Wenn Tschechien in diesem Jahr Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse ist, dann darf er auf keinen Fall fehlen: 90 Jahre alt wäre Václav Havel am Montag (5. Oktober) geworden. In Erinnerung an ihn wurde ein kleiner Schatz gehoben: Seine lange Zeit verloren geglaubten Erinnerungen an die Anfänge der „Charta 77“ erschienen nun auf Deutsch.

Schon die Entstehungsgeschichte dieses Buches charakterisiert den Autor in gewisser Weise. Auf die Frage des renommierten tschechischen Journalisten Karel Hvížďala, wie er seine erste Verhaftung und die Zeit vor seinen (längeren) Gefängnisjahren durchlebt habe, antwortete Václav Havel: „Über die ersten Tage der ‚Charta‘, meine Verhaftung und den ersten Gefängnisaufenthalt schrieb ich nach meiner damaligen Rückkehr eine etwa hundertseitige Reportage, irgendwo habe ich sie dann versteckt und ich weiß schon lange nicht mehr, wo sie ist. Vielleicht finde ich sie einmal.“
Alter Schussel, möchte man ihm zurufen. Hat ein so spannendes Manuskript verfasst und dann glatt vergessen, wo er es aus Schutz vor dem Zugriff der Staatsorgane deponierte. Doch irgendwie auch passend zu Havel, dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit. Das Unperfekte als Markenzeichen – eine Eigenschaft, die liebenswert macht.
Ein Leben in steter Unsicherheit und unklaren Umständen ist Bestandteil der Existenz eines Dissidenten. Wer nicht sicher weiß, was in der nächsten Stunde passiert, erlernt die Kunst des Improvisierens. Und irgendwann kann man dann mehr oder weniger chaotisch werden – sofern man es nicht schon vorher war. Entscheidend bleibt, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.
Klares Ziel
Die Aussage von Havel findet sich in Hvížďalas Interview-Buch „Fernverhör“ (tschechischer Titel: „Dálkový výslech“), das Mitte der 1980er Jahre noch unter kommunistischer Herrschaft im Ausland erschien. Schließlich wurden Havels Aufzeichnungen doch gefunden, in der Garage des 2008 verstorbenen Schriftstellers Zdeněk Urbánek. Dass Havel gerade ihm den Text anvertraute, war verständlich. Der enge Freund stand gemeinsam mit Havels Frau Olga vor dem Gefängnistor, als er seine erste Zeit dort abgesessen hatte.
Und er verteidigte Havels Entlassungsgesuch im Gefängnis an den Generalstaatsanwalt – eine Tat, die Václav Havel selbst zu seinem schlimmsten Erlebnis des Jahres 1977 erklärte. Er habe damit „zum ersten Mal in meinem Leben moralisch versagt“, klagte er sich nachdrücklich an. Wobei sie ein Stück weit seine politische Naivität verrät, weil Havel „selbstverständlich nicht annahm“, dass sein Brief von seinen Gegnern politisch und öffentlich ausgenutzt würde.
Absurdität des Augenblicks…
Havels Buch liest sich wie der Text für eines seiner absurden Theaterstücke. Er war darauf geschult und konnte kaum anders, als Absurdität und Widersprüche des Augenblicks zu erkennen und zu beschreiben. Also die Tage und Wochen rund um seine Verhaftung. Krasses Beispiel: Seinen Haftbefehl begründete ein Staatsanwalt damit, dass Havel als Sprecher von „Charta 77“ mit ausländischen Journalisten in Kontakt kommen und dabei „etwas durcheinanderbringen“ könnte. Und dass diese Journalisten ihn falsch interpretieren könnten, gegen die Interessen der Tschechoslowakei.
Deshalb sei es „das Beste“, wenn er vorläufig davor geschützt würde – im Gefängnis. „Schutzhaft“ nannte man so etwas in anderen Regimen. Selbsterklärend auch, dass eine Protokollantin während seiner Verhöre ständig deutsche Gerichtsakten ins Tschechische übersetzte. Denn es gab ja „nichts zu protokollieren“, weil für die Staatsmacht nur sein (umfassendes) Geständnis wichtig war, nicht aber seine Aussagen.
…mit zwangsläufiger Ironie
Ebenso erstaunlich wie erfreulich, dass Václav Havel darüber seine Ironie nicht verlor. Obwohl sie sich ebenso zwangsläufig aus den Umständen ergab. Nicht nur, weil einer seiner Verhöroffiziere ausgerechnet Svoboda hieß – auf Deutsch: Freiheit. Nach seinen Angaben bestand Havels große Angst vor dem Gefängnis nicht in den Bedingungen der Haft, sondern darin, ob seine Hämorrhoiden mit den Hock-Toiletten dort in Einklang zu bringen waren…
Sein Bericht setzt im Dezember 1976 ein, als er mit anderen die „Charta 77“ ins Leben rief und ihre Protagonisten ab Anfang Januar 77 erstmals umfassend von der Staatssicherheit schikaniert wurden. Havel war indes schon seit 1969 wegen subversiver Tätigkeit gegen die Republik angeklagt, was weniger bekannt ist. Weil er damals eine Petition namens „Zehn Punkte“ unterschrieben hatte, ohne dass danach je ein Gerichtsverfahren eröffnet wurde.
Gewisse Genugtuung – trotzdem
Den, der ihm seitdem im Nacken saß, erkannte Havel erst nach gründlichem Nachdenken. Der Ermittler war nämlich „ziemlich gealtert“, wie der Bespitzelte empfand. Solche Hinweise erzeugen neben Mitgefühl und Betroffenheit immer wieder auch ein Lächeln. Sie machen seine Erläuterungen zu einem menschlichen Lebensbericht statt einem seelenfreien Sachbuch. Dazu trägt auch bei, dass Porträts seiner Vernehmer abgedruckt wurden. So werden aus Namen Gesichter, kann der Leser zumindest ein wenig erahnen, wie er sich möglicherweise selbst gefühlt hätte, wenn er diesem oder jenem als Angeklagter selbst gegenübergesessen hätte.
Havel behält in dem Text seine Gedanken und Gefühle nicht für sich, nachdem er ins Visier der Staatsmacht geraten war. Vor dem Gefängnis „als solchem“ habe er „keine besondere Angst“ verspürt, im Gegenteil machte die Haft seine Verhaftung für ihn sinnvoll. Als beklemmend empfand er indes die fehlende Gewissheit, ob und wann sie beginnen sollte.
Kalte Augen des Systems
Wie weit sich die herrschende Klasse von einstigen Zielen und Idealen entfernt hatte – sofern es sie jemals gab –, macht Havel am Beispiel eines Mitgefangenen sehr deutlich. Er arbeitete in einem Stahlwerk, völlig entgegen seiner Qualifikation, weshalb er eines Tages nicht mehr zur Arbeit erschien. Nun plagte ihn die Frage, ob er mit drei Monaten Gefängnis wegen unerlaubten Entfernens vom Arbeitsplatz bestraft würde oder gleich mit drei Jahren wegen „Schmarotzertums“. Ein „ehrenhafter Kerl“ sei er, befand Havel, „mit Arbeiterstolz“, der nun aber „die harte Faust eines Systems zu spüren bekam, das von sich behauptete, es sei die Regierung der Arbeiterklasse“.
Wie zynisch deren im Innersten verkommenen Vertreter agierten, erlebte Václav Havel auch im Gefängnis. Dort traf er neben schreienden Ermittlern und zuweilen „wiehernden Pfeilern des Regimes“ auf einen Staatsanwalt, der sich freundlich gab und fragte, ob ihm etwas fehle, obwohl es ihm „natürlich an absolut allem fehlte“. Der Anwalt versprach viel und hielt so gut wie nichts, trotzdem „erfreuten und erbauten“ Havel dessen Besuche. Bis er irgendwann den Zwiespalt zwischen freudiger Atmosphäre und zerstörerischem Kern durchschaute, weil bei jedem Kontakt Nachrichten überbracht wurden, die Havels Lage nur noch schlimmer machten.
Vorbild Havel
In seinen Kapiteln beschreibt Havel detailliert seine Lebensumstände im Jahr 1977. In einigen Passagen eine juristische und philosophische Abhandlung. Schon hier fragt sich Havel, ob er seine Erfahrungen im Gefängnis überhaupt Revue passieren lassen soll, im Bewusstsein darüber, dass „ich diese Erfahrung gar nicht genau analysieren und vermitteln kann“, bei lediglich 127 Tagen Haft und im Gegensatz zu langjährig Inhaftierten. Öfters wirkt dieser Text wie ein Vorläufer seines ein Jahr später verfassten politischen Essays „Versuch, in der Wahrheit zu leben“.
„Wir waren uns einig, dass das Leben als Chartist kein leichtes war“, fasst Václav Havel zusammen, „aber für nichts auf der Welt mehr“ hätten er und seine Freunde dieses Leben wieder hergeben wollen. Beseelt auch durch die Erkenntnis, dass die Kommunisten ihre Charta nicht mehr zerschlagen konnten, welches Mittel auch immer sie wann auch immer dafür einsetzen würden. Schon diese Erkenntnis machte die Chartisten frei und zu Siegern der Geschichte.
In Zusammenhang mit seinem neuen Buch „Dissident“ bemerkte der slowakische Schriftsteller Michal Hvorecký kürzlich, dass es „wieder mehr Dissidenten“ brauche – vor allem mit Blick auf die Zustände in seinem Heimatland. Doch nicht nur dort wird die Demokratie immer „schwächer und verletzlicher“. Deshalb gilt generell: Mut und Opferbereitschaft der Dissidenten um Havel können nicht hoch genug eingeschätzt werden. Damit machten sie die „Charta 77“ zu einer fürwahr historischen Bewegung.

Der Dramatiker und Essayist Václav Havel starb vor 15 Jahren, im Dezember 2011. Sein Buch ist für die heutige Zeit aus drei Gründen ein Gewinn. Zunächst wegen des Textes selbst. Wer könnte besser über den Beginn von „Charta 77“ schreiben, dieser wichtigsten oppositionellen Bewegung in Osteuropa neben der unabhängigen Gewerkschaft Solidarność in Polen, als Havel selbst. Sein Manuskript ist somit ein Zeitzeugen-Dokument aus erster Hand und bester Quelle.
Dann, weil Zdeněk Urbánek es nicht dem Papierkorb anheim gab, als „Charta 77“ durch die „Samtene Revolution“ in der Tschechoslowakei gesiegt hatte und Havel als Präsident auf der Prager Burg saß. Möglicherweise erkannte Urbánek den historischen Wert des Manuskripts, fand aber weder Zeit noch Gelegenheit, es Havel zurück zu geben. Zu vieles war im endlich wieder demokratischen Land zu erledigen. Sofern Urbánek in jenen bewegten Jahren nicht selbst vergessen hatte, wo er Havels Text versteckt hielt.
Und schließlich durch das Vorwort des Schriftstellers Jáchym Topol. Auf knapp zehn Seiten erstellt er eine substanzielle Analyse dessen, was Havel damals beschwerte und am Leben hielt. Zudem eine Einordnung seines Denkens und Handelns unter den Bedingungen einer Diktatur. Sollte jemand keine Zeit finden, Havels Zeilen in Gänze zu lesen – was schade wäre – dann sollte er zur Not zumindest die Zusammenfassung von Topol gelesen haben.

Václav Havel: Ich habe es irgendwo versteckt, Notizen zum „Charta-Jahr“ 1977. 272 Seiten. Mitteldeutscher Verlag. Das Buch wurde 2021 unter dem Titel „Někam jsem to ukryl“ in Tschechien publiziert.