern fürwahr eine Mammutaufgabe. Nach der restlos enttäuschenden WM wollen sie den Anschluss in Europa nicht verlieren, Noch wichtiger wird für den neuen Trainer aber, die Mannschaft zur EM 2028 zu bringen. Bei einer Europameisterschaft war Tschechien in der Vergangenheit bedeutend erfolgreicher war als bei WM-Turnieren. Die Qualifikation dafür beginnt im März, das Turnier findet in Großbritannien und Irland statt.

Nur noch „Hoffenheimer“

Im ersten Kader des neuen Hoffnungsträgers stehen nur noch wenige Spieler aus der Bundesliga. Mit Vladimír Coufal, Robin Hranáč und Adam Hložek stellt allein die TSG Hoffenheim Nationalspieler fürs Nachbarland. Dazu berief Santi Denia drei Neulinge: Die Mittelfeldspieler Lukáš Ambros vom RSC Anderlecht, Roman Macek von Sparta Prag und Matěj Radosta vom FK Teplice. 15 Spieler liefen bereits bei der WM für Tschechien auf.

Nicht mehr dabei ist der beste Stürmer der letzten Jahre, Patrik Schick von Bayer Leverkusen, nach seinem Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Ein Nachfolger muss her – und dabei stieß der tschechische Verband auf Ryan Naderi, früher bei Drittligist Hansa Rostock und im Winter für erstaunliche sechs Millionen Euro zu den Glasgow Rangers transferiert. Der 23-Jährige hat die Wahl: Er könnte für Bulgarien spielen, dem Land seines Vaters oder für Tschechien, woher seine Mutter kommt. Ebenso für Deutschland.

Problem dabei: Naderi fehlt (noch) die tschechische Staatsbürgerschaft. Laut Informationen von isport.cz soll Pavel Nedvěd (54), Geschäftsführer der Nationalelf, hart daran arbeiten, um Ryan Naderi für die tschechische Auswahl zu gewinnen. Der gebürtige Dresdner fiel den Tschechen auch auf, weil er für die Rangers in der Conference-League-Qualifikation gegen FK Jablonec traf.

Parallelen zur einstigen Bundesliga-Größe Davie Selke sind unverkennbar. Auch seine Mutter stammt aus Tschechien, sein tschechischer Großvater in Lanškroun war ihm eine große Stütze, wie er der „Prager Zeitung“ im Jahr 2016 erzählte. Drei Jahre später bemühte sich der damalige Nationaltrainer Jaroslav Šilhavý intensiv um den Stürmer, der zahlreiche deutsche Junioren-Teams durchlief und bei Olympia 2016 für Deutschland spielte.

Deshalb wurde das PZ-Interview mit Davie Selke von zahlreichen tschechischen Medien aufgegriffen. Doch er lehnte einen Verbandswechsel ab und wartete stattdessen auf eine Nominierung für die deutsche A-Nationalelf – die allerdings nie folgte.

Wie einst Selke hoffte auch Naderi vergebens auf einen Anruf des Bundestrainers. Gleich nach Klopps Amtsantritt fragten nun tschechische Kollegen bei der „Prager Zeitung“ nach, ob mit ihm im deutschen Fußball alles besser werde. Immerhin hat der viermalige Weltmeister und zusätzlich viermalige Finalist bei den letzten drei WM-Turnieren nicht einmal mehr das Achtelfinale erreicht. Neuerliche Anfragen aus Prag erreichten uns, nachdem Klopp sein erstes Aufgebot bekanntgab. Mit nicht weniger als 44 Spielern, darunter elf Neulingen. „Was will Klopp um Himmels Willen mit so vielen Spielern“, wollten die tschechischen Journalisten wissen.

Eine Meinung

Jürgen Klopp versucht, das seit Jahren andauernde „Deutschland-Tief“ zu überwinden. Schließlich ist sein Ruf als Motivator legendär. Er kündigte bei seiner Einführung an, dass er junge Spieler und neue Gesichter berücksichtigen will, die selbst davon noch keine Ahnung hätten. Sein Ansatz bietet Chancen, aber auch Risiken mit Nebenwirkungen – in Form von Niederlagen und unzureichenden Leistungen in Vergleichen mit anderen großen Nationalteams.

Nicht auszuschließen, dass er mit seinen beiden Kadern nun einen Berg kreisen lässt und am Ende nur ein Mäuschen gebiert. Also in den nächsten Monaten zwar viele Akteure vorspielen lässt, zur EM 2028 aber wieder nur auf einen Kreis von Spielern bauen kann, die zuletzt schon im Blickfeld standen.

Klopp hat eine klare Idee vom Fußball und sucht dafür das geeignete Personal. Schon in Liverpool setzte er seine Vorstellungen konsequent um und wurde damit erfolgreich. Wo ein Spieler in seinem System fehlte, kaufte er sich einfach einen internationalen Superstar dazu. Wie 2018 den Abwehrhünen Virgil van Dijk vom FC Southampton. Für 85 Millionen Euro und als letztes fehlendes Teil in seinem Puzzle.

Das kann er für die deutsche Nationalelf nicht. Über all seinen Plänen schwebt ein – vermutlich nicht falscher – Satz seines Vorgängers, dass es derzeit keine besseren Spieler gebe als die, die Julian Nagelsmann schon berufen hatte. Zumindest keine besseren Deutschen. Dass Klopp mit einer Art von Sichtung – in Pflichtspielen der Nations-League – quasi bei Null beginnt, ist ein weiterer Beleg dafür, wie schlecht es um die deutsche Vorzeigemannschaft – vor allem um Moral, Siegeswillen und Einstellung – derzeit steht.

„Darf wiederkommen“

In den großen 1970er Jahren des deutschen Fußballs bestand die Nationalmannschaft aus einem kleinen Kreis von etablierten Kräften. Wer aus Alters- oder Leistungsgründen ausschied, wurde nahtlos durch einen nahezu gleichwertigen Bundesligaspieler ersetzt. Junge Spieler, die neu aufgenommen wurden, warteten nach ihrem ersten Länderspiel auf den erlösenden Satz von Bundestrainer Helmut Schön: „Er darf wiederkommen.“

Heute genügen bereits wenige Bundesligaspiele, um in der Elite-Auswahl dabei zu sein. Völlig ungewohnt muss nun auch Deutschland, wie viele andere Nationen, erst auf eine „goldene Generation“ warten, um wieder erfolgreich zu sein. Havertz, Musiala oder Wirtz werden dafür nicht genügen.

Die internationale Presse beurteilte den Einstand des Bundestrainers von „Klopp revolutioniert Deutschland“ (Mundo Deportivo, Spanien) und „fulminanter Start für Klopp“ (Voetbal, Niederlande) bis hin zu „Wahnsinn“ (Marca, Spanien) und „bizarrer neuer Ansatz“ (The Sun, England).

Foto: Česká fotbalová reprezentace

Englands Coach Thomas Tuchel hat vor dem Spiel am 29. September eine blütenweiße Weste gegen die Tschechen : Noch kein Spiel gegen sie verloren – aber auch noch keines gegen sie gewonnen. Denn der Erfolgstrainer hat bisher noch nie gegen eine tschechische Mannschaft gespielt. Weder mit einem Klub noch mit der englischen Elf.

Dies wird sich in den beiden Partien innerhalb einer Woche ändern. Und dafür werden auch englische Fans wieder alles geben. Vor, während und nach den Spielen. Sie widmeten Tuchel bereits unmittelbar nach dem erfolgreichen Start in die WM 2026 einen Song, indem sie den Klassiker „football‘s coming home“ durch ein „with Thomas Tuchel“ erweiterten.

Zwar scherzten einige, es sei ein hartes Brot, wenn England einen Titel ausgerechnet mit deutscher Hilfe gewinnen würde. Aber, my god, Hauptsache, wieder einmal ein Titel für die Three Lions. Dass Engländer gut und vor allem lange feiern können, weiß man in Prag schon lange. Auch ohne ein Fußballspiel.