Ecuador, nächster Gegner der deutschen Elf. Genau! Diese Partie kennen viele noch – durch die WM 2006. Auch damals war Ecuador der letzte Kontrahent für die Deutschen in der Vorrunde. Dieses Spiel lässt das Sommer-Märchen von 2006 aufleben. Nicht zuletzt für die Tschechen: Die WM beim Nachbarn war ihre letzte – bis jetzt in Nordamerika.

Ausgiebig berichtete die „Prager Zeitung“ (PZ) vor 20 Jahren über die Weltmeisterschaft im Nachbarland. Erste Beiträge wurden in der Ausgabe vom 25. Mai 2006 abgedruckt, zwei Wochen vor Turnierbeginn.

Viele tschechische Fußball-Freunde wollten die Spiele ihrer Elf bei der WM in Deutschland live im Stadion miterleben. Deshalb bemühten sie sich schon lange vorher um Eintrittstickets. Schließlich war Tschechien zum ersten Mal als eigenständige Nation bei einer WM dabei. Was Vorfreude und Stimmung unter Fans und im Land vernehmbar steigen ließ. Vergleichbar nur mit Teilnahmen der Tschechen bei großen Eishockey-Events.

Wobei damals kaum ein Tscheche ahnen konnte, dass diese Weltmeisterschaft 2006 auf lange Sicht die letzte sein würde, bei der seine Nationalelf am Start ist. Heimische Fußball-Fans mussten danach 20 quälende Jahre warten, bevor sich ihr Land endlich wieder für eine WM qualifizierte.

Eine Weile schien es so, als ob auch die tschechische Delegation nach Unterfranken kommen würde, in den nordwestlichen Bezirk von Bayern. Dort, wo schon vier andere Nationen ihr Quartier bezogen. Was diesen Landstrich mitten in Deutschland zu einem der meistfrequentierten bei dieser WM machte.

Ecuador fand einen geeigneten Standort in Bad Kissingen. Die Bewohner der Stadt bereiteten Mannschaft und Begleitern vor 20 Jahren einen überaus herzlichen Empfang.

Schließlich haben sie als Gastgeber seit Jahrhunderten Erfahrung. Vor den Südamerikanern waren Kaiserin Sisi von Österreich, Zar Alexander II. von Russland, König Ludwig II. von Bayern oder Theodor Fontane zu Gast – um nur wenige Prominente aufzuzählen. Weshalb Kissingen als Kurbad Weltruhm genießt.

Reichskanzler Otto von Bismarck überlebte in der Badestadt ein Attentat. Franz Seraph Freiherr von Ringhoffer, der in Prag-Smíchov die Waggon- und Maschinenfabrik seiner Familie übernommen und zu einem der bedeutendsten Industriekonzerne in der Donaumonarchie ausgebaut hatte, verstarb gar im Juli 1909 während seines Kuraufenthalts in Bad Kissingen an den Folgen eines Nierenleidens.

Doch Ecuador kam nicht nur einfach nach Deutschland. Schon Mitte Mai schickte das kleine Land „Botschafter“ an die Fränkische Saale. Eine von ihnen: Rebeca Flores, die amtierende „Miss Ecuador“ und einige Monate später Teilnehmerin an der Wahl zur Miss World 2006.

Die aufgeschlossene junge Frau interessierte sich wie viele Landsleute für Fußball und für „Tri“, den Kurznamen ihrer Nationalelf Ecuadors. Sie bezeichnete „Tin“ Delgado als ihr Idol. Jenen Ausnahmestürmer, der in 71 Länderspielen 31 Tore erzielte, darunter 2002 das erste Tor überhaupt für Ecuador bei einer WM.

An der Eingangstür zum Rathaus von Bad Kissingen schmunzelte die Schönheitskönigin plötzlich. „Man hat hier den Condor auf den Kopf gestellt“, erklärte sie mir. Tatsächlich hatte der Hausherr das papierene Wahrzeichen des Landes verkehrt aufgehängt. „El cóndor pasa“, dank Simon & Garfunkel ein Welt-Song, erhielt auf diese Weise eine ganz neue Bedeutung…

Mit Rebeca Flores traf ein weiterer Gast aus dem Andenstaat in Bad Kissingen ein: Tzamarenda Naychapi, ein Schamane. Schon als Vierjähriger wurde er von Stammesvätern am Amazonas in diese Kunst eingeführt.

Mit Schreien wollte er den Hall des Donners treffen, positive Energie und Harmonie vermitteln. „Nicht nur für Ecuador, sondern für alle Teilnehmer an der WM“, wie er versicherte.

Sein Auftritt wurde von westlichen Beobachtern zuweilen belächelt. Womit sie völlig verkannten, welch große Bedeutung der Schamanismus für Ecuador besitzt. Dort gelten Schamanen als weise Männer, die in vielen Lebenssituationen um Rat gefragt werden, bei Krankheiten ebenso wie für die Ernte oder die Zukunft von Familien. Sie stehen für die Bewohner des Landes auf einer Stufe mit Ärzten.

Noch eher, nämlich schon Anfang Mai 2006, prüfte Ecuadors Trainer Unterkunft und Trainingsgelände in Bad Kissingen. Luis Fernando Suárez wies eine eindrucksvolle Karriere auf. Der Kolumbianer gewann 1989 mit seinem Heimatverein Atlético Nacional Medellín als Spieler die Copa Libertadores, also die Champions League von Südamerika, und zehn Jahre später mit dem gleichen Klub als Trainer den kolumbianischen Meistertitel.

Schlagzeilen machte er vor Beginn der WM mit seiner Aussage, die deutsche Elf sei wie ein Panzer. Ich fragte ihn, warum er diesen martialischen Vergleich bemühte. Suárez war sichtlich darum bemüht, die Wogen zu glätten und betonte, dass er lediglich die große physische Stärke der deutschen Nationalelf, ihre Wucht und unaufhaltsame Spielweise hervorheben wollte.

Statt für Ochsenfurt nahe Würzburg, wie lange kolportiert, entschied sich der tschechische Verband am Ende nicht für Unterfranken, sondern für eine Unterkunft in der Kleinstadt Westerburg im Westerwald/Rheinland-Pfalz. Derweil erwarteten Fans zu Hause die WM-Spiele ihrer Auswahl voller Vorfreude.

„Der Prager Fußballsommer soll laut Veranstaltern sogar das Begleitprogramm übertreffen, das anlässlich der Fußball-WM vor dem Berliner Reichstagsgebäude findet“, berichtete die „Prager Zeitung.“ Dazu wurden „die zwei wichtigsten Plätze der tschechischen Hauptstadt für die Weltmeisterschaft in Beschlag“ genommen.

Der untere Teil des Wenzelsplatzes diente als Bolzplatz für ehemalige Nationalspieler oder Künstler. Mittelpunkt des bunten Treibens war jedoch der Altstädter Ring, mit einer überdimensionalen Kopie des WM-Balles am Alten Rathaus, zwei Großplasma-Bildschirmen und einer transportablen Zuschauertribüne, die eine Atmosphäre wie in einem Fußballstadion schaffen sollte.

„Hier wird jeden Tag ein WM-Spiel zu sehen sein“, schürte die PZ die Erwartungen. Rock und Pop, Stände zu den jeweiligen Ländern mit Speis und Trank, jeden Tag Festumzüge durch das Zentrum, Musikkapellen, Nationalflaggen aller 32 Teilnehmerländer, Tanz auf den Straßen – auch Prag präsentierte sich bestens präpariert für diese WM 2006.

Und die Mannschaft erfüllte (zunächst) die Hoffnungen ihrer Anhänger. „Premiere bei einer Fußball-Weltmeisterschaft bestanden“, fasste die „Prager Zeitung“ auf ihrer Titelseite zusammen. Premiere deshalb, weil der letzte Auftritt von tschechischen Spielern bei der WM 1990 noch im Verbund mit der Slowakei stattfand.

Die Tschechen untermauerten „mit einem überzeugenden 3:0-Sieg gegen die praktisch chancenlosen Amerikaner ihre Rolle als Geheimfavorit auf den Weltmeister-Titel“, führte der Autor in der PZ weiter aus. Doch er warnte zugleich: „Erst die restlichen beiden Vorrundenspiele stellen die Weichen für das Achtelfinale.“ So sah es auch der zweifache Torschütze. Tomáš Rosický forderte in der Stunde des Triumphes: „Es ist wichtig, dass wir diese Leistung bestätigen.“

Was freilich nicht gelang. Die Tschechen, die erst zwei Jahre zuvor die Fußball-Welt mit famosen Leistungen und fast der gleichen Mannschaft bei der EM tief beeindruckt hatten, verloren ihre Partien gegen Ghana und den späteren Weltmeister Italien jeweils mit 0:2.

Sie konnten die Verletzungen ihrer beiden wichtigsten Stürmer Jan Koller und Milan Baroš nicht kompensieren – befand zumindest Nationalcoach Karel Brückner. Der PZ-Autor führte hingegen noch andere Gründe für das frühzeitige Aus an, nämlich fehlende mentale Stärke und Resilienz, einen überalterten Kader und falsche Aufstellungen von Brückner.

Anders Ecuador. Die Andenkicker hatten sich als Dritter der Südamerika-Qualifikation hinter Argentinien und Brasilien für die WM 2006 qualifiziert – und wurden in Deutschland den hohen Erwartungen in der Heimat gerecht. Erneut großer „Bahnhof“ für die Mannschaft in Bad Kissingen, nachdem sie gegen Polen (2:0) wie Costa Rica (3:0) gewonnen hatte.

Fans aus Ecuador, die ebenfalls scharenweise Bad Kissingen besuchten, feierten ihre Spieler bereits wie den kommenden Weltmeister. Denn durch diese beiden Erfolge hatte ihre Mannschaft bereits – und anders als Tschechien – die Weichen für das Achtelfinale gestellt, wo sie durch ein knappes 0:1 an England scheiterte.

Doch zuvor schon bremste die Niederlage gegen Deutschland (0:3) im letzten Gruppenspiel in Berlin nicht die fortwährende Siegerlaune im Quartier zu Füßen der fränkischen Rhön. Die Partie zwischen beiden Ländern feierten Fans aus Ecuador und Deutschland gemeinsam in Bad Kissingen.

Als WM-Beauftragter von Studio Mainfranken des Bayerischen Fernsehens berichtete ich über das Turnier sowohl für Magazine und aktuelle Programme des BR wie auch für Sendungen innerhalb der ARD. Schon lange vor Beginn der WM traf ich Organisationschef Franz Beckenbauer in Frankfurt, Kanzlerin Angela Merkel beim DFB und Ende des Jahres den neuen Bundestrainer Joachim Löw sowie den Manager der Nationalmannschaft, Oliver Bierhoff, zu einer WM-Bilanz.

Fortlaufend suchte ich die WM-Quartiere der vier Nationen auf, die in Unterfranken wohnten und sich dort auf ihre WM-Partien vorbereiteten. Ghana wählte Würzburg als Standort, Kroatien reiste nach Bad Brückenau, die Tunesier wohnten in Schweinfurt.

Den meisten „Stoff“ für Beiträge lieferte indes Ecuador in Bad Kissingen – aus sportlicher wie auch aus kultureller Sicht. Mit Erlebnissen und Bildern, die unvergessen bleiben werden. 

Dazu lieferte ich Berichte aus Deutschland für die „Prager Zeitung“, wie damals schon seit 15 Jahren wöchentliche Praxis. Und ich schrieb Beiträge für das größte tschechische Sportmagazin „Hattrick.“

Aus dieser umfänglichen beruflichen wie persönlichen Erfahrungen mit der Weltmeisterschaft 2006 konstatiere ich im Rückblick: Nichts, rein gar nichts wird übertrieben, wenn heute noch in höchsten Tönen von dieser Fußball-WM vor 20 Jahren in Deutschland geschwärmt wird. Und es wird auch überhaupt nichts verklärt, wenn dieses Turnier als Sommer-Märchen in die Geschichte der größten Fußball-Turniere einging. Bezieungsweise in die Geschichte von Großereignissen generell.

Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und behaupte: Nie war es schöner, in Deutschland zu leben, als während dieser vier Wochen im Sommer 2006! Diese Freude, diese Toleranz, diese Weltoffenheit machten diese Weltmeisterschaft zu einem unvergesslichen Erlebnis. Gar zu einem Idyll. Erst recht aus heutiger Sicht…

Wetter, Stimmung, Lockerheit von Gastgebern und Teilnehmern bescherten zwischen dem 9. Juni und dem 9. Juli 2006 eine beschwerdefreie Zeit wie nie zuvor in diesem Land. Und wie nie mehr danach. Selbst Dauernörgler, unter Deutschen bekanntlich häufig zu finden, verstummten für ein paar Momente. Ich kenne auch niemand, der nicht mit Begeisterung an diese Weltmeisterschaft im eigenen Land zurückdenkt.

Tschechien bestritt schon Länderspiele gegen Kleinst-Verbände wie San Marino oder die Färöer, noch nie jedoch gegen Ecuador. Trotzdem verbindet beide Fußball-Länder eine Gemeinsamkeit: Ihre Fans wie Mannschaften hatten ebenfalls großen Anteil daran, dass diese WM zu einem Fest wurde. Eben zu einem wochenlangen Märchen im Sommer 2006.