Macht er sich heute zum Größten aller Zeiten? Dank Lionel Messi hat Argentinien wie 2022 das Finale der WM erreicht – für ihn selbst schon das dritte WM-Endspiel. Kann er den Titel verteidigen, noch mit 39 Jahren? Erinnerungen an Messis Auftritt in Prag im Herbst 2011, den die „Prager Zeitung“ vor fünf Jahren veröffentlichte und nun in aktualisierter Form nochmals publiziert.

Seinen 39. Geburtstag feierte Messi im Juni, knapp zwei Wochen nach Beginn der Fußball-WM in Nordamerika. Die WM-Statistiken weisen für ihn bisher aus: Ein Viertel der Spielzeit stand Messi auf dem Feld, in zwei Dritteln ging er spazieren, zwölf Prozent der Zeit joggte oder lief er mehr oder weniger schnell. Ein Sprint von ihm wurde in nur 0,1 Prozent der Spielzeit gemessen.

Doch das genügt Lionel Messi noch immer vollauf, um ein Spiel zu lesen, nach Lücken zu suchen, zielgenaue Pässe und spielentscheidende Flanken zu schlagen – wie im siegreichen Halbfinale gegen England. Mit acht Toren und vier Vorlagen führte Messi die Argentinier als ihr Kapitän erneut in ein WM-Endspiel. Seinem Alter zum Trotz. Die Bilanz eines Fußball-Genies!

In Prag ist er erst 24, als er am 1. November 2011 die gegnerischen Defensivreihen durcheinander wirbelt – und bereits ein Phänomen. Anlass für seinen Auftritt ist eine Champions League-Partie seines FC Barcelona beim tschechischen Meister Viktoria Pilsen. Weil das Stadion dort nicht tauglich für Partien in der höchsten europäischen Spielklasse ist, treffen sich die Klubs im Prager Eden-Stadion, eigentlich Heimstätte von Slavia Prag.

Ein Dauerläufer sei Messi nicht, gibt sein Trainer Pep Guardiola schon damals zu Protokoll. Immer wirke er so, als würde er nur gemütlich über den Platz schlendern. Sobald er jedoch den Ball habe, ändere sich alles schlagartig, dank seines Überblicks und Spielverständnisses für Mitspieler und freie Räume.

Schon auf dem Zenit…

Auch deshalb wähnen viele den kleinen Argentinier bereits auf dem Zenit seines Leistungsvermögens, als er im Herbst 2011 in Prag antritt. Denn vor allem dank seiner Leistungen gewann der FC Barcelona schon im Jahr 2009 alles, was man im Profifußball überhaupt gewinnen kann: Champions League, Klub-WM, spanische Meisterschaft, Pokal und Supercup, europäischer Supercup. Sechs Titel in einer Spielzeit – bis dahin einmalig. Für Messi selbst gab‘s gar noch eine siebte Trophäe: Weltfußballer des Jahres.

Im folgenden Jahr schoss er Barca mit 34 Toren quasi allein zum spanischen Meister, sicherte sich 2010 zudem erstmals den Goldenen Schuh für den besten Torjäger Europas. Und 2011 sammelte er prompt nochmals sechs Titel: Champions League, Klub-WM, spanischer Meister, europäischer Supercup sowie zwei persönliche Ehrungen für sich als bester Spieler Europas und erneut als Weltfußballer – zum dritten Mal nacheinander. Als erster Profi überhaupt.

Die Besten aller Zeiten

Nie habe er gegen ein besseres Team gespielt als gegen diesen FC Barcelona, sagte der große und mit vielen Titel gesegnete Coach Alex Ferguson nach dem Champions League-Finale im Mai 2011. Sein Klub Manchester United verlor dieses Endspiel mit 1:3 und war damit noch gut bedient. So beeindruckend spielte Barca in jenen Jahren seine Gegner an die Wand. So überzeugend war Leo Messi bei seinen Auftritten.

„Die beste Elf aller Zeiten“, schrieb der „Kicker“ folgerichtig über den FC Barcelona in einer Vorschau auf die Europacup-Saison 2011/12. Die Elf zelebriere einen „betörend schönen Fußball“ und sei zudem auch noch erfolgreich. Wer könne sie „je aufhalten“, fragte das deutsche Fachblatt. Und Lionel Messi ist Spielmacher und Torjäger zugleich.

Der Ball als „großer Zeh“

Der Ball immer ganz eng am Fuß, als ob er ein verlängerter großer Zeh wäre. Finesse und Finten, Tricks und Tore, so definiert sich Messis Spiel. Der Ausnahmekönner schlängelt sich durch gegnerische Abwehrbeine wie ein Skiläufer durch Slalomstangen, lupft und köpft, ist überall und trotzdem für seine Gegner nie zu stellen. Leo Messi demonstriert, in einem Satz, die Leichtigkeit des fußballerischen Seins – frei nach dem Roman des Tschechen Milan Kundera.

Wenn er in höchstem Tempo in Richtung gegnerisches Tor sprintet, erinnern seine kleinen schnellen Schritte an Stiche einer Nähmaschine. Doch Lionel Messi fügt nicht zusammen, er reißt auseinander. Nämlich die Abwehrreihen seiner Gegner. So auch an jenem kühlen November-Abend 2011, an dem er mit dem FC Barcelona gegen Viktoria Pilsen aufläuft.

Messi will immer, kann immer

Die Katalanen können sich in diesem Spiel vorzeitig den Einzug ins Achtelfinale der Champions League sichern. Dementsprechend sind fast alle Welt- und Europameister, die für Barca spielen, auf dem Spielfeld. Lediglich der geniale Mittelfeldstratege Xavi fehlt, der nie eine persönliche Auszeichnung erhielt und deshalb von sich selbst sagt, dass er eben „Weltfußballer macht“. Also Messi.

Doch Lionel Messi spielt in der tschechischen Metropole. Er spielt immer, er will immer, er kann immer. „Wenn man ihn nicht spielen lässt, ist er stinkig“, sagte Trainer Guardiola. Das bestätigte auch Messis Vater bei jeder Nachfrage.

Tor auf Tor

Als Lionel Messi den Prager Rasen betritt, geht ein Raunen durchs Publikum. Er schlägt beim Aufwärmen nicht wie sein Vorgänger Diego Maradona den Ball im Mittelkreis dreimal hoch in die Luft, ohne sich dabei von der Stelle zu bewegen. Er jongliert ihn auch nicht über den Rasen, bis er seiner überdrüssig wird. Stattdessen erweist sich Messi zu diesem frühen Zeitpunkt noch als Teamplayer im Kreis seiner Mitspieler.

Mit dem Anpfiff wird jedoch sofort deutlich, wer der Superstar im Eden-Stadion ist. Vor allem seinetwegen dominiert Barca. Pilsen hat kaum etwas dagegen zu setzen. Messi führt knapp 20.000 Zuschauern vor Augen, dass niemand auf der Welt besser Fußball spielen kann als er. Am Ende steht ein klarer 4:0-Sieg für die Katalanen. Mit drei Toren von Leo Messi:

24. Minute. Messi wird von Čišovský im Strafraum von den Beinen geholt, der Slowake sieht dafür Rot. Der Gefoulte schießt den Elfmeter selbst, schiebt locker an Torhüter Pavlík zur Führung ein. Das 200. Tor von Messi für Barcelona. 1:0 für die Gäste.

45. Minute +1. Messi macht das 2:0. Nach einem Doppelpass mit Adriano im Strafraum zieht der Argentinier aus acht Metern ab, Pilsens Keeper ist ohne Chance.

90. Minute. 4:0 für Barca. Nach dem Kopfballtreffer von Cesc Fàbregas zum 3:0 vollendet Messi einen Dreierpack. Piqué bedient ihn mit der Hacke, der Argentinier umkurvt den Keeper und schiebt ein. Tor 202 von Messi. Maradona hatte mit 24 Jahren „nur“ 196 Treffer geschossen.

Das Volk auf den Stadionrängen jubelt, das Szenarium im Eden-Stadion ähnelt Brot und Spielen aus der Römerzeit. Messis Auftritt ist dermaßen überwältigend, dass ich meine Eindrücke von ihm und diesem Spiel für die Prager Zeitung geradezu zwangsläufig in Form einer Glosse wiedergeben musste:

Auf Messis Schneide

Wenn der beste Fußballer der Welt zu Gast ist, machen Städte immer einen demütigen Kniefall vor ihm. Nicht so Prag. „Hej, Messi“, titelte eine Fachzeitung vor dem Champions-League-Spiel zwischen Pilsen und Barcelona respektlos zur Begrüßung. Was heißen sollte: „Schön, dass du da bist. Aber halte dich bitte zurück!“

Denn Lionel Messi bereitet nichts als Probleme. Entweder er seziert Barcas Gegner mit Tempo-Dribblings und Doppelpässen messischarf. Oder er spaltet eine Elf allein schon wegen seines Trikots. Wie Pilsen.

Schon vor dem Hinspiel in Barcelona bekundete Václav Pilař seinen natürlichen Anspruch auf den Dress, weil er in Tschechien ja als Mini-Messi gilt. Bekommen hat das Trikot jedoch Milan Petržela, weil er sich bereits in der Halbzeit mit dem Messionar für höchste Fußball-Kultur ins Benehmen gesetzt hatte. Im Gegenzug für den Tausch versprach der Pilsner Angreifer, im Rückspiel eine 100-prozentige Chance allein vor dem Barca-Torhüter liegen zu lassen. Was er auch verlässlich erfüllte.

In dieser Partie sorgte der Superstar des FC Barcelona für größte Unordnung im Pilsner Strafraum und machte damit seinem Namen alle Ehre. Mehrfach ging er dabei durch die Abwehrkette des tschechischen Meisters wie ein Messi durch die Butter.

Wegen der Trikot-Affäre stand der Mannschaftsgeist bei Viktoria Pilsen tagelang auf Messis Schneide. Doch Leo selbst löste die Spannungen. Nachdem er seine Mession bereits in der ersten Hälfte mit zwei Toren erfüllt hatte, gab er Pilař sein Trikot gleich mit dem Pausenpfiff. Und nachdem mit seinem dritten Tor kurz vor Ende die Messi endgültig gelesen war, beglückte er auch noch Pilsens Verteidiger František Rajtoral mit einem Shirt.

Damit kehrte endlich wieder Ruhe in den Reihen der Westböhmen ein. Ewiger Dank sei dem Messias.

Messis Auftritt in Prag führt zu einem Hype selbst unter erfahrenen Reporterkollegen. Nicht allein unter seinen ständigen Begleitern, den spanischen Radio-Kommentatoren, die auch dieses Spiel live in die Heimat übertragen und wieder einmal so laut in ihre Mikrofone brüllen, dass sich tschechische Kollegen auf den Presseplätzen mehrfach erschrocken nach ihnen umdrehen. Vor allem nach den Toren von Messi: „Gooool, Gol, Gol, Gol, Goooooooool. Messiiiiiiiiii!“

„Einfach nur schön“, schwärmt neben mir ein Kollege der Bild-Zeitung, der extra aus Dresden angereist ist. „So schön!“ wiederholt er. Und weist nachdrücklich darauf hin, dass seine Bewunderung nicht nur den Torabschlüssen von Messi gilt. Sondern auch darauf, wie er das Spiel von Barca aufzieht und prägt.

Ohne (echte) Worte

In der sogenannten Mixed Zone des Stadions warten Berichterstatter nach Abpfiff auf Aussagen der Spieler. Messi ist dort wie immer, also eher wortkarg. Mit den üblichen Phrasen, „dankbar für den Sieg, ein gutes Spiel von uns“ undsoweiter. Trotzdem wirkt ein tschechischer Kollege geradezu beglückt darüber, dass er nun „zwei Minuten Messi“ auf seinem Tonband gespeichert hat. Was bei ihm fast so klingt, als habe er einen Sechser im Lotto.

Zu dem Zeitpunkt hat Barca-Trainer Pep Guardiola oben im Presseraum des Stadions bereits seine Spieltag-Konferenz begonnen. Fragen von Journalisten zu Messis (erneuter) Glanzvorstellung beantwortet er ebenso einsilbig wie lapidar. Auf Spanisch, Englisch und Katalan. Guardiola streicht sich ein wenig durch den Bart, knetet zuweilen nachdenklich sein Gesicht, wie so oft bei Interviews und Pressekonferenzen. Was soll er schon sagen zur Leistung seiner Elf – und zu Messi? Schließlich hat wieder jeder gesehen, welch Genius dieser Argentinier ist.

„Killer“ Messi

„Zabiják MESSI“, überschreibt das tschechische Fachblatt Sport am nächsten Tag seinen Spielbericht: „Killer Messi“. Am Ende dieser Saison 2011/12, in der Barca in Prag gegen Viktoria Pilsen antritt, wird er unfassbare 50 Tore allein in der spanischen Liga für seinen Klub erzielt haben!

Gerade in dem Moment, als Lionel Messi den Platz betrat, klingelte mein Handy. Meine Frau teilte mir mit, dass meine Großmutter in Deutschland verstorben war. Sie wurde genau 100 Jahre alt und war ihr Leben lang ein großer Fußball-Fan. Und sie wusste um meine Leidenschaft für Prag. Dass sie ausgerechnet an dem Tag starb, an dem der vielleicht größte Fußballer aller Zeiten im Eden-Stadion eine große Show auf den Rasen zauberte, hätte sie sicher gefreut.

Gestärkt durch Niederlagen

Doch wie viele Niederlagen musste Lionel Messi auf dem Weg zum besten Spieler aller Zeiten einstecken…? Dreimal scheiterte er bei einer WM-Endrunde an Deutschland, sowohl 2006 wie 2010 und (im Finale) 2014. Als er danach auch noch die Copa América-Endspiele 2015 und 2016 gegen Chile verlor, erklärte Messi frustriert (und verständlicherweise) seinen Rücktritt aus der Nationalelf.

Er ließ sich zu einem Comeback überreden. Zum Glück für Argentinien – und für ihn selbst. Mit Beginn der 2020er Jahre führte er seine Nationalelf zu einer Siegesserie: 2021 Gewinn der Copa América, 2022 dritter Titel für die Gauchos bei der WM, 2024 erneut Triumph bei der Südamerika-Meisterschaft. Womit Argentinien nicht nur den Dauerkonkurrenten Brasilien abhängte, sondern auch mit Spanien gleichzog, dessen Nationalmannschaft von 2008 bis 2012 Europameister-Weltmeister- Europameister wurde.  

Messi bestreitet heute sein drittes WM-Finale, bei insgesamt sechs Teilnahmen an Weltturnieren. Es wird sein 34. WM-Spiel sein, mehr als jeder andere. Davon gewann er 23 Partien, mehr als jeder andere. Er ist der älteste Feldspieler, de je in einem WM-Finale antrat. Während dieses Turniers überbot er bereits den alten WM-Torrekord von Miroslav Klose, bis zum Finale hat er bereits 21 Tore bei Weltmeisterschaften erzielt. Magic Messi!

Kein Feldspieler lief bei dieser Weltmeisterschaft 2026 im Schnitt weniger als er. Doch keiner war gleichzeitig erfolgreicher als er. Welch gnadenlose Effizienz! Leo, ein Fußballgott – wie der ebenfalls große Zlatan Ibrahimovic, einst Messis Mitspieler in Barcelona, bereits in einem Interview huldigte. Fürwahr, Lionel Messi hätte den WM-Titel heute noch einmal verdient.