Tschechien ist in diesem Jahr Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse. Viele große und kleine Verlage bieten dort Neuerscheinungen und aktuelle Titel zum Nachbarland an. Wie der Allee Verlag, den es erst seit zwei Jahren gibt. Gegründet von Verlagschefin Veronika Siska, die 1976 in Prag geboren wurde und nach der Emigration ihrer Eltern 1984 in München aufwuchs.

Ein Stand auf der Buchmesse ist teuer, lediglich vier Quadratmeter kosten fast 1.500 Euro. Sind Sie in Frankfurt vertreten?
Ja, ich bin auf der Messe mit zwei Regalen vertreten. Als Teil des Netzwerkes „Schöne Bücher“. Die Buchmesse ist tatsächlich teuer, man muss sich genau überlegen, ob man dort teilnimmt. Deshalb stelle ich gemeinsam mit Kollegen in Halle 3.0 am Stand B58 aus.
Sie haben Ihren Verlag erst im Jahr 2024 in München gegründet. Wie viel Mut und Risikobereitschaft war dafür nötig – und wie viel Bedenkzeit?
Ich habe den Verlag in der Tat erst nach einer ziemlich langen Vorlaufzeit gegründet. Darüber musste ich eine ganze Weile nachdenken. Zum ersten Mal schon, als Tschechien im Jahr 2019 Gastland auf der Leipziger Buchmesse war. Vor dieser Messe habe ich versucht, den tschechischen Autor Michal Ajvaz bei einem Verlag unterzubringen. Was jedoch nicht gelang. Irgendwann hatte ich aber sehr konkrete Vorstellungen von Gestaltung und Illustration der Bücher. Daher entschloss ich mich, es einfach selber zu machen.
Es wird ja öfters behauptet, dass Ajvaz der Grund für Ihre Verlagsgründung war. Stimmt also tatsächlich?
Nein, Michal Ajvaz war nicht der Grund dafür, dass ich den Verlag gegründet habe. Aber er war ein Auslöser. Der tatsächliche Grund war, dass es sehr viele „Ajvaze“ in verschiedenen Sprachen gibt. Das sind oft preisgekrönte Autoren, doch der deutsche Buchmarkt ignoriert sie konsequent.
Hatten Sie schon Erfahrungen mit der Buchbranche, bevor Sie Ihre verlegerische Arbeit begannen?
Ich habe Germanistik studiert und bin schon seit 30 Jahren in der Buchbranche tätig, vor allem als Übersetzerin, Lektorin und Kulturvermittlerin. Ich kannte also den Markt schon vorher. Trotzdem habe ich mir gut sechs Jahre lang alles noch mal genau angesehen und kalkuliert, was machbar ist. Es gab einige schlaflose Nächte, vor allem natürlich wegen des finanziellen Risikos, bevor ich mich schließlich dazu entschlossen habe.
Es geht bei Büchern ja tatsächlich nicht nur um Kultur, worüber so oft und so gerne gesprochen wird, sondern auch ganz heftig um Geld, was freilich ebenso gerne verschwiegen wird. Wie groß schätzen Sie Ihr finanzielles Risiko ein?
Manche Kollegen behaupten tatsächlich, wir seien keine Unternehmer, sondern Kulturschaffende. Aber natürlich muss ich mich auch als Unternehmerin sehen. Und deshalb verlege ich aus finanziellen Gründen zum Beispiel keine Lyrik-Bücher, obwohl ich persönlich Lyrik liebe. Ich werde bald meine erste Steuererklärung machen und habe im ersten Jahr natürlich nur Verluste gemacht, das war klar. Aber 2025 sah es schon deutlich besser aus, weil ich zum Glück viel Förderung bekommen habe. Auch aus Tschechien wegen des Auftritts auf der Buchmesse in Frankfurt. Das wird nun natürlich reduziert. Deshalb muss ich überlegen, wie ich den Verlagsbetrieb in Zukunft auch ohne Fördermittel stemmen kann.
Auch für die „Prager Zeitung“ gab es anfangs staatliche Unterstützung, die jedoch irgendwann eingestellt wurde, weil Medien von staatlichen Behörden nicht als Kulturträger verstanden werden, sondern lediglich als Wirtschaftsunternehmen. Das ist im Buchwesen anders?
Es gibt eine Projektförderung, das heißt, man muss sich für jedes Buchprojekt neu bewerben. Jedes Buch, das nun in meinem Verlag erschienen ist, hatte auch eine Förderung. Für die tschechischen Bücher wurden Übersetzungen und teilweise Produktionskosten vom tschechischen Kulturministerium gefördert, ebenso vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds. Ähnlich für das Buch aus Schweden. Das slowakische hatte auch eine Förderzusage, aber die wurde noch nicht ausbezahlt. Ich hoffe, dass ich jetzt nicht auf diesen Kosten sitzenbleibe, denn dieses Buch war sehr teuer.

Sie haben derzeit noch nicht viele Bücher im Sortiment, jedoch von ausgezeichneten Autoren. Dass tschechische Bücher darunter sind, hängt sicher mit Ihrer Herkunft aus Prag zusammen. Wie viele Bücher sind pro Jahr vorgesehen bzw. können Sie sich leisten?
Ich plane in der Regel vier Bücher im Jahr. Zwei von diesen Büchern sollen immer Werke von Michal Ajvaz sein. Ich habe die Lizenzen für all seine Bücher erworben und will damit eine komplette Werkausgabe auf Deutsch herausgeben. So schnell wie möglich.
Michal Ajvaz ist Mitte 70, weist eine für tschechische Intellektuelle oft typische Lebensgeschichte auf, ist mittlerweile als Schriftsteller hoch dekoriert, aber in Deutschland bisher nicht allzu bekannt. Was macht ihn als Autor besonders?
Es ist für mich wirklich erstaunlich, dass Michal Ajvaz bisher noch nicht auf dem deutschsprachigen Buchmarkt präsent ist. Seine Bücher sind für mich schlicht höchste Literatur, sehr gut geschrieben, mit philosophischen Einsprengseln. Das sind Bücher, über die ich mir tagelang Gedanken machen kann. Wie Kafka hat er eine sehr große Offenheit. Ajvaz holt den Leser sozusagen dort ab, wo er sich gerade befindet. Seine Texte sind voller Bezüge und Anspielungen, sehr wirkungsvoll umgesetzt. Jeder findet sich darin wieder – aber jeder findet etwas anderes.
…wie Sie selbst empfinden.
Ich kenne seine Texte natürlich gut, weil ich sie selbst übersetzt habe. Doch jedes Mal, wenn ich seine Texte lese, entdecke ich wieder etwas anderes und kann wieder an etwas anderes ankoppeln. Das hängt natürlich auch mit mir selbst zusammen, mit meiner persönlichen Lebenssituation. Doch das ist für mich, was gute Literatur ausmacht: Der Text wird mir nicht erklärt, sondern ich bin als Leserin selbst gefordert, ihn zu interpretieren.
Betrachten Sie es als Glücksfall, dass er noch für den deutschsprachigen Markt frei war oder ist dies genau die Aufgabe eines Verlags, unentdeckte Autoren zu entdecken?
Schwer zu sagen, ob ich den Verlag auch ohne die Bücher von Ajvaz gegründet hätte. Nun sehe ich es jedoch als meine persönliche Aufgabe an, ihn im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen. Ob dies prinzipiell die Aufgabe eines Verlages ist, kann ich schwer einschätzen.
Die ersten beiden Bücher des Allee Verlags sind im Herbst 2025 erschienen. Ist der Verlag eine „One Woman Show“?
Ich stehe zwar als Verlegerin im Vordergrund, habe aber ein größeres Team hinter mir. Zum Beispiel eine ausgezeichnete PR-Kollegin, die den Verlag auch in große deutsche Zeitungen wie die FAZ bringt. Kürzlich sogar auf die komplette erste Seite einer Literaturbeilage. Dazu gibt es Übersetzer, da ich ja Bücher aus europäischen Ländern in deutscher Übersetzung auf dem deutschen Markt verlege. Außerdem eine Lektorin, Grafikerin und Illustratorin sowie eine Setzerin.

Was können Sie als kleiner Verlag tun, um sich und ihn bekannt zu machen?
Meine Übersetzer bringen die Bücher auch an Universitäten. Diese Kanäle sind in der Öffentlichkeit weniger sichtbar, aber auf diese Weise kann man Autoren durchaus bekannt machen. Dazu ist mein Verlag natürlich auf social media-Kanälen sehr aktiv. Ich bin mir aber nicht sicher, ob dies effektiver ist als ein Artikel in der FAZ.
Als Autor von mittlerweile fünf Buchtiteln ärgert mich maßlos, dass Groß-und Einzelhandel gemeinsam mehr als 50 Prozent vom Verkaufspreis einsacken. Eine Provision, die in keinem Verhältnis zum Aufwand von Händlern steht – und auch nicht zu den Provisionen, die in vielen anderen Branchen üblich sind. Ärgern Sie sich ebenso darüber?
Tatsächlich habe ich erst heute wieder mit einer Buchhändlerin mehr als eine Stunde lang telefoniert… Ich habe aufgehört mich zu ärgern und versuche, dies hinzunehmen. Ich müsste ja nicht unbedingt über Großhändler verkaufen. Dann fehlen mir aber natürlich auch Anbindungen.
Ich kenne Verlage, die deshalb nur noch im Internet verkaufen, vor allem über Amazon – obwohl dies nicht viel günstiger sein dürfte.
Ich verkaufe überall, aber ich hasse Amazon. Sie sind furchtbar, legen oft Steine in den Weg. Im Handel hat jeder Vorteil immer sofort wieder einen Nachteil. Reich wird man als Verleger im Buchwesen jedenfalls nicht.
…und als Autor ebenso wenig. Nachdem ich mein erstes Buch fertiggestellt hatte, meinten nicht wenige Leute irrtümlicherweise, dass ich damit nun massenhaft Geld verdienen würde. Deren Maßstab war vermutlich Harry Potter. Wie sieht Ihre Bilanz nach zwei Jahren aus: Mehr Spaß als Geschäft?
Ich war zu Beginn auf viel Arbeit vorbereitet, aber es war noch mehr Arbeit als erwartet. Die Arbeit als Verleger ist tatsächlich wahnsinnig aufwendig. Für mich umso mehr, weil ich selbst noch Bücher übersetze. Zuweilen war ich abends um acht Uhr mit der Arbeit für den Verlag fertig und habe anschließend noch übersetzt. Deshalb bin ich oft erst ins Bett gegangen, wenn mein Mann schon wieder aufgestanden ist.
Bilanz also: Vor allem Stress und kaum Spaß?
Nein, nicht nur. Durch die Prüfung von Manuskripten meiner Übersetzer bekomme ich Einblick in verschiedene Literaturen. Auch den Einblick in wirtschaftliche Aspekte finde ich spannend. Und ich bin geradezu überwältigt von den tollen Feedbacks, die ich bekommen habe. Sogar durch handgeschriebene Briefe, in denen sich Absender dafür bedankten, dass ich Michal Ajvaz auf dem deutschen Buchmarkt präsentiere. Ich habe durch meine Arbeit als Verlegerin in den letzten beiden Jahren sehr viel gelernt. Das finde ich persönlich sehr bereichernd.