Enttäuschte Tschechen, frustrierte Deutsche. Ihre Nationalteams sind bei den WM-Spielen im Juli in Nordamerika schon nicht mehr dabei. Trotzdem werden auch in vier Jahren wieder Millionen im Stadion oder vor Bildschirmen mitzittern und bei der nächsten Weltmeisterschaft ihre Nerven aufs Spiel setzen. Deutschlands bekanntester Fanforscher, Professor Harald Lange, entschlüsselt schon lange die „Faszination Fußball.“
Tschechien in der Vorrunde raus, Deutschland gleich danach und schon zum dritten Mal nacheinander bei einer WM frühzeitig gescheitert. „Kennen“ Fans nun die Nationalspieler nicht mehr, wollen sie – zumindest für gewisse Zeit – nichts mehr mit diesen Losern zu tun haben?
Der klassische Fan der deutschen Nationalelf ist ein Erfolgsfan. Das konnte man bei dieser WM erleben. Die Vorfreude darauf war noch am Tag des Eröffnungsspiels praktisch bei Null. Die WM kam in Deutschland erst nach dem zweiten Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste mit dem späten Siegtor an. Das löst bei anderen Fans, die ab der ersten Minute an dieser WM interessiert und emotional dabei waren, natürlich Stirnrunzeln aus. Der Erfolgsfan lässt sich nur dann darauf ein, wenn es richtig rund geht. Und nur dann, wenn auch gewonnen wird. Jetzt, wo die deutsche Elf im Sechzehntelfinale verloren hat und raus aus dem Turnier ist, wird sich keiner von diesen Event-Fans in nächster Zeit wieder blicken lassen.
Was bedeutet dies konkret für die nahe Zukunft?
Ich prognostiziere, dass der DFB in den nächsten zwei, drei Jahren größte Probleme haben wird, selbst Stadien mit einer mittelgroßen Kapazität von 40.000 Zuschauern zu füllen. Man wird nach Sinsheim und in noch kleinere Stadien ausweichen müssen, um wenigstens 20.000 Fans zu bekommen.

Um WM-Spiele in Nordamerika sehen zu können, verkaufte ein Fußball-Fan in England ein Haus, in Argentinien löste einer den Ausbildungsfonds seines Sohnes auf. Und vor Ort in Nordamerika zahlen Fans nicht selten 2.000 und mehr Dollar für ein Ticket. Warum interessieren sich Menschen dermaßen für eine WM – ja, für den Fußball generell?
Es ist für Menschen, die nicht selbst emotional so verstrickt sind, in der Tat schwer nachzuvollziehen, warum Menschen bei einem Erfolg himmelhochjauchzend durch Straßen ziehen. Fraglos ein von der Norm abweichendes Verhalten. Wenn man sich aber vom Spirit des Fußballs und von der Spannung des Wettkampfes, von der Bedeutung des Gewinnens oder auch Verlierens infizieren lässt, dann wird man selbst von Leidenschaft erfasst, fiebert mit, identifiziert sich mit dem, was auf dem Spielfeld passiert – und irgendwann hält man es selbst für das Wichtigste, was auf der ganzen Welt passiert. Und dann gewinnt man auch ein Gefühl dafür, warum sich Fans in emotionalen Momenten so extrem verhalten. Man hat es hierbei mit purer Psychologie zu tun.
Es ist bereits vorgekommen, dass WM-Zuschauer ihre Fernseher aus dem Fenster warfen. Streit in Familien ist während einer WM nicht unüblich, die Nerven liegen blank bei Spielen. Selbst medizinische Probleme werden in Kauf genommen: Zuweilen Herzinfarkte vor dem TV-Gerät, manchmal gar Todesfälle. Woraus sich die Grundsatzfrage ergibt: Warum tut man sich eine WM überhaupt an?
Wer eine medizinische Indikation hat, etwa Herzinfarkt gefährdet ist, der weiß in den meisten Fällen darum. Und auch, wie er sich verhalten muss.
…weshalb der frühere DFB-Präsident Egidius Braun während eines Spiels immer ein Musikinstrument bediente, weil er die Spannung nicht aushielt und für sich selbst medizinische Risiken sah.
Das ist nicht anders als bei Hitze, wo man die Sonne meiden und viel trinken soll. Auch beim Fußball ist eigenes Stressmanagement gefordert. Man muss tunlichst aufpassen, dass man sich nicht zu sehr aufregt und sich nicht emotional soweit hinreißen lässt, dass plötzlich gesundheitliche Folgen eintreten. Doch Menschen sind oft so: Sie wissen um Probleme, machen daraus aber nicht unbedingt effektives Handeln. wir trinken ja auch weiter Alkohol, obwohl der Arzt uns davon abrät. Und auch beim Fußball suchen Menschen eben zuweilen Stresssituationen, obwohl sie das meiden sollten.

A propos Alkohol: In Tschechien sagen viele Fans, dass Fußball und Bier einfach zusammengehören. Dient dies auch der eigenen Beruhigung?
Das ist eher ein Lifestyle-Thema, schon historisch bedingt. Es gibt ja auch die berühmte Bratwurst, die im Stadion zu einem Spiel und zum Fußballerlebnis gehört. Wie eben auch die Kiste Bier im Garten oder gleich neben dem Fernseher, wenn Fußball läuft. Das ist Tradition – nicht nur in Tschechien, sondern in ganz Europa. Deshalb werden zu Fußballspielen ja auch gesellige Runden einberufen, mindestens in der Familie, oft auch mit der Nachbarschaft oder Freunden. Das Bier und sein Konsum unterstreichen dabei sozusagen den geselligen Anlass. Gleichwohl ist der Bierkonsum – zumindest in Deutschland – seit Jahren rückläufig. Das kann man auch bei Fußballspielen in Kneipen oder beim Public Viewing deutlich beobachten.
Stichwort Public Viewing: Wie wichtig ist das Gemeinschaftserlebnis bzw. die Gruppenzugehörigkeit beim Fußball?
Wir alle haben eine große Sehnsucht: Wir sehnen uns nach einer möglichst großen Gemeinschaft. Und zwar nach einer mächtigen, starken, Sicherheit gebenden Gemeinschaft. Ein Fußballspiel ist ein Anlass, der Gemeinschaft und Sicherheit massiv auf die Probe stellt, weil bei jedem Spiel auch viel Unsicherheit mitschwingt. Es kann das oder jenes passieren – und genau das macht jedes Fußballspiel so interessant. Schon Sepp Herberger merkte an, dass Leute deshalb zu einem Fußballspiel gehen, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht. Wenn im Spielverlauf diese Unsicherheit mehr und mehr genommen wird und ein Siegtreffer erst in der Nachspielzeit erzielt wird und Gewissheit in letzter Sekunde einkehrt, dann kommt die kollektive Erkenntnis: Das haben wir jetzt gewonnen! Dann entlädt sich Spannung und all die, die mit einer Mannschaft mitgefiebert haben, vereinen sich zu einer Gemeinschaft. Dieses Gefühl mündet dann oft in eine gemeinsame Party, um es noch weiter auszukosten.
Warum eigentlich? Fans bekommen keine Siegprämien, gewinnen keine Titel – sie haben also im Prinzip nichts vom Sieg einer Nationalmannschaft. Doch trotzdem dann diese (gemeinsame) Freude im Erfolgsfall…
Das ist psychologisch hochgradig spannend: Wenn die Spieler am Ende gewonnen haben, dann gehört ihr Jubel ausschließlich der Bedeutung, die das Ergebnis hat. Und dem Kampf, der vorangegangen ist. Die Unsicherheit über den Ausgang löst sich positiv auf: Wir haben das Spiel gewonnen! Doch nicht ein Millimeter wird auf den materiellen Gedanken verwendet. Es geht in diesem Moment um die pure Freude am Wettkampf und am Sport – und genau das teilen sich die Fans in diesem Augenblick mit den Spielern. Auch die denken in diesem Moment nicht an die vielen tausend Euro, die sie für diesen Sieg bekommen. Es geht vielmehr um die Emotionalität, die man im Moment des Sieges – gemeinsam – erleben kann.

Bei einer WM interessieren sich plötzlich Menschen für Fußball, die damit sonst nicht viel am Hut haben – was ja oft auch für Spiele von kleinen Vereinsmannschaften gegen einen großen Gegner gilt, bei denen plötzlich Zuschauer im Stadion sind, die nicht einmal wissen, in welchen Trikots ihre Heimmannschaft antritt. Ist es eine Art von Gruppenzwang, bei solchen Spielen oder jetzt auch bei der WM unbedingt dabei sein zu wollen oder zu müssen, um selbst interessant zu sein und mitsprechen zu können?
Es ist für solche Zuschauer ein angesagtes Gesellschafts- und Medienthema und damit eine Chance, gesellig zusammen zu kommen und im Fall des Erfolgs gemeinsam feiern zu können. Auch wenn bei ihnen die Leidenschaft für den Fußball oder Fankultur fehlt. Man trifft sich, weil sich nun einfach die Gelegenheit dazu ergibt, zumal jetzt im Sommerloch. Man vergnügt sich und verbringt seine Freizeit mit Fußball, bis man in den Urlaub fährt und wieder andere Interessen hat.
Man will also einfach nur dazu gehören, selbst wenn man keine Ahnung von Fußball hat?
Was mehr und mehr auffällt: Parallel zu einer Event-Fan-Kultur entdecken auch Influencer, Politiker und andere Größen des gesellschaftlichen Lebens in Scharen den Fußball und die Nationalelf. Mit Kolumnen, social-media-Beiträgen oder Auftritten im Fernsehen. Mit persönlichen, manchmal gar ulkigen und oft nicht sehr sachkundigen Beiträgen. Sie machen daraus eine sehr platte, Event orientierte Erzählung.
…haben sich nicht gerade Politiker früher schon gerne den Fußball populistisch zunutze gemacht?
Es ist in dieser ausgeprägten Form tatsächlich ein neues Phänomen – was mir zu dieser WM ganz besonders auffällt.

Auch diese WM hat in Tschechien und Deutschland wieder TV-Zuschauer im sehr hohen Millionenbereich. Sind Fußball-Länderspiele das letzte Lagerfeuer einer Nation, was alle eint. Sogar politische Lager, die sich ansonsten im Hass verbunden sind?
Das ist eine romantische verklärte Floskel, die ich nicht teile. Das mag noch in den 1950er bis 1970er Jahren gegolten haben. Doch die Kommerzialisierung des Fußballs und die Verflachung hin zu einem Event-Fußball haben maßgeblich dazu beigetragen, dass dieses Feuer mehr und mehr gelöscht wurde.
Es brennt für Sie auch nicht bei einer WM, trotz dieser vielen Millionen TV-Zuschauer?
Dieses Zusammenkommen ist ja nicht nachhaltig. Sie könnten ja auch alle zum Ballermann nach Mallorca reisen und dort gemeinsam eine schöne Zeit haben und abfeiern. Sie machen es nun eben im Anschluss an Fußballspiele, auf Plätzen und in Straßen der großen Städte. Doch der Anlass ist austauschbar, es könnte auch um ganz was anderes gehen. Hauptsache, man kann feiern.
Für Sie ist ein Lagerfeuer also nur dann ein Lagerfeuer, wenn es nicht nur während eines Spiels 90 Minuten lang brennt.
Es brennt ja im Sinne von Leidenschaft. Es wird warm an einem Ort, an dem ich mich versammle und Geschichten erzählt und weitergegeben werden. Wo Freundschaften und Sicherheit entstehen. Da passiert viel, an einem Lagerfeuer. Mittlerweile ist es nur noch eine Art von Neonlicht, unter dem alle eine Zeitlang feiern. Dann wird dieses Neonlicht wieder ausgeknipst.
Wie eben jetzt, durch das Ausscheiden der Tschechen und Deutschen bei der WM.
Da diese Mannschaften früh ausgeschieden sind, ist die WM zumindest in Deutschland nach meiner Einschätzung sofort vorbei. Um beim Lagerfeuer zu bleiben: Schon am nächsten Tag ist keine Glut mehr zu sehen, mit der man das nächste Lagerfeuer entfachen könnte. Es sei denn, man schaltet dieses Neonlicht wieder irgendwann ein, mit einer anderen Leuchtstoffröhre.
Wir leben in einer Zeit voller Krisen. Ist diese WM für Menschen auch eine Möglichkeit zur Flucht aus dem Alltag.
Keine Flucht, sondern eine Ablenkung. Aber auch sie ist wiederum wenig nachhaltig. Wenn ich nach dem Spiel aufwache, merke ich schnell, dass alle Sorgen immer noch da sind. Und es sind immer noch die gleichen. Zumindest war es schön, für ein paar Tage lang. Ich habe nicht Maischberger gesehen, sondern ein Fußballspiel. Zwar war das Spiel genauso flach wie eine Unterhaltungsshow, aber ich konnte dabei ein paar Halbe trinken und hatte anschließend einen tiefen Schlaf.
Wie viele Spiele haben Sie bisher bei dieser WM gesehen, aus professionellen Gründen oder als Fan des Fußballs?
Bislang nur die Spiele der deutschen Elf. Auch dabei hatte ich jedoch meinen Laptop in Betrieb und machte mir Notizen. Andere Spiele sah ich nur in Zusammenfassungen und in Analysen. Schon vor dem Ausscheiden der Deutschen war ich ganz froh, dass ich meine Zeit anders genutzt habe. Diese WM hat mich bisher nicht in den Bann gezogen. Mal gucken, welche Paarungen nun im Achtelfinale oder Viertelfinale gespielt werden. Das Endspiel gucke ich allerdings sicher, egal wer im Finale steht. Ich tippe darauf, dass ein Außenseiter dort mitspielt, den wir überhaupt nicht auf der Rechnung haben – und das wird dieser WM eine besondere Note geben.
Zur Person: HARALD LANGE
Professor Lange besetzt seit 2009 den Lehrstuhl für Sportwissenschaft an der Universität Würzburg. Er ist Gründer des Instituts für Fankultur e.V. und seit 2006 Dozent an der Trainerakademie des Deutschen Olympischen Sportbundes in Köln. Zuvor war er u.a. Professor für Sportpädagogik an einer Pädagogischen Hochschule und Gastprofessor für Sportpädagogik und -didaktik an der Universität Wien. Den wissenschaftlichen Schwerpunkt seiner Arbeit bildet das menschliche „Sich-Bewegen.“ Konkret bearbeitet er Themen im Umfeld der Konzeption, Implementation und Evaluation bewegungsbezogener Bildungsprozesse in verschiedenen Settings (Fankultur, Soziales Lernen, Bewegungsbildung, Coaching, Gesundheitsport und Leistungssport). Harald Lange hat mehr als 250 wissenschaftliche Arbeiten publiziert, darunter 50 Bücher und Sammelwerke.