Tragen Sie Ihr Trikot bei der Fußball-WM in Nordamerika nur während eines Spiels? Dann sollten Sie an den Lehrsatz von Weltmeister-Trainer Sepp Herberger denken: Ein Spiel dauert 90 Minuten. Lediglich 90 Minuten! Glatte Verschwendung also, ein Trikot nur in dieser Zeit anzuziehen. Außerdem gibt es im Sommer kein bequemeres Kleidungsstück – auch aus tschechischen Quellen.

Trikots sind leicht und angenehm auf der Haut, dazu strapazierfähig und einfach zu waschen. Und eine Freude für die Ehefrau, weil sie nicht gebügelt werden müssen. Vermutlich sind diese Trikots aus all diesen Gründen auch so teuer. Abgesehen davon, dass offen zur Schau gestellte Identifikation ihren Preis hat.

In jedem Fall ist ein Trikot die beste Möglichkeit unter allen Bekleidungsangeboten, um zumindest halbwegs durch die heiße Jahreszeit zu kommen. Für mich sogar die einzige Möglichkeit. Ich bin nur bis höchstens 21 Grad Celsius „hitzefest.“ Wobei jedoch gilt: Wenn schon, denn schon – also nur Originaltrikots! 

Ich halte auch ein Set aus Tschechien vorrätig. Das Trikot der Nationalelf sowieso, ebenso eines von FC Hradec Králové. Es war das Geschenk eines Freundes, der dort wohnt und für den Klub arbeitete.

Ausdruck von Solidarität ist, dass ein Trikot von ABC Branik – im Outfit wie Argentinien oder 1860 München – in meinem Schrank hängt. Denn meine Wohnung liegt in Prag 4. Es repräsentiert deshalb meine Verbundenheit mit dem Ort und seinem Klub.

Möglicherweise war ich der erste Ausländer, der ein Trikot von ABC kaufen (und tragen) wollte. Denn obwohl der Fanshop auf dem Sportgelände schon geschlossen hatte, kümmerte sich eine zufällig anwesende Mitarbeiterin noch darum und suchte im Klubgebäude von ABC, das erst vor kurzem errichtet wurde, unverzüglich nach einem Teil in meiner Größe.

Doch sie, wie auch ein anwesender Trainer, gaben mit ernster Miene zu bedenken: Nur noch ein Trikot mit Rückennummer 13! Der Trainer runzelte die Stirn, und ich gebe zu: Eigentlich ein No go. Bei 13 bin ich abergläubisch. Nach ausreichend negativen Erfahrungen mit Zahl und Datum.

In diesem Fall ging es aber um Lokalpatriotismus. Im Gegenzug erklärte sich der Coach bereit, noch an Ort und Stelle ein Foto zu knipsen.

Im letzten Sommer habe ich meinen Bestand durch ein Trikot des FC St. Pauli ergänzt. Und zwar jenes, das die Kiezkicker bis Ende der Saison 24/25 trugen, bevor es durch ein längsgestreiftes neues ersetzt wurde – was sie indes nicht vor dem Abstieg in diesem Jahr bewahrte.

Mein Kauf hatte weniger mit dem Klub zu tun. Entscheidend war, dass ich immer einen unbändigen Hunger auf Schokolade bekam, sobald ich die Paulianer in diesen Trikots im Fernseher sah – auf Zartbitter, wegen seiner dunklen Hälfte, und auf Nuss-Nougat, wegen der hellen Seite.

Angeblich hieß auch noch dieses Modell „Espresso“-Trikot, wie verschiedentlich zu lesen oder hören war. Espresso ist über den Tag mein Lieblingsgetränk. Also ein Grund mehr. Zudem hatte ich Glück, dass ein Händler das Auslaufmodell im Internet zu einem attraktiven Preis anbot.

Mit meiner Assoziation von St. Pauli-Trikot und Schokolade lag ich nicht falsch. Ich fand sie sogar in einer Bäckerei bestätigt, in der ich erstmals einkaufte. Nämlich mit dieser Backware:

Keine Überraschung also. Im Gegensatz zur Resonanz, auf die ich in den folgenden Wochen selbst bei wildfremden Menschen stieß. Auf offener Straße. Oder in Eisdielen. Dort kamen zwei Buben auf mich zu, ebenfalls in Pauli-Trikots, und ernannten mich umgehend zu ihrem Bruder.

Am Kassenhäuschen vor einem Stadion zückte ein Besucher sein Feuerzeug, das ein Emblem des FC St. Pauli zierte. Ein langjähriger Bekannter, der gerade sein Fahrrad am Zaun des Stadiongeländes befestigte, begrüßte mich nicht wie sonst mit Namen, sondern mit dem lauten Ausruf: „Pauli!“

Später im Stadion traf mich – am Eingang zu den Gästekabinen – auf der Schulter ein heftiger Schlag aus riesigen Pranken. „Tolles Trikot“, strahlte Florian Stritzel, Torhüter des SV Wehen Wiesbaden. Seine Begeisterung klang ehrlich, obwohl ich zunächst vermutete, dass sie mit einem Überschuss an Adrenalin zusammenhing. Stritzel hatte gerade erst – in der 97. Spielminute – einen Strafstoß pariert. Wie wenige Tage zuvor schon im Pokalspiel gegen Harry Kane von Bayern München, der jeden Elfmeter verwandelt. Eigentlich.

„Prima Verein“, urteilte ein paar Wochen später Rachid Azzouzi, Manager von Alemannia Aachen. Obwohl er als Sportdirektor bei St. Pauli nach nicht allzu langer Zeit entlassen wurde. Als der VfL Osnabrück zu Gast war, zog ich das Trikot sicherheitshalber nicht an. Denn Trainer dort ist Timo Schultz – und ich fürchtete, mit diesem Teil die Pressekonferenz zu sprengen, sobald Schulz das Pauli-Trikot entdecken würde. Denn er war nicht nur elf Jahre lang Coach in St. Pauli, sondern stieg als Spieler gleich zweimal mit dem Klub auf, bis in die Bundesliga.

Ein Trikot des FC St. Pauli lässt augenscheinlich niemand kalt. Selten wurde es schweigend betrachtet, stattdessen meist mit deutlichen Stellungnahmen betrachtet. Nicht immer ging es dabei um den Verein. Ein Fan lobte den Sponsor. Congstar. Das Trikot sei ihm egal. Der Verein auch. Aber der Sponsor: Toll.

„Dieser pseudo-linke Klub“, ätzte hingegen der Kollege einer Lokalzeitung. Ich nahm es ihm nicht übel, er ist bekennender HSV-Fan. Also ein „Pfeffersack.“ Zur Beruhigung reichte ich ihm eine Praline, die ich in einem Fachgeschäft entdeckt hatte…

Am nächsten Tag fragte ich bei der Presseabteilung des FC St. Pauli nach. Mit ihr hatte ich gute Erfahrungen gemacht, als ich vor ein paar Jahren ein Interview mit dem „Pauli-Tschechen“ Filip Trojan für einen Bericht in der „Prager Zeitung“ vereinbarte. Ob es üblich sei, auf ein Trikot von ihnen so häufig angesprochen zu werden, wollte ich wissen. Nämlich fast täglich. Und überall. Im Gegensatz zu all meinen anderen Trikots, von denen in der Regel kein Mensch Notiz nimmt.  

Das Schreiben verfasste ich in einem Café. Wichtiger als die Antwort der Presseleute war jedoch, dass ich dort auf den passenden Kuchen zum Trikot stieß.

Und ich hatte noch eine Frage an sie: Ist es üblich, dass Reaktionen auf ein Trikot des FC St. Pauli praktisch immer positiv ausfallen? Erstaunlicherweise gab es fast keine ablehnende Stimme. Nur einer, ein einziger, positionierte sich klar gegen St. Pauli – eben der HSV-Fan aus dem Stadion. Dazu lehnte eine Bekannte das Trikot mit der Begründung ab, dass mir die Farbe braun nicht stehen würde…

Obwohl es keine ideologischen Gründe waren, weshalb ich dieses Trikot erwarb, hege ich durchaus Sympathie für den Underdog unter den deutschen Klubs. Dies drückte ich in einem Artikel aus, den ich vor fast 20 Jahren bereits für das Magazin „11freunde“ über den Prager Klub Viktoria Žižkov schrieb:

Ob’s solch ein Feedback wie auf St. Pauli jetzt auch auf WM-Trikots gibt? Kaum zu glauben, dass das neue Auswärtstrikot der deutschen Elf ein Renner wird. Ich kenne dieses dunkelblau sehr gut. Es erinnert mich an einen Schlafanzug, den ich vor Jahrzehnten nutzte. Auch dessen Oberteil hatte Aufdrucke – Sterne, glaube ich. Passt wiederum zu einem DFB-Trikot. Vielleicht hatte der zuständige Sachbearbeiter im DFB und/oder beim Ausrüster früher den gleichen Schlafanzug wie ich…

Trotzdem sind Partien bei einer Fußball-Weltmeisterschaft immer Festspiele für Trikot-Hersteller. Sie hoffen rund um das Turnier in Nordamerika auf Umsatzrekorde. Der Boom für den Sportfachmarkt, eh schon milliardenschwer, zu einer WM ist hinlänglich bekannt.

Wirklich neu ist, dass nun auch Autohersteller für diese Zeit mit Zusatzgewinnen rechnen. Dies lehrt mein St. Pauli-Trikot ebenfalls. Denn selbst ein Auto könnte man sich – mit etwas Phantasie – in seinen Farben kaufen.

Womit für die nächsten Wochen endgültig gilt: Trikot am Körper lassen. Entweder das weiß-bunte der deutschen Elf. Oder das rote der Tschechen. Und falls es noch immer eine Hemmschwelle gibt, den Alltag in solch einem Shirt zu bestreiten, lohnt erneut die Reminiszenz an Sepp Herberger. Nämlich an einen weiteren Grundsatz von ihm: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Immer.