Diese drei Herren wissen, wie’s geht. Weltschiedsrichter. Weltpokalsieger. Weltmeister. Damit sind sie, keine Frage, noch in Jahrzehnten Idole des deutschen Fußballs. Was haben sie richtig gemacht? Ein Erfolgsgeheimnis: Große Niederlagen blieben ihnen ebenso im Gedächtnis wie ihre großen Siege.
Eine bittere Erfahrung machte Oliver Kahn gegen die Tschechen. Damals bei der EM 2004, letztes Gruppenspiel, als er gegen sie mit 1:2 verlor. Die Deutschen hätten zwingend einen Sieg gebraucht, um nicht schon in der Vorrunde auszuscheiden.
Weil Tschechien bereits fürs Viertelfinale qualifiziert war, schickte deren Trainer nur eine B-Mannschaft aufs Feld – und gewann trotzdem. Durch den Siegtreffer von Milan Baroš eine Viertelstunde vor Schluss. Dass eine tschechische Ersatzmannschaft den Nachbarn Deutschland, dessen Nationalelf auch in Prag und Umgebung Heldenstatus genießt, aus dem Turnier komplimentiere, feierten tschechische Spieler und Journalisten noch Jahre später.

Bei einer Podiumsdiskussion kurz vor der WM gab Kahn sehr offen persönliche Erfahrungen preis, wie auch Einschätzungen zur WM 2026. Ebenso Dr. Felix Brych und Pierre Littbarski.
Siege
Ihre wichtigsten Spiele – für Oliver Kahn wie Pierre Littbarski nicht die, in denen sie den größten Erfolg einfuhren. Sondern jene, in denen sie den schönsten Augenblick erlebten. Für den Torwart der 7:0-Sieg seines Karlsruher SC gegen den FC Valencia, zweite Runde Uefa-Cup, November 1993. Nach einem 1:3 im Hinspiel. „Ich blickte kurz vor Schluss auf die Zuschauerränge und sah dort echte Freude, Identifikation, Leidenschaft“, denkt Kahn zurück. Die Möglichkeit, „solche historischen Momente zu kreieren und mit vielen anderen teilen zu können“, ist für ihn das Tolle am Fußball.
Schöner sogar noch als der Triumph im Champions League-Finale 2001 mit Bayern München. „Das war mehr Erlösung als Freude“, so Kahn, nach der Pleite im Champions League-Finale zwei Jahre zuvor in letzter Sekunde. Später folgte dann noch „Zufriedenheit“ deswegen, nach der „Mutter aller Niederlagen“ 1999 gegen Manchester United.
Littbarski proklamiert für sich die „Nacht von Sevilla“, das Halbfinale gegen Frankreich bei der WM 1982. „Dort erfüllte sich mein Gedanke von perfektem Fußball, passierte all das, was ich von Fußball erwarte.“ Da muss selbst das siegreiche WM-Finale von 1990 zurückstehen.
Schiedsrichter Dr. Brych hebt besonders das Halbfinale zwischen Italien und Spanien hervor, eines seiner fünf Spiele während der EM 2021. Prinzipiell bevorzugte er jedoch Partien in der Champions League. Weil dort „schon ab dem Viertelfinale nur noch Weltstars am Ball sind, bei einer WM hingegen immer nur sieben oder acht.“
Niederlagen
„So etwas kann dich brechen“, gesteht Oliver Kahn ein, wenn er an das Finale bei der WM 2002 denkt: „Du bist auf dem Zenit deiner Karriere, machst alle Spiele auf höchstem Niveau – und dann dieser entscheidende Fehler im Endspiel, der den Titel kostet.“
Diese Niederlage schmerzt ihn noch mehr als das verlorene EM-Spiel gegen Tschechien bei der EM 2004. Nach starken Leistungen, die Deutschland erst ins Endspiel brachten, wurde er 2002 zum „Titan“ erhoben. Dann ließ Kahn im wichtigsten Spiel des Turniers den Ball vor die Füße von Superstar Ronaldo fallen. Weltmeister wurde Brasilien.

Seine Erkenntnis daraus: „Es tut weh, aber es kann passieren“, im Mannschaftssport Fußball. Doch irgendwann muss man es „auch passieren lassen.“ Im Sinne von vorbei und erledigt. Pierre Littbarski stimmt zu. Ein Fußballer, sagt er, müsse schlicht und einfach „mit Niederlagen leben lernen.“ Dies setze freilich voraus, in solch einem Fall auf bisher „schon Geleistetes stolz“ sein zu können.
Schlüsselmoment für Dr. Felix Brych: Die WM 2018 in Russland. Und dort das Vorrunden-Spiel zwischen Serbien und der Schweiz. Er verweigerte den Serben einen berechtigten Elfmeter. Worauf sie ihn als „deutschen Kriegsverbrecher“ beschimpften. Der Weltverband Fifa gab ihm kein weiteres WM-Spiel. So wenige Einsätze bei einer WM hatte ein deutscher Schiedsrichter damals seit 36 Jahren nicht mehr.
Brych reiste zur WM als amtierender Weltschiedsrichter, hatte das Champions League-Finale 2017 geleitet, war zwischen 2013 und 2018 viermal „Schiedsrichter des Jahres“ in Deutschland. Er kam deshalb „mit großen Erwartungen“ nach Russland. Und ging „mit Schimpf und Schande.“ Ein Jahr habe er gebraucht, um „wieder der Alte zu sein“, gibt der Unparteiische unumwunden zu.
Seine Lehre daraus: Zunächst fühlte sich Brych, dem Spieler in der Bundesliga zuweilen Arroganz vorwarfen, schlecht behandelt. Dann habe er erkannt, dass „ich selbst es verbockt hatte.“ Diese Einsicht habe ihn „auf ein anderes Niveau“ gehoben und „persönlich weitergebracht.“ Der promovierte Jurist wurde 2021 noch einmal Weltschiedsrichter sowie 2021, 2023 und 2025 erneut Deutschlands bester Schiedsrichter.
Druck
Sechs Wochen WM. Purer Stress für die deutsche Auswahl, schon jetzt. „Da musst man jede Minute konzentriert bleiben“, erklärt Littbarski. Er selbst habe ein Vierteljahr benötigt, um nach jedem Turnier wieder in Form zu kommen. Der Druck auf die Spieler sei enorm, die Anspannung vor dem ersten Spiel riesig, betonen alle Diskutanten. „Deshalb ist der Auftakt so wichtig für den Turnierverlauf“, sagt Littbarski. Und nicht nur ein Sieg gegen Curacao. Vielmehr müsse sich bereits in diesem Spiel eine Formation für den weiteren WM-Verlauf finden.
Die nächsten Gegner Elfenbeinküste und Ecuador seien „eckig, körperlich robust, daher nicht gerade einfach“, fügt Kahn an. Und: Hitze gewohnt. Zusätzlichen Druck erzeugt diesmal der/die Gastgeber. Die großen Distanzen, enorme Reisestrapazen. „Für solch ein gigantisches Turnier braucht man eine enorme mentale Kraft“, resümiert Kahn. Dazu die klimatischen Bedingungen. „In Japan und Südkorea 2002 spielten wir gegen Kamerun nicht nur im Regen, sondern in einem Regen, der auch noch heiß war“, erinnert sich Oliver Kahn.
Und trotzdem dürfe man sich „keinen Fehler erlauben“, lässt Littbarski einfließen. Rat der Erfahrenen: Störfaktoren ausblenden, positiv bleiben, Beschwerlichkeiten durch mannschaftliche Geschlossenheit ertragen. Wobei die heutige Generation für Oliver Kahn einen wesentlichen Vorteil hat. „Wer früher dem Leistungsdruck nicht standhielt, galt schlicht als schwach.“ Heutzutage helfen Psychologen und Coaches in schwierigen Tagen weiter.
Erfolgsrezept
„Gewinnen wird, wer mehr an den Sieg glaubt.“ Behauptet Oliver Kahn, aufgrund seiner Erfahrungen bei der WM 2002. Dorthin fuhr die deutsche Auswahl als großer Außenseiter. Und erreichte trotzdem das Finale. „Wir galten als Rumpelfußballer, haben fehlende Qualität aber durch Einstellung, Moral und Mentalität kompensiert“, so der damalige Kapitän.
Dafür müsse sich „ein Geist entwickeln.“ Wie 2002. „Wir hatten zahlreiche Ausfälle vor WM-Beginn, traten mit enttäuschten Spielern aus Leverkusen an, die kurz zuvor drei Titel nacheinander verspielt hatten – aber wir hatten die richtigen Charaktere dabei.“ Was sich vor allem „in Krisensituationen“ beweise.
Genau diesen „Mannschaftsgeist“ müsse nun auch die deutsche Auswahl in Nordamerika entwickeln. Um gegen Mannschaften wie Frankreich und Spanien zu bestehen, die für Kahn mehr Qualität haben. Entscheidend dafür: Der Bundestrainer. „Er ist der wichtigste Mann bei einer Weltmeisterschaft.“
Tatsächlich, die Gruppendynamik dürfe nicht unterschätzt werden. Bestätigt Felix Brych. „Ist sie nicht gut, dann ist’s auch nicht die Leistung.“ Unter Schiedsrichtern seien Konkurrenzkampf und Kontrolle während eines Turniers nicht geringer als für Spieler. Deshalb habe er sich „ein eigenes Reich aufgebaut“, in das er sich während der Spiele zurückziehen konnte.
Diese Freiheit ist laut Littbarski ein wesentlicher Baustein für Erfolg. Wichtig: „Die Tage zwischen den Spielen.“ Da dürfe die Spannung nicht verloren gehen. Es komme also auf eine „Mischung zwischen Lockerheit und Konzentration“ an, die „Freude auf die Spiele weckt, zwischen denen man aber machen kann, was man will.“

Wie 1990. „In Italien ging Klinsmann zwischendurch nach Hause in seine Wohnung, Matthäus schnappte sich ein Motorboot und fuhr über den Comer See“ und Littbarski selbst „luchste Fans ein Mofa ab und düste damit durch die Gegend.“
Wo dies gelingt, wachse die Überzeugung vom eigenen Sieg. Dann sei auch „egal, was drum herum geschieht.“ Littbarski hat eine Anekdote parat: „Vor dem WM-Finale 1990 machten wir Fotos am Mittelkreis, wir hatten keine Zweifel, dass wir gewinnen werden.“ Ganz besonders er. „Ich hatte schon zwei WM-Endspiele verloren, war 30, die Karriere ging langsam zu Ende.“ Gegen Argentinien hatte er im Endspiel dann einfach „Spaß am Spiel.“
Schon davor kam es für ihn immer darauf an, sich nicht aus dem Rhythmus bringen lassen. Deshalb blieb er bei der WM 1986 stark fokussiert, obwohl er immer nur eingewechselt wurde. So auch im Viertelfinale gegen Mexiko kurz vor Ende der Verlängerung, als er im Elfmeterschießen verwandelte.
Es darf „kein Lagerkoller entstehen“, mahnt Felix Brych. Wie bei ihm, WM 2018. Und dafür sei das richtige Quartier nötig. Seines war damals ein Camp, das wenig Spaß bereitete, mit „braunem Wasser aus der Leitung.“ Dazu die große, sich stets beäugende Schiri-Gruppe – all dies habe auch seinen schwachen Auftritt in Russland mit verursacht.
Worauf Littbarski noch hinweist: Während einer WM können schlechtgelaunte Spieler zu einem Problem werden. Nämlich jene, die nicht aufgestellt werden und sauer reagieren. Der Berliner zählt Beispiele auf: Andreas Möller wollte deshalb bei der WM 90 gleich zweimal nach Hause fahren, zumal er eine starke Saison gespielt hatte. Und Horst Hrubesch war bei der WM 82 nahe davor, denn er hatte das Versprechen von Bundestrainer Jupp Derwall, Stammspieler zu sein – sein Konkurrent Klaus Fischer allerdings auch.
Zum Thema „Erfolg“ bringt Oliver Kahn ein bemerkenswertes Beispiel: Die WM 2006. Er wollte im eigenen Land unbedingt seinen Fehler aus dem Finale 2002 wettmachen, war überzeugt davon, dass er spielen wird. Stattdessen stand Jens Lehmann im Tor. „Man kann auch ein Gewinner sein, wenn man nicht auf dem Platz steht und keinen Titel holt!“, sagt Kahn. Die Szene, als er vor dem Elfmeterschießen im Viertelfinale gegen Argentinien zu Lehmann geht und ihm die Hand drückt, bleibt unvergessen.
Deutscher Kader
Nicht die besten Spieler bilden die beste Mannschaft. Vielmehr muss eine Gruppe ausgewählt werden, die gut zusammenpasst. Damit gibt Kahn zwar eine Binsenweisheit im Fußball zum Besten. Gleichwohl setzt sich diese Einsicht allem Anschein nach gerade jetzt mehr denn je durch. Den Nachweis lieferten die Trainer von England und Deutschland. Der englische Coach Thomas Tuchel ließ gleich mehrere Topleute zu Hause.
Die Rückholaktion von Torhüter Manuel Neuer? Schwierig. Neuer könne selbst mit 40 Jahren noch Topleistungen bringen, müsse dies bei einer WM aber innerhalb weniger Tage ständig neu beweisen, gibt Kollege Kahn zu bedenken: „Eine Herausforderung, zumal bei dieser Hitze!“ Hält aber „immer noch 25 Prozent der unhaltbaren Bälle“, setzt Littbarski dagegen, „so viele hält Oliver Baumann nicht.“
Die WM-Chancen der deutschen Mannschaft? „Schon im Achtelfinale droht ein starker Gegner, wie 1990“, mahnt der stets kritische Kahn. „Das Viertelfinale ist möglich“, glaubt dagegen Felix Brych. „Halbfinale“, legt Littbarski noch obendrauf, „die Truppe ist gut.“ Er schränkt jedoch ein: „Sané ist ein Problem.“ Weil der Berliner „keine Spieler mag, die man immer anschieben muss.“ Für ihn kann Deutschland sogar Weltmeister werden. „Trotz Nagelsmann.“ Dem Bundestrainer kreidet er an, zu oft „für Überraschungen gut“ zu sein. Zum Beispiel, dass er den Offensivkönner Havertz einmal gar als linken Verteidiger aufbot.
Auf der einen Seite der nüchterne Analytiker Kahn, auf der anderen der humorige Erzähler „Litti“, dazwischen der Gelehrte Brych: Diese Zusammensetzung garantierte fachkundige Diskussion wie kurzweilige Unterhaltung im Congress Centrum Würzburg. Einen wesentlichen Beitrag dazu leistete auch Luis Zehnter mit kompetenter Gesprächsführung. „Wie alt ist er? Erst 23. Unglaublich“, zollte der erfahrene Talkgast Pierre Littbarski dem jungen Moderator und Fußball-Podcaster viel Respekt.
Wie sehr Littbarski mittlerweile in der Showbranche verankert ist, stellt er durch Anekdoten unter Beweis, die er immer wieder ins Gespräch einbringt. Zum Beispiel – nur Ältere wie der Autor dieses Beitrags erinnern sich noch – dass früher Kader für ein Länderspiel im „ZDF-Sportstudio“ bekanntgegeben wurden. Ungläubiges Kopfschütteln bei Oliver Kahn. Keine Telefonanrufe des Bundestrainers bei den Spielern? „Hätte schwierig werden können, wenn Jupp Derwall beispielsweise Paul Breitner direkt am Telefon mitgeteilt hätte, dass er nicht nominiert ist“, scherzt Littbarski, „in diesem Fall hätte Breitner den Derwall aus dem Kader geworfen.“ Großes Gelächter im Auditorium.
Ebenso bei Littbarskis Hinweis, dass Rudi Völler den Schützen Andreas Brehme vor dem entscheidenden Strafstoß im Finale 1990 darauf aufmerksam machte, dass Deutschland Weltmeister sei, wenn er jetzt treffe. „Wie bescheuert war das denn?!“, amüsiert sich Littbarski bis heute. Solch „paradoxe Interaktionen“ seien durchaus sinnvoll, entgegnet Kahn kühl. Denn auch er und Mehmet Scholl hätten dies praktiziert. „Das hat uns gegenseitig locker gemacht.“
Wurzeln in Karlsbad
Am Rande der Veranstaltung lässt Felix Brych zudem „Prager Zeitung.de“ wissen, dass er tschechische Vorfahren hat. „Das ist kaum bekannt“, räumt er ein. Brychs Vater wurde in Karlsbad geboren und nach dem Krieg vertrieben. Er wuchs in der Oberpfalz auf, zog dann nach München, wo Felix Brych zur Welt kam. Seine sudetendeutschen Wurzeln und seinen im slawischen Sprachraum verbreiteten Namen machte der 50-Jährige indes nie zum Thema.

Der prominente Referee leitete auch keine Spiele von tschechischen Mannschaften. In der Champions League, wo er 69 Spiele pfiff, seien „Klubs wie Sparta oft schon in der Vorrunde ausgeschieden.“ Und die große Zeit der Nationalelf „war vor meiner Zeit“, so Felix Brych – auch wenn die KI ein „besonders prominentes Beispiel“ anführt: Viertelfinale Tschechien gegen Dänemark bei der EM 2021.
Tatsächlich pfiff der Deutsche damals die Viertelfinal-Begegnung zwischen England und der Ukraine. Worüber vor Anstoß jedoch heftig diskutiert wurde, weil Deutschland zuvor an England gescheitert war. Kurzzeitig wurde deshalb erwogen, Dr. Brych für das tschechische Spiel anzusetzen.
Mit seiner Familie reiste Felix Brych vor ein paar Jahren nach Karlsbad, zum Geburtshaus des Vaters. „Als ich 17 war, habe ich ihn oft auch in Prag besucht, als er dort sieben Jahre lang für eine Bank arbeitete“, erzählt er. Verwandte hat die Familie in Westböhmen und Tschechien jedoch nicht mehr.