Die Tschechische Republik ist ab 7. Oktober Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse. Zu dieser bedeutendsten Veranstaltung der Branche wurden zahlreiche Bücher von tschechischen Autorinnen und Autoren ins Deutsche übersetzt. So auch der Roman „Das Haus in der Matoušova“ von Tereza Boučková, bei dem die Schriftstellerin in einigen Passagen selbst an Grenzen gestoßen ist.

Die Matoušova ist eine unauffällige Straße in Prag. Nicht nur, weil sie außerhalb des (so oft beschriebenen) Zentrums liegt. Auch im Prager Stadtteil Smíchov wirkt dieser Verkehrsweg eher unscheinbar. Möglicherweise, weil er zwei vielbefahrene und deshalb bekanntere Straßen verbindet. Nämlich die Štefánikova, eine Hauptader im fünften Prager Bezirk, und die Zborovská kurz vor der Moldaubrücke Richtung Innenstadt.

Vielleicht aber auch, weil die Matoušova von einem anliegenden Bauwerk regelrecht erdrückt wird. Die Portheimka ist ein Schlösschen, das der Architekt Kilian Ignaz Dientzenhofer vor 300 Jahren für seine Familie bauen ließ. Einst seine Sommerresidenz, heute vom Stadtbezirk Prag 5 verwaltet, mit Galerie und Ausstellungsräumen. Ein kleiner Park schließt sich an. Er verläuft parallel zur Matoušova.

Dort lagen einst Gärten für ein Haus, das den Angelpunkt im Roman von Tereza Boučková bildet. So unbedeutend die Straße, so schicksalsschwer die Leben von jüdischen Menschen und Familien, die dort wohnten. Ausgehend von diesem Gebäude erweitern sich Nachforschungen der Autorin über Lebensgeschichten in dem Haus zu einer generellen Spurensuche über jüdisches Leben in Prag. Sie kreuzen sich mit wesentlichen Ereignisse in der Geschichte des Landes in den letzten 100 Jahren: Deutsche Besatzung, der Kinderzug von Nicolas Winton, kommunistische Herrschaft, Prager Frühling 1968, Einmarsch der Russen, Revolution 1989, Restitution.

Die Lektüre ist auf nicht wenigen Seiten beschwerlich. Besonders dort, wo die Autorin die „Arbeit“ des KZ-Arztes Mengele detailliert nacherzählt. Mit ihrem Stil macht sie die Leser zu Mitleidensgenossen. Immer dort, wo sie eigene Betroffenheit betont, verschärft Boučková auch deren Mitgefühl. Zum Beispiel, wenn sie erklärt, eigentlich emotionslos über Lebensgeschichten berichten zu wollen, sich nun aber in solch ein Grauen hineingeschrieben zu haben, dass ihr davon selbst ständig übel werde.

Tereza Boučková, Foto: privat

Bücher über jüdische Schicksale gibt es reichlich. Das Buch von Boučková, die sich selbst als aktiv in einer jüdischen Gemeinde Prags darstellt, unterscheidet sich dadurch, dass die Autorin eine Zeitzeugin ist. Die Tochter des Schriftstellers Pavel Kohout lebte als Kind und Jugendliche in dem Haus, kannte also Personen, über die sie schreibt. Dadurch wirkt ihre Bedrücktheit über deren Schicksale und Leben authentischer als anderswo beschrieben.

Ein weiterer Schachzug: Immer wieder unterbricht Boučková ihre Ausführungen und stellt einen Bezug zu aktuellen Ereignissen her. So gibt sie ihre eigene Angst wegen des Krieges von Russland in der Ukraine preis und fragt sich, ob es Sinn macht, in ihrem Buch Vergangenes zu reflektieren, wo sich im gleichen Augenblick doch Gleiches wiederhole.

Außergewöhnlich auch, wenn in dem Buch plötzlich Prominente wie Miloš Forman und Václav Havel auftauchen, weil sie in Bezug zu Haus oder Bewohnern standen. Im zweiten Teil des Buches werden aus immer mehr klangvollen Namen persönliche Schicksale. Wie das des Regisseurs Jan Sviták, des Komikers Vlasta Burian, der Schauspielerin Zita Kabátová.  

Der Roman ist in eingängiger Sprache verfasst. Nicht zuletzt ein Verdienst von Übersetzerin Maria Sileny, die lange auch für die „Prager Zeitung“ schrieb. Er umfasst lesefreundliche knapp 200 Seiten. Eine bessere Schriftgröße wäre wünschenswert gewesen. Dankenswerterweise gibt‘s ein Personenverzeichnis in den Umschlagseiten. Denn bei ihrer hehren Absicht, das Leben der Menschen in dem Haus zu entwirren und die Vergangenheit zu erforschen, zählt die Autoren am Ende viele Namen auf.

Da Boučková selbst in dem Haus wohnte, kann sie aus eigenem Erleben erzählen, persönliche Erfahrungen und Erinnerungen einfließen lassen. Damit wird die Geschichte eines Hauses und seiner Bewohner auch zu einer kleinen Geschichte Prags – und teils zur Geschichte ihrer Familie und ihrer eigenen Lebensgeschichte. Durch Rückblicke auf ihr Leben, ihre Begegnungen, ihre persönliche Sicht auf Menschen und Zeiten.

Eine besondere Fähigkeit der Autorin ist, bei Lesern den Eindruck zu erwecken, als ob aus jedem Fenster des Hauses eine(r) der benannten Bewohnerinnen oder Bewohner auf die Matoušova hinausblicken und vom eigenen bewegten Leben erzählen würde. Ist trotzdem alles Fakt oder doch auch Fiktion, was sie erzählt, in diesem Roman?

Dazu schreibt sie, dass es ihr darum ging, die Wahrheit zu erkunden. Weshalb sie – entgegen ihrer ursprünglichen Intention – Klarnamen verwendete statt Kürzel oder Spitznamen. Denn nur mit den echten Namen werde sie den Schicksalen dieser Menschen gerecht. Das Werk erscheint damit an nicht wenigen Stellen wie ein Sach- und Lehrbuch, wie eine Art von Geschichtsstunde für Schulen.

15 Jahre lang habe ich unweit der Matoušova in Prag gewohnt. Laut Google Maps genau 950 Meter zu Fuß von ihr entfernt, in einer Nebenstraße der Plzeňská, die Tschechiens Hauptstadt mit dem Westen verbindet. Gerne habe ich in jener Zeit das Café in der Portheimka besucht. Die Matoušova blieb mir nur schemenhaft in Erinnerung.

Die neoklassizistische Bürgervilla dort, die als Ort für den Roman dient, wurde im Jahr 1885 erbaut, das Haus mit meiner Wohnung zehn Jahre später, also 1895. Dies verrät eine Inschrift hoch über der alten hölzernen Eingangstür. Nicht ohne Stolz, wie ich mir dachte. Weshalb ich mich oft fragte, was seitdem in dem Gebäude mit seiner mittlerweile grauen Fassade passiert sein mag.

Diese an einigen Stellen schon brüchige Fassade verlieh ihm einen morbiden Charme und weckte meine Neugier. Hinter den zuweilen bereits etwas matten Fensterscheiben wurde gelebt, geliebt, gestorben, gab es in weit mehr als einem Jahrhundert sicher unzählige Tränen der Freude wie des Leids. Von nicht wenigen Bewohnern. 

Ich hätte gerne mehr darüber erfahren, aber dazu ergab sich nie die Gelegenheit. Das Buch von Tereza Boučková gibt eine Vorstellung davon, was sich an Leben und Schicksalen auch in „meinem“ Haus ereignet haben könnte.

Tereza Boučková: Das Haus in der Matoušova-Straße, Roman, 216 Seiten, Morio Verlag, 2026. Das Buch erschien 2024 unter Titel „Dům v Matoušově ulici“ auf Tschechisch.

Titelfoto: Tereza Boučková privat