Sein Ruf als „Bad Boy“ hängt Jermaine Jones bis heute an. Daran ändern auch mehr als 70 Länderspiele für die USA und die deutsche Nationalelf nichts. Für seine erste Trainerstation in Deutschland wählte er Fast-schon-Absteiger FC Schweinfurt 05. Ab sofort sucht Jermaine Jones einen neuen Klub. Laut eigener Angabe „in Europa“. Warum nicht in Tschechien?

Als Sie im Februar den Trainerjob bei Schweinfurt 05 antraten, hatte die Elf schon 17 Punkte Rückstand auf den Nichtabstiegsplatz 16, der Abstieg war quasi besiegelt. Ein Himmelfahrtskommando – und irgendwie passend zu Ihrem Image: Nie aufgeben, immer aufstehen. Trotzdem: Was konnten Sie dort gewinnen?

Ich habe es als große Herausforderung für meine erste Trainerstation angesehen. Ich sah die Chance, diese Mannschaft wieder aufzuwecken. Außerdem wollte ich mir ein Urteil über die dritte Liga bilden. Es war ja alles Neuland für mich, deshalb habe ich nicht allzu lange darüber nachgedacht, ob ich den Job annehme. Nach einem Vierteljahr sage ich jetzt: Es war richtig, dass ich es gemacht habe.

Mit Ihrer Erfahrung aus 72 A-Länderspielen für die USA und Deutschland, 23 Champions-League-Partie und 165 Bundesligaspielen: Welche Grundidee von Fußball geben Sie als Trainer weiter?

Ich war lange in der Kabine, als Spieler, und weiß daher, dass vieles über Leidenschaft und Ehrlichkeit geht. Ich bin sehr direkt und spreche Dinge offen an, will den Spielern helfen. Ich habe große Freude daran, nicht nur mit Fußballern zu arbeiten, sondern mit Menschen, die Fußball spielen. Diese Grundeinstellung liegt mir sehr am Herzen. Früher schien es weit weg, dass ich Trainer werde, aber genau diese menschliche Seite interessiert mich jetzt sehr: Wie kann ich einzelne Spieler auf ein Niveau bringen, auf dem sie sich selbst nicht sehen? Wie kann ich sie motivieren, auf dem Platz und auch daneben? Hier setzt meine Arbeit an.

Im Februar 2012 spielten Sie mit Schalke 04 gegen Viktoria Pilsen in der Europa-League. An diese Partie vor 14 Jahren werden Sie sich kaum noch erinnern…

…doch, das war diese Mannschaft in rot-blauen Trikots. Wie ging das Spiel aus?

…das Hinspiel endete 1:1 in Pilsen. Danach sah alle Welt bereits Schalke im Achtelfinale. Doch Sie forderten Respekt vor dem Gegner fürs Rückspiel. Respekt – hängt das auch mit Ihrer Herkunft zusammen? Sie sind als Sohn einer deutschen Mutter und eines US-Soldaten in einem sogenannten Brennpunktviertel in Frankfurt aufgewachsen, wo Sie früh lernten, sich durchzukämpfen.

Definitiv! Ich habe diese Gegend immer geschätzt und mag sie immer noch. Sie hat mir viel beigebracht fürs weitere Leben: Disziplin, harte Arbeit, Träume hegen und verwirklichen – alles Tugenden, die weiterbringen und zeigen, was wichtig ist und was nicht. Ich habe in diesem Viertel Frankfurt-Bonames als kleiner Junge immer davon geträumt, Fußball in den höchsten Ligen zu spielen. Das habe ich geschafft. Jetzt versuche ich, an Spieler weiterzugeben: Man kann träumen und sich Ziele setzen, braucht dafür aber Fleiß und eben diese erwähnten Tugenden.

Ist Respekt auch ein Leitfaden für Ihre Arbeit als Trainer oder verlangen Sie umgekehrt: Jeder muss Respekt vor Ihrer Elf haben? 

Man sollte gegenüber jedem Menschen Respekt haben. Man sollte auch jedes Fußballspiel mit Respekt beginnen. Wie jede Arbeit. Doch dann musst du dir über dein Spiel 90 Minuten lang den Respekt der Gegner erarbeiten. Am Ende sollen sie sagen: Hut ab, die andere Mannschaft war besser.

Im Internet kursieren immer noch Berichte über „Bad Boy“ Jones. Weil Sie 2012 den Gladbacher Marco Reus vorsätzlich auf seinen verletzten Fuß traten und dafür acht Wochen gesperrt wurden. Oder über Ihren Tritt 2005 an dem am Boden liegenden Bayern-Verteidiger Valérien Ismael. Oder über den Faustschlag 2009 an Mark van Bommel in einem Laufduell. Wie viel „Bad Boy“ steckt noch im Trainer Jones? 

Es gibt zwei verschiedene Phasen und zwei verschiedene Menschen im Leben von Jermaine Jones: Den Fußballer und den Privatmann. Ich war und bin jemand, der immer gewinnen will. Wer mit mir gespielt hat, hatte mich immer gerne in seiner Mannschaft, weil er wusste, dass ich immer alles gebe. So ist es jetzt auch als Trainer. Aber klar, man wird älter und sieht jetzt, dass man vielleicht auch Fehler gemacht hat. Aber eines ist klar: Ich werde mich nicht verbiegen lassen.

Also weiterhin „Bad Boy“?

(schmunzelt) Ich muss immer lachen, wenn ich dieses Image über mich höre. Dabei kennen mich die wenigsten persönlich. Das meiste, was geschrieben wurde, passierte ja auf dem Platz. Ich brauchte dies, um meine Leistungen zu bringen. Ich habe es geliebt, unter Druck zu spielen und auch, dass mich die Leute ausgebuht und ausgepfiffen haben. Das war Motivation für mich, und es hat mich als Fußballer weit gebracht. Es hat aber nichts damit zu tun, wie ich jetzt coache oder mit den Spielern umgehe. Und auch nichts mit meiner Person.

Tatsächlich hat man Sie in Schweinfurt nahbar erlebt, offen in Gesprächen, auch gegenüber Journalisten. Ihre Familie war bei Heimspielen öfters im Stadion. Wie ist die Person Jermaine Jones wirklich?

Okay, ich bin in einem Brennpunktviertel aufgewachsen. Aber: Ich hatte noch nie Probleme mit der Polizei, zum Beispiel. Und okay, ich habe auch ein paar Tattoos, möglicherweise haben sie das Image mitgeprägt. In den USA hätte ich vermutlich einen Oscar dafür bekommen, weil ich den „Bad Boy“ so gut gespielt habe. Wer mich kennt oder kennenlernt, sagt oft, dass ich ziemlich ruhig sei, ganz anders als früher im Fernsehen. Ich finde, es ist nicht schlimm, wenn man zwei Persönlichkeiten hat.

Entwickelt ein Trainer irgendwann Sympathie, gar Liebe für ein Team? Oder gilt auch für Sie der Spruch des alten Lehrmeisters Udo Lattek: Profis sind in erster Linie Drecksäcke!

Ich sage es so: Alle Spieler sind Egoisten, es geht nur um sie selbst. Und das müssen sie auch sein, weil Fußball ein schnelllebiges Geschäft ist und es um ihren eigenen Erfolg geht. Ein Trainer dagegen gibt, er nimmt nicht. Für ihn geht es um die Mannschaft. Er muss die Spieler verbinden, damit sie sich als Egoisten nicht gegenseitig die Köpfe einhauen.

Sie waren während der Partien von Schweinfurt 05 stets sehr engagiert an der Seitenlinie. Bekommt ein Spieler auf dem Platz überhaupt Anweisungen von dort mit?

Ich glaube schon, dass Spieler mitbekommen, was ich an der Seitenlinie anweise. In der dritten Bundesliga ist auch nicht jedes Stadion so voll und so laut, dass man mich nicht versteht. Gerade wenn ich eine junge und nicht so erfahrene Mannschaft betreue wie hier in Schweinfurt, kann ich sehr gut helfen, weil ich gewisse Sachen einfach früher sehe. Zum Beispiel Phasen, in denen wir pressen, weil ich die Situation früher lesen kann. Außerdem bin ich ein emotionaler Mensch, ich liebe den Fußball, würde am liebsten selbst noch auf dem Platz stehen. Das geht nicht mehr, also renne ich die Seitenlinie rauf und runter und bin dort voller Energie dabei.

Unai Emery, viermal Gewinner der Europa-League, gastierte 2009 mit dem FC Valencia bei Slavia Prag. Er gab während dieses Europa League-Spiels fortlaufend Handzeichen wie ein Polizist im Straßenverkehr. Ist sowas für den Trainer auch Selbstzweck zur eigenen Beruhigung?

Selbst in einem Stadion mit -zigtausend Zuschauern können Spieler während eines Europa-League-Spiels hören, was ein Trainer ruft. Vielleicht nicht alles, aber einiges. Es ist auch nicht immer nur wichtig, was ein Trainer brüllt. Denn es gibt ein gegenseitiges Gefühl zwischen Trainern und Spielern. Sie sehen oft, was er sagen möchte. Da genügen schon Handzeichen, um zu signalisieren: Kommt nach hinten, geht nach vorne, rückt ein Stück raus. Auch damit vermittelt ein Trainer Informationen. Wenn sich ein Trainer tatsächlich beruhigen will, ist es am einfachsten für ihn, wenn er sich auf seinen Trainerstuhl im Stadion setzt.

Im November 2011 spielte Pep Guardiola mit der Übermannschaft von Barcelona gegen Viktoria Pilsen in der Champions League. Wer ist mehr Lehrmeister für Ihre Trainertätigkeit: Ballbesitzfetischist Guardiola, der defensiv denkende Mourinho oder Liverpool-Legende Klopp?

Alle können als Vorbilder dienen. Wobei ich weniger auf ihr System gucke, sondern danach, wie sie mit Menschen umgehen. Auf dem Platz hat sich Pep jetzt verändert und geht mehr ins Umschaltspiel. Klopp macht extrem viel Gegenpressing, Mourinho kann Mannschaften sehr gut auf den jeweiligen Gegner einstellen und ist dabei variabel. Als Trainer kannst du dir von jedem was abschauen, dafür gibt es ja extra Plattformen für uns. Sie helfen, eigene Ideen zu entwickeln und ein Training aufzubauen.

Und welcher Trainer hat Ihnen auf Ihren zahlreichen Stationen als Spieler am meisten gegeben?

Ich hatte viele gute Trainer, ob es nun Friedhelm Funkel war oder Ralf Rangnick oder Jürgen Klinsmann und Jogi Löw bei den Nationalmannschaften. Von allen kann man lernen und sich was mitnehmen für die eigene Arbeit. Ich habe für alle Phasen meine Ideen.

A propos Jürgen Klinsmann: Gleich nach der WM 2014 bestritten die USA ein Testspiel in Prag unter seiner Leitung. Zwar fehlten Sie damals im Kader, spielten aber wenige Wochen zuvor noch unter Klinsmann bei der WM in Brasilien. Er ist zuvor als Klubtrainer bei Bayern München gescheitert. Konnten Sie dennoch etwas von ihm für Ihre Arbeit in einem Klub lernen?

Jürgen Klinsmann ist ein supernetter Mann, sehr diszipliniert. Am Anfang haben ja einige über ihn den Kopf geschüttelt, doch über die Jahre haben viele gemerkt, dass er früh interessante neue Ideen in den Sport gebracht hat. Im Fußballgeschäft ist es schwierig zu sagen, dass jemand gescheitert ist. Manche Ideen funktionieren, manche nicht. Ein Trainer sitzt auf einem heißen Stuhl, das wissen wir alle. Wenn Dinge klappen, sagen alle: Super. Wenn nicht, muss der Trainer meistens gehen. Diese Erfahrung musste Klinsmann auch machen. Für meine Arbeit als Trainer kann ich einiges von ihm aufnehmen: Den Sinn für Ordnung, den Aufbau von Trainingseinheiten – da macht er einen sehr guten Job.

Unter Ihrer Leitung holte der FC 05 Schweinfurt in 13 Spielen elf Punkte, zuvor war es in 24 Spielen nur zehn Punkte. Und in der Rückrundentabelle ist der Klub nicht mehr Letzter, sondern auf Platz 18. Trotzdem stehen Sie nun als Trainer eines Absteigers in den Annalen. Eine Belastung für die Zukunft – oder gehen Sie davon aus, dass der Name Jermaine Jones schwerer wiegt als die kurze Zeit bei Schweinfurt 05? 

Ich gehe positiv in die Zukunft. Egal, wie es hier ausgegangen ist. Es war im Februar zwar rechnerisch noch nicht durch, aber keiner hat erwartet, dass der Abstieg noch zu vermeiden ist. Dafür war der Rückstand auf Platz 16 einfach zu groß. Doch wir spielen jetzt so Fußball, dass viele nun denken, wenn Jones früher gekommen wäre, dann wäre vielleicht doch der Klassenerhalt möglich gewesen. Ich bin froh, dass ich die Aufgabe hier übernommen habe. Ich habe in Schweinfurt viele nette Leute getroffen. Nein, ich sehe nicht, dass die Station Schweinfurt 05 meinen Ruf beschädigt oder für die Zukunft geschadet hat.

Mit diesem Engagement haben Sie sich jetzt quasi ins Schaufenster gestellt, doch die 56 Trainerstellen in den drei deutschen Bundesligen sind heiß begehrt. Sie erklärten bereits, für Angebote aus Europa offen zu sein. Ist daher auch ein Angebot aus Tschechien für Sie interessant?

Ich bin offen für Angebote. Ich sehe mich in Europa um und entscheide dann, ob es Sinn macht und ob ein Projekt Spaß machen würde. Da bin ich offen für alles.

Im August 2004 traten Sie mit Bayer Leverkusen in der dritten Runde der Qualifikation für die Champions-League beim tschechischen Meister Banik Ostrava an – dem Klub der späteren Champions League-Sieger Milan Baroš (Liverpool) und Marek Jankulovski (Milan)…

(nickt) …Ja, kenne ich.

Banik steckt in dieser Saison im Abstiegskampf, allerdings nicht so aussichtslos wie Schweinfurt 05. Wäre solch eine Herausforderung für Sie wieder reizvoll oder sollte es als nächstes doch eine Mannschaft sein, die im Meisterschaftsrennen mitmischt? Wie die beiden großen Prager Vereine oder Viktoria Pilsen – wenn denn Tschechien.

Wichtig ist für mich, dass eine Idee und ein Plan dahinter stecken. Ich kommentiere für einen US-Sender in den nächsten Wochen Spiele bei der WM in Nordamerika, höre mir aber auch während dieser Zeit gerne Angebote an.

Nochmals konkret nachgefragt: Künftig lieber ein Verein wie Ostrava, also wieder Abstiegskampf, oder eher wie in Prag, also Meisterrennen?

Es geht nicht um den Blick nach oben oder nach unten in der Tabelle. Mir geht es in erster Linie um das Potenzial. Es gibt Vereine, die unten stehen, aber das Potenzial haben, nach oben zu kommen. Beispiel Tottenham in England: Sie stehen zwar unten, sollten mit ihren Möglichkeiten aber eigentlich viel weiter oben mitspielen. Wenn man drei, vier Spiele gewinnt, dann ist man unten weg und hat vielleicht nächste Saison eine gute Chance, wieder weiter oben anzugreifen. Man muss abwägen, was möglich ist.

Das klang jetzt eher nach Ostrava als nach Prag.

Ich werde kein Projekt auf Anhieb ablehnen. Man weiß nie im Leben, was als nächstes passiert. Aber ich mache mir keine Gedanken über etwas, das noch nicht zu entscheiden ist. Wenn morgen ein Angebot auf den Tisch kommt, dann sehen wir weiter.