Die Tschechoslowakei war schon im „Kalten Krieg“ ein Gastland. Musik aus Osteuropa wurde beim „Kissinger Sommer“ stets besonders betont, weil der Veranstaltungsort Bad Kissingen Jahrzehnte lang selbst im „Grenzland“ (zur DDR) lag. Dieses Festival wird seit genau 40 Jahren durchgeführt. Es besitzt nach eigenem Verständnis europäische Klasse. Stimmt das wirklich? Ein Rückblick mit Musikkritiker Thomas Ahnert, der das Event vom ersten Tag an begleitet.

Im Zentrum des „Kissinger Sommer“, der nun mehrere Wochen lang bis 18. Juli veranstaltet wird, stehen symphonische Konzerte mit großen Orchestern. Ein Musikkenner sagte mir schon vor Jahren, dass dieses Festival so viel musikalische Qualität besitze wie die weltberühmten Bayreuther Festspiele. War der Vergleich zu hoch gegriffen?

Nein. Auch wenn sich beide Festivals darin unterscheiden, dass das Programm des „Kissinger Sommer“ wesentlich breiter gestreut ist als bei den Bayreuther Festspielen mit einem speziellen Programm zu Wagner. In Bayreuth gibt es mehrere Dirigenten, aber nur ein Orchester, in Bad Kissingen dagegen zahlreiche verschiedene Orchester. Und auch in Bayreuth gibt es Aufführungen, die nicht gelungen und nicht so perfekt sind – obwohl man dies angesichts der Ticketpreise kaum für möglich halten mag…

Foto: Radovan Subin

Wie ist es umgekehrt? Mit dem Berliner Konzerthausorchester tritt in diesem Jahr Josef Špaček auf, ein tschechischer Ausnahmegeiger, der auf einer besonders schön klingenden Violine von Guarneri del Gesù vermutlich aus dem Jahr 1732 spielt. Ist das Publikum beim „Kissinger Sommer“ so fachkundig, dass es den Unterschied zu anderen Violinen erkennen kann?

Das ist für jedes Publikum sehr schwierig. Wenn fünf Prozent der Zuhörer die Qualität eines Instruments erkennen und beurteilen können – und zwar überall, nicht nur in Bad Kissingen – dann ist das schon außergewöhnlich. In diesem Zusammenhang fällt mir eine Anekdote aus einem „Kissinger Sommer“ ein.

Bitte schön.

Ich erinnere mich an einen Sonatenabend mit der Geigerin Baiba Skride aus Lettland. Als wir nach dem Konzert in ein Lokal gingen, fragte ich, ob sie mit ihrer Stradivari derzeit zufrieden sei. Daraufhin blieb sie wie festgelötet stehen, riss die Augen auf und antwortete, das habe noch nie jemand von ihr wissen wollen. Mir war im Konzert ein spröder und hölzener Klang aufgefallen, der alles andere als typisch für eine Stradivari ist. Tatsächlich gestand sie ein, dass sie ihre Geige unbedingt zum „Kundendienst“ bei einem Fachmann bringen müsse, doch dafür fand sich gerade kein Termin.  

Dann allgemein gefragt: Wird das Publikum in Bad Kissingen in Mehrzahl dem hohen Anspruch des Festivals gerecht oder sind hier meist Zuhörer, die die Sommerfrische sowieso in Bad Kissingen verbringen?

Es gibt viele Besucher, die speziell nur zum Festival nach Bad Kissingen kommen. Es gibt sogar Leute, die sich hier Immobilien gekauft haben, weil sie regelmäßig beim „Kissingen Sommer“ dabei sein wollen. Mein Eindruck ist, dass das Kissinger Publikum fachkundiger ist als in Bayreuth. Auch weil es mehr präsentiert bekommt und nicht nur ein Dutzend Opern. Nach Bayreuth fährt man zum Teil auch deshalb, weil es eben „Bayreuth“ ist. Dagegen hat Bad Kissingen nie Gäste wegen eines Rufes angelockt. Zum Glück!

… auch jetzt nicht, als Weltkulturerbe?

Diesen Titel besitzt die Stadt ja erst seit ein paar Jahren. Bad Kissingen erarbeitete sich einen internationalen Ruf als Musikstadt, der nun tragfähig ist und Leute anlockt, die nur wegen der Musik und der dargebotenen Qualität kommen.

Als Erfolgsrezept geben die Veranstalter ihre Mischung aus Weltstars und besonderen Nachwuchstalenten an, ebenso das Nebeneinander von Musiktradition und vielfältiger Gegenwart, und all dies in einer „sommerlich leichten Kissinger Atmosphäre.“ Sind 40 Jahre „Kissinger Sommer“ in Summe eine Erfolgsgeschichte oder schwankte das Programm dafür zu sehr von Jahr zu Jahr?

Sowohl als auch. Dafür muss man die drei Intendanzen unterscheiden. Ich will die Verdienste von Kari Kahl-Wolfsjäger nicht kleinreden, doch 30 Jahre in dieser Position waren einfach zu viel. Sie hat zu viel Wert auf Musik des 19. Jahrhunderts gelegt – Brahms, Beethoven, Schubert – und zu wenig Liebe für moderne Musik gezeigt. So wurde, zum Beispiel, in einem „Sommer“ dreimal Dvořáks Cellokonzert geboten. Das läuft sich irgendwann tot.

Anschließend gab es zwei Nachfolger in nur zehn Jahren. Der aktuelle, Alexander Steinbeis, begann seine Amtszeit ebenfalls mit dem internationalen Festivalmotto „Wien. Budapest. Prag. Bad Kissingen.“

Tilman Schlömp hat ein paar Dinge modernisiert, hatte aber Pech wegen Corona. Weshalb das Festival einmal komplett ausfiel und ein anderes Mal nur verkleinert durchgeführt wurde. Daher konnte er sich nicht sehr profilieren. Alexander Steinbeis ist nun ein echter Glücksgriff. Er kam aus Berlin und hat internationale Management-Erfahrung, was spürbar ist. Er hat das Programm entrümpelt und letztes Jahr einen „Kissinger Sommer“ ganz ohne Beethoven veranstaltet – kann man ja durchaus machen…

Die Veranstalter betonen gerne ihre „Antenne für Signale der Zeit“, weil sie gemäß frühzeitig auch Musik aus osteuropäischen Ländern berücksichtigten. Als die Tschechoslowakei beim „Kissinger Sommer“ 1988 der Gast war, gaben die Prager Symphoniker und die Slowakische Philharmonie Bratislava ebenso Konzerte wie die Prager Kammeroper und verschiedene Solisten, zudem wurde von dort zeitgenössische Kunst in mehreren Ausstellungen präsentiert. Können sie sich diesen Ruhm tatsächlich an ihre Fahnen heften?

Zum Teil ja, weil man über den „Eisernen Vorhang“ hinweg Brücken bauen wollte, was auch gelang. So hat der Trompeter Ludwig Güttler noch zu Zeiten der DDR zwei Kleingruppen von Dresdner Philharmonie und Staatskapelle so punktgenau nach Bad Kissingen geschleust, dass sie gemeinsam mit dem HR-Sinfonieorchester Bachs h-Moll-Messe aufführten. Ein absoluter Sonderfall, denn hernach wusste auch die Stasi für die Zukunft Bescheid. Ein Stück weit ist es aber auch eine nachträgliche Verklärung des Festivals. Zwar gab es anfangs Gastländer aus dem Ostblock – aber nur deshalb, weil England als Gast zu teuer war und die USA sowieso. 

DDR-Startenor Peter Schreier soll – so war zumindest zu hören – Ende der 1980er Jahre über einen Artikel zum Festival so erbost gewesen sein, dass er nicht nach Bad Kissingen anreisen wollte. Stammte dieser Artikel aus Ihrer Schreibmaschine?

Das höre ich zum ersten Mal. Ich habe, wenn angebracht, kritisch rezensiert und Peter Schreier auch beim „Kissingen Sommer“ gehört. Einen Artikel über Schreier mit solchen Folgen habe ich jedoch nicht geschrieben. Es gab aber einen „Kollegen“, der zuweilen über Konzerte schrieb, bei denen er überhaupt nicht war, ganz unsäglich. Wenn er das geschrieben hat, dann könnte ich Peter Schreier sogar verstehen…

Foto: Petra Hajská

Zu den großen europäischen Orchestern zählt die Tschechische Philharmonie, die auch dieses Jahr wieder in Bad Kissingen gastiert. Im Jahr 2023 kritisierten Sie, dass diese Philharmonie „ihre“ Musik zwar technisch perfekt spiele, jedoch etwas Abwechslung dem Abend gutgetan hätte. Letztes Jahr merkten Sie dann an, dass das tschechische Orchester „mit frischem Klang, jungem Ensemble und spannender Programmauswahl“ begeisterte. War die Tschechische Philharmonie für Sie beim „Kissinger Sommer“ jedes Mal eine Art „Wundertüte“?

Diese Philharmonie war von Anfang dabei. Es gab bei ihnen aber auch Durchhänger, etwa in der Zeit des Dirigenten Gerd Albrecht, mit dem die Tschechen ihre Probleme hatten und umgekehrt. Dann mochte die Intendantin – nicht nur wegen ihrer vielen Hüte auch „Königinmutter“ genannt – deren ChefdirigentenEliahu Inbal nicht und lud deshalb das ganze Orchester nicht mehr ein. Doch jetzt sind sie wieder regelmäßig dabei.

Im Jahr 2023 schrieben Sie auch, dass die Tschechische Philharmonie kein reines Männerorchester mehr sei, wie zu Beginn im „Kissinger Sommer“, und dass bei ihnen auch ansonsten einiges anders war. Was war anders?

Bei den Pragern fiel mir – mehr noch als bei anderen Orchestern aus dem Osten – oft auf, dass die Musiker immer auf ihren Stühlen saßen wie festgenagelt. Und so spielten sie auch. Sie waren tatsächlich das einzige Orchester in Bad Kissingen, in dem nur Männer spielten. Vielleicht deshalb, weil sie für Frauen eigene Sanitäranlagen hätten bauen müssen und die Tschechoslowakei nicht über entsprechende Armaturen verfügte… Jedenfalls war es Rückstand hoch drei.  

Welche Veränderungen haben Sie bei diesem Orchester über die Jahre noch erlebt?

Es gab bei diesem Orchester einen Generationenwechsel, und der machte sich bemerkbar. Ein Dirigent wie Jiří Bělohlávek hat das Orchester stark nach vorne gebracht, mit seinem Augenmerk auf Präzision und Engagement. Sie haben sich beim Spiel plötzlich bewegt, und dies machte ihren Auftritt natürlich besser. Sie spielten nicht mehr nur gerade Klänge, jetzt lebt ihr Spiel einfach.

Foto: Petra Hajská

Ein Ensemble der Tschechischen Philharmonie gibt Anfang Juli auch zwei Prélude-Konzerte – laut Veranstalter ein Publikumsliebling. Machen die abendlichen Serenaden gerade den Charme eines Festivals aus – nicht nur, weil der Eintritt frei ist, sondern weil es auch im Freien stattfindet?

Ich spiele dort selbst mit, im Kissinger Kammerorchester. Es ist noch nicht ganz klar, was wir spielen, aber wir haben genug in der Notentasche und ein Repertoire, das wir jederzeit abrufen können.

…ein weiteres Beispiel für den Charme dieser Veranstaltung: Improvisation statt Perfektion.

Toll, wie diese Veranstaltungen ankommen. Es macht allen Spaß, nicht zuletzt auch den Musikern. Der Kontakt ist unmittelbar, man ist mitten im Leben und nicht in einem schallgeschützten Raum. Eine sehr beliebte Reihe und etwas völlig anderes. Es war eine sehr gute Idee von Intendant Steinbeis, dies vor drei Jahren einzuführen. 

Auch die Bamberger sind immer wieder zu Gast in Bad Kissingen, bekanntlich von Exil-Musikern aus Prag gegründet und heute unter Leitung des tschechischen Chefdirigenten Jakub Hrůša. Hat sich unter seiner Leitung dieses Orchester in den letzten Jahren nach Ihrem Geschmack entwickelt?

Sie traten ja schon vor Beginn des Musikfestivals immer mal wieder in Bad Kissingen auf. Und zwar deshalb, so zumindest mein Eindruck, weil sie hier endlich mal in einem richtigen Konzertsaal spielen konnten, den sie damals in Bamberg noch nicht hatten. Entscheidend für ihre Entwicklung war sicher Jonathan Nott – ein „Orchester-Erzieher.“

Foto: Marian Lenhard

Und dessen Arbeit setzt Jakub Hrůša erfolgreich fort?

Unter Hrůša haben sie sich insofern verändert, dass sie „solistischer“ geworden sind. Das heißt, wer spielt, der will, dass er auch gehört wird. Deshalb spielen die Bamberger aber nicht lauter, sondern einfach prägnanter. Das hat Hrůša aus ihnen herausgekitzelt. Das Zusammenspiel hat darunter überhaupt nicht gelitten. Ich freue mich auch deshalb auf dieses Orchester, weil es gerne komplizierte Rhythmen spielt.

Auch dieses Jahr werden wieder Werke von tschechischen Komponisten gespielt, zum Beispiel von Antonín Dvořák der Slawische Tanz op. 46 Nr. 1 beim Symphonic Mob. Das ist ein Spontanorchester unter Führung des Münchner Rundfunkchorchesters, im Kalender des Festivals fest installiert. Bei Ihrer Antwort zu den Intendanzen klang jedoch schon heraus, dass Dvořák auch zu viel Dvořák beim „Kissinger Sommer“ werden kann.

(lacht) Nein, nein. Das Programm ist exterritorial. Sie dürfen spielen, was sie wollen. Aber seit 2017, seit Beginn der Amtszeit von Tilman Schlömp, gibt es beim „Kissinger Sommer“keine Komponisten mehr mit Dauerkarte.

Trotzdem hat man das Gefühl, dass kaum noch ein Festival von Qualität auf Dvořák verzichten will. Täuscht der Eindruckt?

Ich denke: Ja. Dvořák ist einfach sehr eingängig. Vielleicht merkt man sich ihn daher zuerst und mehr als andere Komponisten.

Zum Ausklang erlebt der „Kissinger Sommer“ am 18. Juli knallharte Elektro-Klänge und Beats mit DJs der internationalen Technoszene. Festivalrave als Abschiedsvorstellung für ein Klassikfestival: Für Sie Kulturschande oder wertvolle Ergänzung, weil dadurch bei jungen Menschen Interesse für solch ein Festival geweckt wird?

Ich gehe zwar nicht hin, weil mir mein Gehör zu schade ist. Aber es ist sicher keine Kulturschande, überhaupt nicht. Es ist vielmehr ein sehr deutlicher Hinweis darauf, dass sich im Programm etwas geändert hat. Jetzt kann man schon sagen: Das gehört zum „Kissinger Sommer“ dazu.

Welcher Auftritt war Ihr persönliches Highlight in den letzten 40 Jahren, welches Gastspiel würden Sie gerne noch einmal erleben?

Schwierige Frage. Sehr beeindruckt hat mich die Oper aus Halle, die mit „Rinaldo“ von Händel in Bad Kissingen gastierte, historisch musiziert und gesungen. Eine große Überraschung, weil es das bei uns im Westen so nicht gab. Ein anderes Beispiel ist das russische Staatsorchester, damals noch Sowjetunion. Es spielte eine Symphonie von Tschaikowsky mit einer solchen Intensität, dass man glaubte, der Konzertsaal aus Holz sei zu einem Schiff geworden und fange an zu schwanken – nicht weil es so laut war, sondern weil es dermaßen intensiv war. Das hatte ich vorher noch nicht erlebt und hinterher auch nie mehr.

In diesem Jahr führt Intendant Alexander Steinbeis jeden Samstag Gespräche mit Künstlerinnen und Künstlern. Die Idee zu Gesprächen hatten Sie schon viel früher, bereits vor zwölf Jahren luden Sie während des Festivals zu einem Stammtisch ein. Damals würdigten Gäste, dass Sie in Worte fassen können, was andere fühlen.

…wo haben Sie denn das gelesen?

In einer von vielen Quellen zur Vorbereitung dieses Gesprächs. Führen Sie solch einen Stammtisch in diesem „Sommer“ wieder durch?

Es war ein Versuch, sich nach einem Konzert in einer Weinstube mit Besuchern des Festivals zu treffen und über das Gehörte zu reden. Wir machten anschließend auch Frühstücke mit Künstlern – also mit jenen, die vormittags um elf Uhr schon ansprechbar waren… Beide Veranstaltungen wurden aber nicht weitergeführt.

Foto: Uli Weber

Auf welches Gastspiel sind Sie im Jubiläumsjahr 2026 besonders gespannt? Starsängerin Cecilia Bartoli böte sich an, sie führt diesmal eine Art von „Festival im Festival“ durch und gibt am Ende gleich mehrere Konzerte.

Wir saßen vor ein paar Jahren an einem Festivalabend in einem Gasthaus in einer Vorortgemeinde, ziemlich weit auseinander an verschiedenen Tischen. Plötzlich kam sie herüber und es begann ein längeres Gespräch – obwohl ich nie schrieb, wie toll sie ist. Dabei ging es auch um Musik und Singen, zum Beispiel um den Aufbau von akustischen Phänomenen. Mehr noch ging es ihr aber um Wohnmobile. Das war für sie in dem Moment interessanter als zu hören wie einmalig sie ist. Das wusste sie selber.