Liegt’s am komplizierten Namen, dass heute fast nur noch Experten und Fans von Prager Literatur den Schriftsteller Johannes Urzidil kennen? Dabei war er ein sehr typischer Prager – durch die Arbeit wie sein Leben. Und zugleich „hinternational“, nach eigener Einschätzung. Zum 130. Geburtstag von Urzidil erinnert Stefan Samerski an den fast vergessenen bzw. nicht mehr allzu vertrauten Intellektuellen mit einer (kleinen) Biografie.
In ein paar Tagen stellen Sie in Prag Ihre Biografie über Johannes Urzidil vor. Das Buch hat nur 28 Seiten. Ich vermutete zunächst einen Druckfehler des Verlags. Gibt Urzidil nicht mehr her?
Er gibt natürlich mehr her, aber wer nimmt solch große „Schinken“ heutzutage noch in die Hand…? Urzidil ist eine Person, deren Biografie und literarisches Schaffen noch weiter erforscht werden muss. Mir ging es in erster Linie darum, diesen Urzidil wieder bekannter zu machen. Und was liegt dafür näher, als ein kurzes, griffiges und leicht lesbares Büchlein herauszubringen?

Sie sind katholischer Theologe und Kirchenhistoriker und haben schon eine Biografie über Johannes Paul II. geschrieben. Auch Johannes Urzidil wollte als kleiner Junge Papst werden, wie er einmal erzählte. Doch er stammte aus einer deutsch-jüdisch-tschechischen Familie – wie viele in der Vielvölkerstadt Prag vor dem Ersten Weltkrieg. Warum ist gerade er für Sie als katholischer Geistlicher ein interessantes Forschungsobjekt?
Er war bekennender Katholik und hat eine Jüdin geheiratet. Urzidil selbst sagte, durch den Austausch mit seiner Frau sei sein Glaube gewachsen, wie auch der von seiner Frau. Ein zweiter Aspekt war für mich der sudetendeutsche. Ich habe viel mit der sudetendeutschen Akademie der Wissenschaften zu tun (lacht), und da passt Urzidil genau ins Bild. Ich will nicht „abgegraste Wiesen“ erneut mähen, sondern Neues in den Fokus stellen.
Wieso passt Urzidil in dieses „sudetendeutsche Bild“? Er wohnte ja in Prag und nicht im Sudetenland, wie etwa Adalbert Stifter.
Richtig, Prag gehörte im engen Begriff nicht zum Sudetenland, war aber doch kulturell eng damit verbunden. Und zwar dadurch, dass die Stadt ja bis 1938 deutsch und tschechisch geprägt war.
Urzidil war mit den wichtigsten deutschen Größen des Prager Literaturbetriebes vor dem Zweiten Weltkrieg bekannt, oft auch befreundet. Aus heutiger Sicht und bei all dem Erfolg der Kafkas und Rilkes bis zum heutigen Tag: War Urzidil als Schriftsteller mehr Freund denn Rivale?
Er machte Prager Schriftsteller mit Sicherheit bekannter. Die Bekanntheit von Kafka in den USA ist vor allem Urzidil zu verdanken. Er hat ihn in literarischen Gesellschaften präsent gehalten und sorgte dafür, dass Kafka dort gelesen wurde. Urzidil war der jüngste unter den Schriftstellern des so genannten „Prager Kreises“ (Professor Samerski ordnet dem Kreis mehr Schriftsteller zu als Max Brod, für den nur die vier Freunde Franz Kafka, Oskar Baum, Felix Weltsch und er selbst zu diesem Kreis gehörten und Ludwig Winder später Kafka ersetzte, wie Brod in seinem Buch „Der Prager Kreis“ ausführte, Anm.d.Red.). Als er dazu stieß, war die große Zeit von vielen bereits vorbei. Mit der Gründung der Tschechoslowakei nach dem Ersten Weltkrieg gab es einen ersten Aderlass, bekannte Schriftsteller verließen damals das Land. Insofern konnte es keine Konkurrenz untereinander geben. Zumal Franz Kafka ja auch schon 1924 starb, auf den Urzidil einen Nachruf hielt. Urzidil wurde zu einer Art Nachlassverwalter vieler Schriftsteller.
Urzidil war zweisprachig, kannte auch tschechische Intellektuelle wie die Brüder Josef und Karel Čapek oder Jan Zrzavý gut. Gewürdigt wird noch heute, dass er als Publizist ein Vermittler zwischen Deutschen und Tschechen war. Das wird freilich über viele erzählt. Wieso trifft es gerade auf ihn zu?
Das hängt damit zusammen, dass er in den 1930er Jahren als Pressereferent an der deutschen Botschaft tätig war und viele Artikel über das Prager Kulturleben für die deutsche Presse schrieb. Ebenso für Schweizer und englischsprachige Blätter. In seiner ersten Lebenshälfte wirkte er vor allem als Publizist. Und damals lebte er ja auch noch in Prag und konnte dort vermitteln.

Tatsächlich ungewöhnlich gegenüber anderen Schriftstellern aus Prag ist bei Urzidil seine politische Arbeit: Er war 15 Jahre im diplomatischen Dienst des Deutschen Reiches (1918 im deutschen Generalkonsulat, von 1922 bis 1933 in der deutschen Botschaft in Prag), dann mit der tschechoslowakischen Exil-Regierung unter Edvard Beneš in England in Kontakt, nach dem Krieg für den Sender „Voice of America“ tätig, eher ein politisches als publizistisches Organ. Waren das nur „Brot-Jobs“ für ihn oder war er mehr als andere Autoren Prags auch ein politischer Kopf?
Aus meiner Sicht diente dies eindeutig dem Broterwerb. Urzidil musste schlicht und einfach Geld verdienen, seine Frau ernähren und dafür brauchte er den relativ sicheren Job an der deutschen Botschaft. Dort war er finanziell abgesichert. Von seiner Schriftstellerei konnte er hingegen nicht leben, bis in die 1960er Jahre hinein stellte sich für ihn die Existenzfrage. Er wurde lange auch von anderen finanziell unterstützt. Deshalb verdiente er in den USA zunächst seinen Lebensunterhalt durch Arbeit im Lederhandwerk.
Es gab also keine erkennbare politische Seite an ihm?
Urzidil war kein politischer Schriftsteller, schon gar kein politischer Aktivist. Er musste natürlich auch Rücksicht auf seinen Job in der deutschen Botschaft nehmen. Nach 1933 hat er in Artikeln zuweilen Stellungnahmen abgegeben, wenngleich sehr vorsichtig. Zum Beispiel, als er sich 1938 gegen den Anschluss von Österreich an das Deutsche Reich aussprach. Aber das waren nur Bemerkungen in kulturpolitischen Arbeiten und keine dezidiert politischen Artikel.
Ein spannender Begriff bei ihm ist „hinternational“, womit sich Urzidil in seinem 1960 erschienenen Erzählband „Prager Triptychon“ selbst charakterisierte. Soll bedeuten: Hinter den Nationen und nicht über- oder unterhalb. War er ein früher Europäer, jemand, der die Ideologie des Nationalismus aus dem 19. und 20. Jahrhundert überwinden wollte?
Unbedingt. Auch durch seine Herkunft, durch die Wechsel der Regime in seiner Heimat. Urzidil stand immer auf der Seite der Schwächeren. Seine Sympathie lag bis 1918 bei den Tschechen, er wurde auch Staatsbürger der neuen Republik. Dort sah er dann aber die Deutschen in der Rolle der „Unterdrückten“, weshalb er sich auf ihre Seite stellte. Das kippte natürlich komplett nach 1933, ab da bevorzugte er die wieder die tschechische politische Kultur. Als Deutschland nach 1945 am Boden lag, stand er erneut auf seiner Seite. Eine Konstante gibt es bei ihm allerdings: Er veröffentlichte fast immer auf Deutsch, da fühlte er sich sicher im Ausdruck.
Sein weiterer Lebensweg ist ebenfalls typisch für viele Prager Schriftsteller: Ab 1939 Flucht über Italien und England bis 1941 nach New York ins Exil. Obwohl abgeschnitten von seinen Lesern, blieb er dort und kam nie mehr nach Prag zurück, anders als etwa Kisch. Haben Sie eine Begründung dafür gefunden?
Johannes Urzidil war so klug und hat auch geschrieben, dass er bei einer Rückkehr nach Prag vom kommunistischen Regime vereinnahmt würde. Was vor allem in den 1960ern Jahren passiert wäre, als er international bekannt wurde. Thomas Mann hat es anders gemacht, er fuhr in den 1950er Jahren nach Weimar und wurde erwartungsgemäß von der DDR-Führung zu Propagandazwecken benutzt.

Warum war gerade Urzidil der „große Troubadour jenes für immer versunkenen Prag“, als den ihn einmal der große Gönner Max Brod bezeichnete? Was auf manch anderen Autoren ja genauso zutreffen könnte, nicht zuletzt auf Brod selbst.
Vor allem wegen seiner Liebe zur Heimat, seiner Liebe zu Prag. Das ist in seinen Veröffentlichungen erkennbar, diese biografisch gespiegelten Erinnerungen. Es sind persönliche Erlebnisse, die er beschreibt. Und das macht er mit großer Liebenswürdigkeit und innerer Wärme. Deshalb bringt es dieser Begriff „Troubadour“ tatsächlich auf den Punkt.
Erst Mitte der 1950er Jahre – da war er schon 60 Jahre alt – kam plötzlich sein Durchbruch auf dem deutschsprachigen Buchmarkt. Warum sollte man seine Literatur heute noch kennen?
Gerade heute ist es spannend, ihn zu lesen. Nicht nur, weil es Spaß macht, weil er humoristisch ist. Seine Werke sind auch voller Lebensweisheiten. Und das alte Prag entsteht eben vor den Augen des Lesers neu. Besonders wichtig finde ich jedoch seine Konzeption von Heimat, von zwischenstaatlichen Beziehungen und dem Miteinander der Völker. Das macht ihn heute besonders aktuell.
Was ist in dieser Hinsicht seine Kernaussage?
Urzidil versteht Heimat nicht geografisch, nicht als Ort, wo man geboren ist und Vorfahren lebten. Vielmehr ist Heimat für ihn dort, wo Leute zuhause sind und sich verstehen. Als Zugehörigkeit zu einem Kulturkreis, wo gemeinsame Werte vorhanden sind und man sich aufgehoben fühlt. Das Nationale ist nachgeordnet. Insofern war für ihn Europa ein Haus, in dem man leben konnte, weil es die christlich-humanitären Werte verkörpert. Er nutzt explizit den Begriff Heimat, nachdem und obwohl er auf der Flucht war und im Exil lebte, und sagt konkret, dass man Heimat finden kann.
Ist es vor allem das, was Johannes Urzidil besonders macht?
Urzidil ist mittlerweile auf deutscher Seite mehr oder weniger vergessen, anders als in den 1970ern Jahren. Mit ihm kam man jedoch vieles erklären, eben zum Beispiel den Heimatbegriff, den Verlust von Heimat, die Verarbeitung von Exil oder den Sinn von gutnachbarschaftlichen Beziehungen. In dieser Hinsicht ist Urzidil in der Tat ein Lehrmeister. Er hat den deutsch-tschechischen Brückenschlag quasi schon im Mutterblut.
Im Nachwort Ihres Buches erklären Sie, dass eine Biografie über Urzidil erst noch geschrieben werden muss. Was vermuten Sie: Wie lange wird diese Biografie, wenn eine größere Seitenzahl zur Verfügung steht?
Das kommt auf den Schriftsteller an. Ich vergleiche es mit Dissertationen: Für mich ist eine Doktorarbeit gut, wenn sie weniger als 300 Seiten umfasst. Nun könnte der Einwand kommen, dass nur 300 Seiten etwa für Bismarck nicht genügen würden. Doch das jüngste Beispiel, eine Biographie Adenauers, lehrt, dass auch alles über ihn in weniger als 300 Seiten passte. Für mich gilt das Motto: In der Kürze liegt die Würze!

Zur Person: STEFAN SAMERSKI
Samerski studierte katholische Theologie, Geschichte und Kunstgeschichte in Bonn und Rom. Er ist promovierter und habilitierter Kirchenhistoriker, seit 2007 außerplanmäßiger Professor für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit an der LMU in München, Gastprofessor an zahlreichen Universitäten und Forschungsinstituten sowie Professor für Kirchengeschichte am Priesterseminar Redemptoris Mater Berlin, einer Zweigstelle der Päpstlichen Universität Gregoriana.