Bei ihm macht die inflationär gebrauchte Bezeichnung „Legende“ tatsächlich Sinn: Pierre Littbarski qualifizierte sich dreimal nacheinander – zwischen 1982 und 1990 – mit der deutschen Mannschaft für das WM-Finale. Heute unvorstellbar! Seine wichtigste Partie hätte der gebürtige Berliner jedoch fast verpasst, wie er sich im Exklusiv-Gespräch mit „Prager Zeitung.de“ erinnert. Schuld daran war ein Tschechoslowake.

Erinnern Sie sich noch an den Namen Jozef Chovanec?

Ja, klar. Er hat mich damals abgegrätscht, in unserem Spiel gegen die Tschechoslowakei bei der Weltmeisterschaft 1990. Ich musste anschließend viel Theater spielen, damit ich noch im WM-Finale auflaufen konnte – trotz des angerissenen Kreuzbandes, das ich in dieser Situation erlitt.

Die harte Grätsche von Chovanec im Viertelfinale hätte Sie tatsächlich um ein Haar das Endspiel bei dieser WM in Italien gekostet.

Schon, aber er hat es ja nicht mit Absicht gemacht. Es war nicht so, dass er mich bewusst verletzen wollte. Ich kann mich noch genau an diese Szene erinnern. Die Situation, wie er zum Ball grätscht. Ich würde es mehr als einen Unfall bezeichnen.

Sie ließen Ihr kaputtes Knie danach von den Physiotherapeuten die ganze Nacht lang behandeln und verboten ihnen, darüber mit Teamchef Franz Beckenbauer zu sprechen. Warum haben Sie ihm verschwiegen, dass Sie schwer verletzt waren?

Weil ich unbedingt im Finale spielen wollte. Denn ansonsten fühlte ich mich ja sehr fit.

Lag es auch daran, dass Sie im WM-Finale vier Jahre zuvor in Mexiko auf der Bank saßen, obwohl Sie Teamchef Franz Beckenbauer in allen Spielen bis zum Halbfinale eingewechselt hatte?

Nein, das war nicht der Grund. Vor der WM 86 hatte ich einen Bänderriss und war noch nicht hundertprozentig fit. Deshalb war es okay, dass ich bei diesem Finale nicht spielte. Anders 1990. Da war ich topfit – und das hat sich ja auch im Finale bewiesen.

Wie bekamen Sie es hin, 1990 doch noch im Finale zu stehen und auf dem Platz Weltmeister zu werden?

Ich hatte eine sehr gute Oberschenkelmuskulatur, das half mir in dieser Situation sehr. Dazu kam wahrscheinlich noch der Adrenalin-Ausstoß während des Endspiels. Ich habe im Verlauf dieses Spiels auch überhaupt nicht an das kaputte Knie gedacht – aber nach dem Spiel sofort, weil ich es gleich wieder spürte.

Deshalb hegten Sie noch eine Weile einen Groll gegen Jozef Chovanec?

Nein, in keinster Weise. Nicht einmal direkt nach dieser Aktion im Viertelfinale. Für mich war es ein normaler Zweikampf. Chovanec war ja ein sehr guter Spieler. Und es war auch kein Spiel, das in irgendeiner Weise bösartig war. Die Tschechoslowaken spielten in der zweiten Hälfte richtig gut, viel besser als in der ersten, und verfehlten das Halbfinale gegen uns nur knapp.

…und wegen des dürftigen Spiels der deutschen Elf rastete Franz Beckenbauer anschließend in der Kabine aus – trotz des Sieges mit 1:0.

Fürchterlich. Ich hatte Beckenbauer zuvor noch nie so schreiend erlebt. Wir sind in der Kabine alle in Deckung gegangen. Es hätte in dieser Situation nach dem Abpfiff tatsächlich alles passieren können…

Jozef Chovanec ist im Fußball der Tschechen und Slowaken bis heute ein großer Name. Er spielte für Sparta Prag und PSV Eindhoven, wurde mit beiden Klubs vielfacher Landesmeister, später ebenso als Trainer von Sparta Prag, war ab 1998 auch ein paar Jahre lang Nationaltrainer in Tschechien. Haben Sie ihn später noch einmal getroffen und mit ihm über das Spiel und diese Situation gesprochen?

Nein, ich habe ihn nicht mehr getroffen. Und dass es damals gerade Chovanec war, wissen heute ja nur noch ganz wenige Leute.

Abgesehen davon lagen Ihnen die Tschechoslowaken: In fünf Spielen gegen die Nationalelf gewann sie vier, spielten einmal Remis und schossen zwei Tore. Haben Sie eine Begründung dafür?

Die Tschechoslowaken haben immer einen technisch guten Fußball gespielt. Sie haben sich vor allem mit ihrer Offensive beschäftigt – und wenn ein Gegner weniger auf seine Defensive achtet, dann ist das für einen Stürmer der anderen Mannschaft natürlich immer gut…  

Der brasilianische Nationaltrainer Luis Felipe Scolari urteilte einmal, dass Sie im Fußball kein Deutscher seien, sondern eher ein Brasilianer. Die Tschechoslowaken kamen also Ihrem Spielstil entgegen?

Absolut. Zumal ein Spieler in meiner Zeit einen Ball ja noch annehmen und sich drehen konnte. Und dafür war die Spielweise der Tschechoslowaken ein Riesenvorteil.

Auch gegen Klubs aus der ČSSR ist Ihre Bilanz erstaunlich. In 48 Spielen im Uefa-Cup schossen Sie 14 Tore – davon allein vier gegen tschechische und slowakische Klubs.

Ja, vor allem gegen Bohemians Prag…

…Sie erinnern sich noch an diese Partien? Auf dem Weg ins Uefa-Cup-Finale 1986 gegen Real Madrid traf der 1.FC Köln im Oktober 85 in der zweiten Runde auf Bohemians, gewann das Hinspiel 4:0 mit zwei Toren von Ihnen und das Rückspiel mit 4:2, wobei Sie ebenfalls ein Tor erzielten.

Ja, ich erinnere mich noch an Bohemians. Tatsächlich habe ich viel lieber gegen tschechoslowakische Mannschaften gespielt als gegen solche aus Bulgarien oder Rumänien. Die waren defensiv viel „klobiger“. Dagegen „flutschte“ ein Spiel gegen Tschechoslowaken mehr, wie man in meiner Heimatstadt Berlin sagt.

Ihre WM-Geschichte begann nicht erst mit Ihren Teilnahmen als Spieler ab 1982, sondern schon bei der WM 1974 in Deutschland. Damals waren Sie mit 14 Jahren im Berliner Olympiastadion als Balljunge im Einsatz, nämlich beim Spiel zwischen Chile und der DDR. Dies war eine Auszeichnung des Berliner Fußball-Verbandes für die besten Nachwuchsspieler. Denkt man – mehr oder weniger bewusst – an diese Anfänge zurück, wenn man 16 Jahre später in Italien plötzlich als Spieler selbst den WM-Pokal in Händen hält?

Diese Erinnerung ist tatsächlich da. Und zwar deshalb, weil es ein Traum war, bei der Heim-WM 1974 dabei sein zu können. Ich weiß noch genau, dass ich damals eine grüne Jacke und eine rote Hose trug und sehr stolz darauf war. Ich erinnere mich, dass ich DDR-Torhüter Jürgen Croy den Ball gab, als er ihn an der Eckfahne holen wollte. Denn außerhalb des Feldes lagen damals noch kaum Bälle, die man schnell ins Spiel bringen konnte. Das waren und sind bleibende Erinnerungen. Ich zähle diese WM 74 genauso zu meinen Erfolgen wie die WM-Teilnahmen als Spieler zwischen 1982 und 1990.