Tschechien ist diesmal Ehrengast auf der Buchmesse in Frankfurt, doch Alena Wagnerová hätte verdient, dort ebenfalls in Ehren empfangen zu werden: 90 Jahre alt wurde die gebürtige Brünnerin im Mai, seit Jahrzehnten ist sie eine scharfsinnige Chronistin der Zeitläufte – und der Menschen darin. Wesentliche Beiträge von ihr wurden nun in einem Sammelband auf Deutsch zusammengefasst. Wagnerová auf einen Blick, sozusagen.

Im ersten Teil des Buches, „Auf dem Weg zum Prager Frühling“, weist die junge Publizistin nach, wie sie in den 1960er Jahren den gesellschaftlichen Aufbruch in der Tschechoslowakei miterlebte – und durch Beiträge selbst mitgestalten wollte. Vor allem in der Zeitschrift „Plamen“ (tschechisch für Flamme), die nach dem „Prager Frühling“ verboten wurde. Gemeinsames Ziel mit anderen, ebenfalls in den 1930ern geborenen Autoren war, dogmatische Starre zu überwinden und Lebenswirklichkeit zu schildern, so Wagnerová im Vorwort.  

Einen Eindruck von der beginnenden Entspannungspolitik hin zum „Prager Frühling“ vermittelte sie mit ihrer Reportage über Kerntechnik aus dem Jahr 1965. Die Technik selbst war zweitrangig. Wichtiger war Alena Wagnerová das Leben von Studenten dieser Studienrichtung, die über die Zustände an ihrer Hochschule diskutierten – und über bessere Berufsaussichten für sich selbst.

Ist ein Student nun Objekt oder Subjekt der Ordnung in einem Wohnheim? Klingt banal, kann aber als Blaupause für gesellschaftliches Leben (und Missstände) im gesamten Land herangezogen werden. 

Um junge Menschen ging es Alena Wagnerová auch ein Jahr später, als sie in Prag die Widerstandsgruppe „Předvoj“ gegen die deutschen Besatzer beschrieb. Dazu nutzten sie, wie später Oppositionelle in der DDR, das Umfeld einer evangelischen Kirchengemeinde. In beiden Texten flammten Atmosphäre, Leben, Handlungen jener Jahre nachvollziehbar auf.

Zudem wurden sie durch eine spezielle Art von Aufbruchstimmung charakterisiert. In den 1960ern in der ČSSR sowieso. Aber auch in den düsteren 1940er Kriegsjahren, weil die Mitglieder von „Předvoj“ den untragbaren Zuständen in ihrem Land eigene Hoffnungen von einer besseren und gerechteren Welt aktiv entgegensetzten.

Foto: Privatarchiv Wagnerová

Im zweiten Teil beleuchtet Wagnerová „Orte und Schicksale“, geschrieben nach ihrer Übersiedlung in die Bundesrepublik für deutschsprachige wie tschechische Presse. Immer wieder beschäftigte sie sich mit dem Verhältnis von Menschen und Heimat. Früh auch mit deutsch-tschechischer Geschichte.

Dies schon 1969 mit einer Spurensuche nach Sudetendeutschen im Böhmerwald – obwohl sie sich selbst die Frage stellte, damit ein abgeschlossenes Kapitel unnötigerweise neu zu eröffnen. Ihre Antwort: Mit eigenen Ohren überprüfen, ob Deutsche tatsächlich an allem Schlechten in der tschechischen Geschichte Schuld sind.

Dazu trug auch ihr Besuch mehr als 40 Jahre später in Nordmähren und Schlesien bei. Ausführungen in ihrem Text lassen sich durch Aussagen in meiner eigenen Familie väterlicherseits bestätigen. Ja, der Altvater (Praděd) war für diese Bewohner immer ein zentraler Bezugspunkt. Wer ihn früher besteigen wollte, musste seinen Weg genau berechnen, um zur Fütterung des Viehbestandes wieder rechtzeitig zurück im Stall zu sein, wie mein Großvater oft erzählte.

Ja, auch meine Großmutter bezog sich immer auf Wien und der Distanz dorthin, wenn sie von der großen weiten Welt sprach. Nie jedoch von Prag, für sie schlicht keine geographische Größe. Ja, Arbeitslosigkeit und Geldknappheit waren in diesem Landstrich ein großes Thema. Deshalb wurden Bekannte dadurch identifiziert, ob sie noch in Wald und Feld arbeiteten oder schon in einer Fabrik. 

Und ja, man fühlte sich dort als Schlesier, nicht als Sudetendeutscher! In diesem Österreich-Schlesien wählte man rund um Jägerndorf (Krnov) auch nicht automatisch die Henlein-Partei, sondern durchaus sozialdemokratisch, wie mein Vater oft herausstellte. Daher war nach dem Krieg durchaus nicht jeder von dort einverstanden mit der Politik der Sudetendeutschen Landsmannschaft in der Bundesrepublik.

Weltoffen am Rande der Welt

Dies erfuhr auch Wagnerová im Jahr 2005, als sie in Bayern Vertriebene besuchte. Ein Bauer sei seiner Scholle verpflichtet, also der Heimat, nicht aber unbedingt politischen Veränderungen, so ihre Erkenntnis. Trotz aller bitteren Erfahrungen am Kriegsende hatte mancher von ihnen auch kein Problem damit, schon mitten im kalten Krieg Beziehungen in die alte Heimat und zu den Menschen dort neu aufzubauen. Wie mein Vater.

Tatsächlich war man dort immer in gewisser Weise autonom, sah die Welt in Grenznähe aus anderer Perspektive. War also quasi am Rande der Welt weltoffener als anderswo und tat sich daher leichter, seinen Reichtum an Kultur und Natur Europa wieder zur Verfügung zu stellen, als dies neue politische Konstellationen zuließen.

Alena Wagnerovás Schilderungen sind kein verklärender Blick zurück, keine Umschreibung von Geschichte, keine Schuldzuweisung oder Entlastung, sondern eine weitgehend emotionslose Suche nach Kontinuität in Dörfern und Landschaften.

Der Balaena Verlag aus Landsberg am Lech, dessen Chefin Heike Birke sich mit einer feinen Auswahl an deutschsprachigen Übersetzungen um tschechische Literatur verdient macht, hat den Titel des Buches geschickt gewählt. Vor ein paar Jahren sprach sich schon der ehemalige Berater von Bundeskanzler Kohl, Horst Teltschik, in einem Gespräch mit der „Prager Zeitung“ für eine engere Zusammenarbeit der mitteleuropäischen Staaten in heutiger Zeit aus.

Zur „literarischen Reportage“

Schwerer tut man sich mit dem Untertitel: Literarische Reportagen. Diese Gattung hat in Mittel- und Osteuropa Tradition. Aber: Was soll das sein? Für mich gehört die Reportage zum Journalismus. Und Literatur ist Literatur. Denn: Eine Reportage im Journalismus ist der Wahrheit verpflichtet. Das ist Literatur nicht. In Romanen, Novellen oder Erzählungen kann, darf, soll auch Fiktionales vorkommen.

Was soll die Reportage also in der Literatur machen, was sie nicht genauso gut oder besser als journalistische Gattung kann? Meine Zweifel sind nicht neu, und ich habe sie auch nicht exklusiv. Lenka Reinerová erzählte mir im Café „Slavia“ von Kaffeehausgesprächen, die sich schon im alten Prag um das Thema „literarische Reportage“ drehten.

Eines Tages „kam Kisch ins Café Metro und es wurde diskutiert, ob eine Reportage Journalismus ist und ab wann sie Literatur ist. Sie haben ständig hin und her diskutiert über ihre eigenen Werke, sehr hart diskutiert, was heute keinem Menschen mehr einfallen würde“, erinnerte sich Reinerová, der bis zu ihrem Tod im Juni 2008 das Etikett von der letzten noch in deutscher Sprache schreibenden Schriftstellerin Prags anhing, bei unserer Begegnung vor mehr als 20 Jahren.

Egon Erwin Kisch, oft als Erfinder der literarischen Reportage gerühmt, bestätigte genau das Dilemma: „Ein bisschen Fantasie“ hielt er in seinen literarischen Reportagen durchaus für angemessen, damit seine Texte möglichst viel gelesen werden, wie sein Biograf Christian Buckard schrieb. Nicht alles musste Wort für Wort stimmen, wenn es insgesamt wahrhaftig war. Kisch wollte informieren, aber auch unterhalten, eine erfundene Pointe hatte für ihn daher zuweilen mehr Wahrhaftigkeit als die Wahrheit selbst.

Befürworter führen an, dass eine Reportage in der Literatur subjektiver sein könne und dem Autor erlaube, mehr Emotionen, Urteile oder persönlichen Ansichten auszudrücken. Und sie dürfe dort eine Länge haben, die Zeitungen oft nicht mehr bezahlen können, weshalb sie in Büchern besser aufgehoben sei. Das sieht man in der „Zeit“ vermutlich anders, wo Martin Nejezchleba arbeitet, ein früherer Kollege bei der „Prager Zeitung“. Er teilte mir vor einigen Jahren mit, dass es dort schlicht keine kurzen Texte gebe.

Verständnis durch Zuhören

Ein Schwachpunkt von literarischer Reportage offenbart sich auch in Wagnerovás Text, wenn sie schreibt, dass ihre Mutter bei einer Ferienreise nach Nordmähren „auf einem Feldweg abbog, weil sie sich schämte, an den vor dem Bahnhof zum Abtransport versammelten Deutschen vorbeizugehen. Viel zu offensichtlich war die Unschuld dieser Bauern aus den Gebirgsdörfern an der Geschichte.“ War das nun ihre eigene Reise, eigenes Erleben, also Journalismus? Oder aber ein Stilmittel und Fiktion, also Literatur?

Alena Wagnerová selbst erklärt im Vorwort dazu, dass sie sich mit theoretischen Fragen zur literarischen Reportage nie beschäftigt habe. Was ihr jedoch wichtig erscheint, ist Verständnis für andere Menschen und deren Beziehung zur Zeitgeschichte. Nötig dafür sei aufmerksames Zuhören. Das kann Wagnerová.

Sie sammelte Aussagen, Gefühle, Meinungen und damit Lebensgeschichten in der Geschichte – ohne eigene Mitteilungsleidenschaft in den Vordergrund zu schieben. Darin unterscheidet sie sich von vielen Autoren. Und dies macht ihre Reportagen zum einen lesenswert und zum anderen vielleicht doch mehr zu journalistischen statt schriftstellerischen Arbeiten.  

In der Sammlung sind laut Verlagsangaben „Wagnerovás beste Reportagen“ enthalten, kaum aber Texte aus den 1970er, 80er und 90er Jahren. Vielleicht ein Grund dafür, dass Alena Wagnerová alsbald noch ihre Autobiografie schreibt. Über ihr eigenes Leben hätte sie sicher kaum weniger zu erzählen als über das von anderen. 

Alena Wagnerova: Zuhause in Mitteleuropa. Literarische Reportagen. 328 Seiten. Balaena Verlag. 2026. Das Buch erschien 2022 unter dem Titel „Literární reportáže“ auf Tschechisch.