Vor genau 35 Jahren, im Oktober 1991, veröffentlichte die „Prager Zeitung“ (PZ) eine Nullnummer. Damit startete Uwe Müller, Gründer der PZ, einen Probelauf, um abschätzen zu können, welche Resonanz ein deutschsprachiges Blatt nach der Revolution im Land findet. Die Ausgabe umfasste 16 Seiten – und das Experiment glückte.

„Der erste Schritt ist getan“, rief Müller seinen Lesern zur Begrüßung auf der Titelseite zu. „Heute halten Sie das erste Exemplar der neuen deutschsprachigen Zeitung, der Prager Zeitung, in Händen, einer Zeitung, die sich um unverfälschte und möglichst vollständige Informationen über alle Ereignisse von öffentlichem Interesse bemühen wird.“ Müller kündigte an, die PZ ab Dezember regelmäßig als Wochenblatt an die Kioske zu bringen.

Als vorrangiges Ziel nannte er, sachlich und offen über das Geschehen in Politik, Wirtschaft und Kultur der Tschechoslowakei in deutscher Sprache berichten zu wollen. Ebenso über das Leben der deutschen Volksgruppe in der ČSFR. Ihr wolle die PZ „behilflich sein, indem sie deren Eigenarten, Traditionen und kulturhistorisches Erbe wahren hilft.“ Zugleich sei geplant, „offen über deren Probleme“ zu schreiben.

Eine Stimme des neuen Europas

Außerdem strebte Uwe Müller an, grenzübergreifende Themen aufzugreifen. Konkret: Die vielfältigen Kontakte zwischen der ČSFR und den deutschsprachigen Ländern. Mit Blick auf die schwierige deutsch-tschechische Geschichte versprach er, dass sich die PZ „auch den Lasten der Vergangenheit zuwendet, doch wird man damit behutsam umgehen müssen.“ Er fügte an, dass die positiven Kapitel in den Beziehungen zwischen den mitteleuropäischen Völker jedoch überwiegen. „Und diesen fühlt sich unsere Zeitung besonders verpflichtet“, so der studierte Historiker.

„Unsere Grundvorstellung ist es, zu einer Stimme des neuen Europas zu werden, des Europas der Regionen, des friedlichen Nebeneinanders der Völker und Volksgruppen“, postulierte Müller für die Zukunft. „Gerade Böhmen als Herzland Europas soll mit der Zeitung eine Stimme erhalten, die über die Grenzen des Landes hinaus anerkannt sein soll.“

Symbolträchtig erschien ihm, dass die Zeitung nur eine Woche nach dem ČSFR-Besuch des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker auf den Markt kam. Müller nahm für die PZ in Anspruch, „einer der – wenngleich kleinen – Bausteine des künftigen Europas“ zu sein, von denen Richard von Weizsäcker und Václav Havel bei ihrem Treffen sprachen. Die Gründung der PZ wurde von der deutschen, österreichischen und tschechoslowakischen Regierung unterstützt – weil die Zeitung als eine ganz wesentliche Aufgabe ansah, zu einem besseren gegenseitigen Verständnis beizutragen und Vertrauen zu fördern.

Müllers Erklärungen standen unter einem Foto, das Václav Havel, den Präsidenten der ČSFR, gemeinsam mit Richard von Weizsäcker zeigte. Dessen Besuch in Prag vom 7. bis 11. Oktober, Aufmacher der Nullnummer, stand unter dem Motto: Gemeinsame Verantwortung für die Mitte des Kontinents. „Diese Grundidee klang während des Besuchs immer wieder an“, berichtete die PZ. Ein wichtiges Zeichen wurde unverzüglich gesetzt: Die Paraphierung eines deutsch-tschechoslowakischen Abkommens durch die Außenminister beider Staaten am 7. Oktober.

Unter dem Dach einer Stiftung

Neben Müllers Text gab Petr Prouza auf Seite 1 weitere Hinweise zum neuen Medium PZ. Er war Geschäftsführer der Bernard-Bolzano-Stiftung, die als Herausgeber für die „Prager Zeitung“ fungierte. Prouza betonte, man suche „nach neuen Anleitungen, Rezepten und Möglichkeiten einer Lösung.“ Schließlich habe Mitteleuropa mit seiner Vielfalt von Kulturen Völkerschaften und Rassen die „Berührung mit großen historischen Ereignissen besonders intensiv“ zu spüren bekommen.

Auf Seite 2 (Politik) schrieb Jaroslav Šabata, der nach der demokratischen Wende von 1990 bis 1992 Minister ohne Geschäftsbereich in der tschechischen Teilregierung unter dem christdemokratischen Ministerpräsidenten Petr Pithart war, über „Alte Grenzen im neuen Europa“. Ondřej Neff machte sich in einem Kommentar darüber Gedanken, wie lange noch „Prag der Nabel der Welt“ sei. Nach seiner Einschätzung lief die politische Wende im November 1989 nur deshalb so glatt ab, weil „das Zentrum nicht mehr in der Lage war, Entscheidungen zu treffen.“  

Bekannte Autoren

In einem Interview auf Seite 3 befragten Uwe Müller und Petr Prouza den Rektor der Karls-Universität, Radim Palouš, über seine Vorstellungen zu einem künftigen Europa. Er zeigte sich sehr skeptisch und glaubte nicht, dass das kommende Jahrhundert „zu einem Paradies wird“. Palouš war zeitweilig Sprecher der tschechoslowakischen Bürgerrechtsbewegung „Charta 77“ und befürchtete weitere Krisen und Konflikte.

Karel Kühnl, der 1980 emigrierte und danach in Wien und München lebte, informierte auf Seite 4 (Wirtschaft) über „Investieren in der ČSFR.“ Dafür habe das Land drei große Aufgaben zu erfüllen: Einen neuen Staat gestalten, die gesamte Rechtsordnung auf eine neue Grundlage stellen und das Wirtschaftssystem von der Plan- auf die Marktwirtschaft transformieren. Kühnl war nach seiner Rückkehr nach Prag zunächst Berater des tschechischen Premiers Petr Pithart, bevor er in den 1990er Jahren selbst als Minister und Botschafter sowie Parteivorsitzender politisch Karriere machte.

Fragen zum Jahr 2000…

Erstaunlich großes Selbstvertrauen demonstrierten die Macher der PZ dadurch, dass sie Prominente in dieser allerersten Ausgabe danach befragten, was sie „heute und im Jahr 2000“ in der „Prager Zeitung“ lesen wollen. Helmut Zilk, der Bürgermeister von Wien, wünschte sich Berichte darüber, wie tief verwurzelt die kulturellen Beziehungen zwischen Prag und seiner Stadt seien. Und später „einen Bericht über die Vorbereitungen zum 10-Jahres-Jubiläum der Neugründung Ihrer traditionsreichen Zeitung.“

Der Prager Bischof František Lobkowicz hoffte auf einen Bericht über einen Vertrag, der zwischen seinem Land und Deutschland „endlich unterzeichnet und von allen akzeptiert“ werde. Und darauf, dass im Jahr 2000 auf der Autobahn Pilsen-Nürnberg nur noch „der geplatzte Reifen eines LKW einen Stau“ verursache. Dirigent Rafael Kubelik wollte gerne lesen, „wie hervorragend und schön einst die Zusammenarbeit des tschechischen und deutschen Theaters von Angelo Neumann bis Demetz war.“ Und für das Jahr 2000, dass die PZ „eine bedeutende und erfolgreiche Zeitung ist und auch von vielen Tschechen gelesen wird.“

Alles in einer Hand

Auf der letzten Seite 16 wurde „Zeitgeist und Geschichte“ anhand einer Rede von Peter Becher beleuchtet, der über eine „böhmische Erfahrung“ referierte. Die Erfahrung nämlich, dass es kaum Menschen gebe, die „wirklich zuhören und lesen“ können. „Die meisten interpretieren schon, bevor sie überhaupt wahrgenommen haben“, kritisierte der Autor.

Ein kleines Impressum auf Seite 2 wies für die Redaktion lediglich einen Namen aus. Chefredakteur: Uwe Müller. Er arbeitete nicht nur das Konzept für die PZ aus, sondern besorgte selbst auch die Inserate für die Nullnummer. Sie wurde in Umschläge gesteckt und „an alle möglichen Adressen in Deutschland und Österreich verschickt“, wie Petr Hlaváč später erzählte, der von Beginn an und 25 Jahre lang die Anzeigen-Abteilung der „Prager Zeitung“ leitete.

Unverhofft gewann die „Prager Zeitung“ bereits mit ihrer Nullnummer große Aufmerksamkeit. Nur wenige Tage später, am 4. November 1991, nahm die Süddeutsche Zeitung das neue Medium in Prag unter die Lupe. Die erste Ausgabe habe verdeutlicht, dass die PZ „keinem Thema aus dem Weg“ gehe, schrieb Autor Werner Paul im SZ-Feuilleton. Ihre politische Berichterstattung sollte zunächst vor allem Fragen des Nationalismus in der Tschechoslowakei in den Fokus zu rücken, empfahl er. Für Paul gab es „nichts Erfreulicheres und Wichtigeres“ als die Tatsache, dass für die PZ sowohl Tschechen als auch Deutsche schrieben. Wie Ondřej Neff, einer „der besten tschechischen Zeitungspublizisten der neuen Tschechoslowakei.“

Außerdem begrüßte er, dass die PZ „von einer auch soeben gegründeten Stiftung herausgegeben“ werde, obwohl sie nach seinen Informationen „ebenso bettelarm wie einst Bolzano“ sei. Und er hoffte darauf, dass diese Stiftung Mäzene findet, die „klug genug sind, nicht zu versuchen, den programmatischen Untertitel – unabhängige deutsche Wochenzeitung – einzuengen.“ Der Autor hatte herausgefunden, dass die „Prager Zeitung“ nur bis März 1992 finanziell abgesichert sei. Ihm erschien daher mutig, dass die Redaktion trotzdem Prominente befragte, was sie im Jahr 2000 in der PZ lesen wollen.

Begeistert war der SZ-Autor über den Beitrag von Peter Becher, in dem er seine Erfahrungen mit dem deutsch-tschechischen Dialog in jüngster Zeit beschrieb. „Um den Essay Bechers kann jedes Feuilleton der in Deutschland erscheinenden Blätter die ‚Prager Zeitung‘ beneiden“, urteilte der Münchner Feuilletonist. Prinzipiell sollten nach seiner Ansicht Kulturberichte „das Rückgrat der Zeitung bilden.“ Zudem möglichst viele Reportagen und kleine Feuilletons, wie es tschechischer Tradition entspreche.

In Summe zeigte sich Werner Paul erfreut darüber, dass mit der „Prager Zeitung“ 46 Jahre nach Kriegsende wieder ein unabhängiges Wochenblatt in deutscher Sprache in der Tschechoslowakei existierte. Auch wenn sie nicht an das „Prager Tagblatt“ oder die „Prager Presse“ vor dem Krieg anknüpfen könne – und zwar schon deshalb nicht, weil es „eine deutsche Leserschaft in Prag nicht mehr gibt.“

Sofort eine lebhafte Diskussion

Mit ihrem Start entfachte die „Prager Zeitung“ gleich eine lebhafte Diskussion. Autor Paul missfiel ein Artikel auf Seite 5, in dem sich Jan Jiroušek im Oktober 1991 Gedanken über „Feindbilder oder feindbildernahe Vorstellungen“ machte, die das Verhältnis zwischen Tschechen und Deutschen belasten würden. Diese Ausführungen, meinte Paul, würden „an den Tatsachen vorbeigehen.“

Daraufhin meldete sich Jiroušek in der PZ-Ausgabe am 12. Dezember 1991 auf Seite 13 erneut zu Wort. Ihn störte unter anderem, dass seine Behauptung, das alte tschechische Regime habe feindbilderähnliche Vorstellungen über die Deutschen systematisch gepflegt, von Paul durch ein „angeblich“ relativiert wurde.

Gesamtfazit von Werner Paul Anfang November 1991 indes: „Zum Start bereit“ sei die „Prager Zeitung“!

Diese allererste Ausgabe war noch kostenlos, trotzdem boten die Texte bereits eine umfassende Übersicht, was die PZ künftig publizieren wollte. Gestalter, Autoren und Gesprächspartner – und damit die „Prager Zeitung“ insgesamt – entsprachen dem Zeitgeist jener Jahre in der damaligen ČSFR: Sie vermittelten Aufbruchsstimmung.

Über die Geschichte der „Prager Zeitung“ ab 1991 informiert ein Buch. Darin wird ebenso an ihre Vorgeschichte erinnert. Denn die PZ kann sich auf einen Vorläufer aus dem Jahr 1672 berufen:

Klaus Hanisch: Prager Zeitung – 350 Jahre Medien- und Kulturgeschichte. 304 Seiten. Verlag Königshausen und Neumann. 2023.