Tschechische Artisten bereicherten immer wieder sein Programm. Das Internationale Varieté-Festival ist laut Veranstalter Dirk Denzer das größte seiner Art in Europa, mit 100 Artisten aus aller Welt und ungewöhnlichen Rahmenbedingungen. Ein Fest der Freude und der Sinne, das seinen Besuchern im Mai zumindest ein paar Stunden lang Live-Shows statt „Kopfkino“ bietet, angesichts all der Probleme dieser Zeit.

Sie bezeichnen Ihr Event als „größtes Varieté-Festival“ auf dem Kontinent. Woran machen Sie diesen Superlativ fest?

Allein schon daran, dass es kaum Varieté-Festivals in Europa gibt. Zwar existiert noch ein kleines Festival in Paris, allerdings nur in einem Theater mit 300 Sitzplätzen. Außerdem fand eine Zeitlang eines in Spanien statt. Für die Kunstform „Varieté“ gibt es jedoch sicher kein Festival, das sich mit unserem vergleichen lässt. Außerdem definiert sich diese Größe durch unser Zelt, mit Platz für 1.200 Besucher. Und ich mache es an der Bühne fest: Wir bauen die größte Varieté-Bühne Europas auf, diesmal mit einer Breite von 10 Metern und einer Tiefe von 16 bis 18 Metern.

Wird auch das Programm diesem Anspruch zwischen 6. und 16. Mai im Park des Balthasar-Neumann-Schlosses von Werneck gerecht?

Wir bringen 100 Künstler aus 15 Nationen innerhalb von zehn Tagen an den Start. Sie agieren in verschiedenen Motto-Shows auf dieser Bühne. Darin geht es um „Traumwelten“, um „Varieté Lebensfreude“ sowie um „Varieté Lachen Machen“. Wir haben Akrobatik, Comedy, Luftartistik, Jonglage, Magie und fantasievolle Performances im Programm. Alles zusammen ergibt eine Größe, die das Festival aus meiner Sicht einzigartig in Europa macht.

Festival-Veranstalter Dirk Denzer

Das Festival findet seit 2004 in der Regel nur alle drei Jahre statt. Warum organisieren Sie es als größtes in Europa nicht in einer Großstadt wie München oder Berlin? Also dort, wo mehr Menschen leben und wo Sie schon aufgrund der Bewohnerzahl ein größeres Publikum erreichen könnten.

Das hängt mit der Entstehungsgeschichte unseres Festivals zusammen. Der Landkreis hier wollte vor mehr als 20 Jahren ein besonderes Kulturevent ausrichten, das eine Strahlkraft für die gesamte Region Mainfranken besitzt. Schon zur ersten Veranstaltung im Jahr 2004 erhielt ich daher enorme Unterstützung von vielen Seiten. Und das war bei den folgenden Festivals nicht anders. Auch jetzt, für die achte Ausgabe, gibt es wieder einen großen Schulterschluss der Region, ganz besonders durch die Unterstützung von politischen Institutionen. Aber auch von Sponsoren.

Auch dafür könnte freilich gelten: Eine größere Stadt beherbergt mehr Firmen als mögliche Sponsoren.

Möglicherweise ja – wenn man bereits die richtigen und notwendigen Verbindungen besitzt. Kultursponsoring hat viel mit Goodwill und persönlichen Kontakten zu tun. Der direkte unternehmerische Wert eines Kultursponsorings lässt jedoch nur schwer messen, wie auch im Sozialsponsoring. Im Sport ist es einfacher, Reichweiten zu bestimmen.

Die Konkurrenz in der Branche ist groß. Es gibt Flic-Flac, den Tigerpalast in Frankfurt und zahlreiche andere Veranstaltungen mit Schwerpunkt Varieté und Artistik. Wie können Sie sich behaupten, im steten Kampf um Publikum?

Wir setzen auf höchstmögliche künstlerische Qualität. Sowohl bei den verschiedenen Acts wie auch mit Blick auf die Inszenierung selbst und das Lichtdesign. Wir bauen dafür eine große Videowand auf, setzen fantastischen Bodennebel ein und eine tolle Lightshow. Wir waren 2004 wohl die ersten, die mit großem Licht, großer Bühne und großer Videoprojektion gearbeitet haben. In der Zwischenzeit ziehen andere nach, doch wir bleiben führend, was die Art der Inszenierung und Präsentation betrifft. Letztendlich entscheidet das Publikum – und es weiß seit mehr als zwei Jahrzehnten, was es bei unserem Festival geboten bekommt.

TJ Wheels: High-Speed-Rollschuhperformance. Foto Alexander Brandl

War die Resonanz in den letzten beiden Jahrzehnten dementsprechend?

Bisher waren alle sieben Festivals ausverkauft, mit jeweils zwischen 12.000 und 15.000 Besuchern. Auch jetzt haben wir schon 10.500 Tickets verkauft und können damit rechnen, dass dieses Festival erneut ausverkauft sein wird. Das bestätigt mir, dass das Publikum immer dorthin geht, wo es sich am besten unterhalten fühlt und hohe Qualität erwarten kann.

Allerdings verfügen viele Haushalte in Deutschland mittlerweile über weniger Geld als früher. Da wird sicher mehr überlegt, ob noch was übrig ist für einen Unterhaltungsabend bei einem Festival.

Natürlich spielt auch die allgemeine wirtschaftliche Lage eine große Rolle. Deshalb finden auch zahlreiche andere Festivals in Deutschland nicht oder nicht mehr statt. Oder sie werden in einem kleineren Rahmen durchgeführt. Zudem halten sich Sponsoren mehr zurück als früher. Ja, für die Kultur ist es insgesamt schwieriger geworden. Dennoch glaube ich: Wer sich bemüht, hat immer eine Chance!

Hat sich auch der Kampf um Artisten verschärft – weil Zirkusunternehmen mittlerweile größtenteils auf Tiere verzichten und deshalb mehr Artisten benötigen?

Es ist tatsächlich sehr viel schwieriger geworden, erstklassige Artisten zu verpflichten, besonders um die Weihnachtszeit. Das merke ich bei meinem Winter-Varieté, das ich in der Orangerie des Schlosses in Fulda organisiere. Dafür besteht mittlerweile ein brutaler Konkurrenzkampf, denn auch Zirkusunternehmen brauchen für ihre Weihnachtszirkusse ein starkes Programm. Jetzt im Mai ist die Situation entspannter. Deshalb halten wir an diesem Monat als Zeit für das Festival fest.   

Baccala Clowns

Wenn man sich das diesjährige Programm ansieht, dann erinnert das Foto von Compagnia Baccalà auf den ersten Blick an das „Schwarze Theater“ in Prag. Ein Trugschluss?

Ja. Das „Schwarze Theater“ in Prag ist so einmalig, so grandios, wir haben größte Achtung vor den Machern dort und ihrer Leistung. Wir kopieren sie auch nicht, es gibt keine Show in diese Richtung.

Wäre ein Auftritt des „Schwarzen Theaters“ im Rahmen Ihres Festivals dennoch denkbar?

Auf der aktuellen Bühne nicht, denn wir spielen mittlerweile auf einer halbrunden Bühne. Doch in den Jahren von 2004 bis 23 hatten wir eine reine Frontbühne, da hätte „Schwarzes Theater“ funktioniert. Man muss ja direkt von vorne auf den Ablauf gucken, sonst stirbt die Illusion. Und in jenen Jahren hatten wir auch kurze Szenen im Programm, die tatsächlich an das „Schwarze Theater“ erinnerten bzw. davon inspiriert waren. Es gibt zudem ja einen Künstler, der eine Zaubershow auf Grundlage des „Schwarzen Theaters“ entwickelt hat. Den hätte ich ebenfalls sofort genommen. 

Dasha aus der Tschechischen Republik. Foto: Alexander Brandl

Sie haben immer wieder Künstler aus Mittel- und Osteuropa verpflichtet. An welche Tschechen erinnern Sie sich gerne?

Wir hatten eine sehr gute Feuerkünstlerin aus Tschechien im Festival, nämlich Dasha. Ebenso traten bei uns hervorragende tschechische Jongleure auf. In diesem Jahr wollten wir den fantastischen Mario Berousek gewinnen, einen der besten Tempo-Jongleure der Welt. Ein grandioser Künstler, der zu dieser Zeit aber bereits ein Engagement hat. Wir konkurrieren ja mit Hauptspielzeiten von „Cirque du Soleil“, wo Weltnummern in 25 Shows weltweit und parallel gezeigt werden.

Was unterscheidet Künstler aus dem Osten von denen aus Westeuropa?

Die Tschechen haben bezüglich Varieté und Zirkus viel zu bieten, wie auch Ungarn oder Bulgarien. Und es gibt immer wieder tolle Künstler aus den östlichen Staaten. Trotzdem ist die Kultur für Varieté dort nicht so ausgeprägt wie beispielsweise in Frankreich, wo ein „Nouveau Cirque“ immens gefördert wurde. Deshalb entstanden dort auch zum Beispiel Nachwuchsschulen für Artisten. Auch Chinesen, Russen oder Ukrainer haben in unserer Branche eine größere Tradition als etwa die Tschechen. Ebenso gibt es tolle Nummern aus Spanien, überhaupt aus Südeuropa. Auch aus Afrika.

Welche Kriterien sind am Ende ausschlaggebend für ein Engagement bei Ihnen?

Für mich ist Originalität entscheidend. Wir wollen unser Publikum immer wieder überraschen. Wenn Artisten grandiose und ungewöhnliche Darbietungen einstudiert haben, sind ihre Chancen sehr groß, bei uns ins Festival-Programm zu kommen.

Gabor Vosteen by Karim Khawatmi

Was bedeutet für Sie „originell“: Sehr waghalsig, besonders humorig?

Es sollte eine einzigartige Idee dahinterstecken. Bei uns tritt diesmal eine Künstlerin auf, die als Waldfee auf die Bühne kommt, als eine Art Kobold, mit zweieinhalb Meter hohen Glockenblumen. Sie pflückt die Blütenstempel dieser Blumen aus einer 60 Zentimeter großen Blüte – und der Stempel ist wie eine Jonglierkeule. Diese Story finde ich toll. Und die Präsentation ist neuartig.

Was zählt noch?

Auch die Ausstrahlung der Künstler spielt eine große Rolle. Und natürlich müssen Sie in unser Konzept passen. Wir spielen ja nicht ein Programm durch, sondern servieren – und das macht uns ebenfalls einzigartig – drei verschiedene Motto-Shows in zehn Tagen. In diesem Jahr lautet ein Motto: Lebensfreude. Also erwarte ich dementsprechend, dass Künstler ihr Programm mit maximaler Lebensfreude zelebrieren. Wir wollen in diesen schwieriger werdenden Zeiten gleichsam auch ein positives Energiefeld bieten – mit den Möglichkeiten und im Rahmen eines Varietéfestes.

Da passt Osteuropa in diesem Jahr weniger ins Konzept?

Tatsächlich versprühen Artisten aus osteuropäischen Ländern in ihren Auftritten oft sehr viel Leid. Ihre Präsentation ist meist Drama, etwa in der Art wie zwei Akrobaten miteinander performen. Das wirkt vielfach sehr ernst, zuweilen noch zusätzlich untermalt von leidvoller Musik. In diesem Festival wollen wir aber genau das Gegenteil, unsere Show „Lebensfreude“ liefert knackige Musik, einen Blick nach vorne und mit Zuversicht. Das soll sich auf der Bühne widerspiegeln. Deshalb wären diesmal Künstler fehl am Platz, die diese Anforderung nicht erfüllen können oder wollen. Auch für die Show „Traumwelten“ braucht es Künstler, die durch ihren Auftritt genau die erzeugen, nämlich eine Traumwelt.

Duo Elja Foto. Stephan Hoyer

Wie kommt es am Ende konkret zu Engagements?

Die meisten Kontakte habe ich, weil ich ja seit vielen Jahren selbst Artist bin. Ich spreche Künstler direkt an, bekomme aber mittlerweile auch viele Bewerbungen. Sogar jetzt noch, kurz vor Beginn des Festivals. Erst heute haben mich drei Mails von Künstlern erreicht, mit Videos und der Frage, ob sie noch bei uns auftreten können. Ich freue mich, wenn auch tschechische Artisten ihre Unterlagen schicken. Zumal ich eine große Affinität zu Prag habe.

Durch eigene Auftritte dort?

Ja, ich wurde mehrfach als Artist für Prag engagiert. Durch einen Manager von Mercedes, der mich als Jongleur und Entertainer für einen Auftritt in einem historischen Saal eines tollen Hotels buchte. Außerdem wurde ich von Siemens für eine Veranstaltung des Unternehmens verpflichtet.

Wenn der Geldbeutel nun tatsächlich nur einen Besuch für eine Show zulässt: In welchen Abend würden Sie gehen?

Das hängt davon ab, was ich mir an meinem Abend wünsche: Wenn ich Livemusik erleben und positive Energie sozusagen „aufsaugen“ will, dann bin ich bei „Lebensfreude“ genau richtig. Wenn ich herzhaft lachen will, dann sollte ich in die Show „Lachen machen“ gehen – ein Abend mit modernen Komikern, Clowns und abgedrehten Typen, Frauen wie Männer. Sie bringen Varieté-Comedy hinreißend auf die Bühne, ob am Reck oder am Trampolin, als Comedians, Jongleure, Zauberer oder Tellerdreher. Das ist der große Vorteil eines Festivals: Besucher können unter den verschiedenen Motto-Abenden genau das Programm auswählen, auf das sie die meiste Lust haben und von dem sie unterhalten werden möchten.

Zur Person: DIRK DENZER

Denzer ist Varieté-Künstler und Showproduzent, Initiator und seit 2004 Veranstalter des Internationalen Varieté-Festivals. Mit seiner Firma Dirk Denzer Performing Arts inszeniert und produziert er seit mehr als 35 Jahren Varieté-Programme und -Shows für Business- und Kulturevents. Gebucht werden sie von nationalen wie internationalen Auftraggebern. Zudem steht Denzer selbst auf der Bühne. Er ist Moderator, Musiker und Jongleur.