Damit hat – trotz aller Niederlagen in dieser Horrorsaison – kaum jemand gerechnet: Der spontane Rücktritt von Markus Wolf hinterlässt einen Klub im Schockzustand. Es gilt nun, nicht nur ein Machtvakuum an der Spitze von Schweinfurt 05 zu füllen. Vor allem stellt sich die Frage nach der finanziellen Zukunft des Traditionsvereins.

Wir haben uns immer mal wieder ausgetauscht, seit ich vor zehn Jahren ein Porträt über ihn für das Bayerische Fernsehen drehte. Entweder unter vier Augen oder über WhatsApp. Markus Wolf war umgänglich im Ton und bodenständig im Auftreten – zumindest gegenüber einem Medienmann.

Obwohl er sich seiner Leistungen als Selfmade-Millionär bewusst war, betonte er sie nie vordergründig. Unverkennbar blieb in unseren Gesprächen immer seine Liebe für den Fußball. Wolf spielte in seiner Jugend in Dinkelsbühl Seite an Seite mit dem späteren Weltmeister Stefan Reuter.

Ich informierte ihn auch stets darüber, wenn ich wieder neue Fans aus Tschechien für den FC 05 gewonnen hatte. Das freute ihn, zumal wenn ich noch Fotos schickte, auf denen sie in Trikots der Grün-Weißen zu sehen waren. Sein Möbelunternehmen hat etliche Kontakte nach Tschechien. Eine große Zahl von Händlern bietet dort seine Handelsware an.

Nun hat der allmächtige Vereinsboss der Schnüdel seinen sofortigen Rückzug aus dem FC 05 verkündet. Tschechische Fans und natürlich noch mehr Anhänger aus der unmittelbaren Umgebung des Vereins fürchten ein Chaos für die Zukunft. Jene sehen sich bestätigt, die schon seit einiger Zeit in sozialen Medien bemerken, dass man „die Hand nicht beißen soll, die einen füttert.“ Andere wiederum glauben, dass es nur noch besser werden könne.

Es war noch nie eine gute Idee, alle Macht eines Vereins in die Hände eines einzelnen zu legen. Wolf stand als Vorsitzender an der Spitze des Gesamtvereins. Er war Geschäftsführer des Fußballbereichs, der in dieser Saison mit dem Aufstieg in die dritte Liga wieder zum Profitum zurückkehrte. Vor allem war er jedoch auch Hauptgeldgeber des Klubs. Damit begab sich der FC 05 vollständig in Abhängigkeit von ihm.

Nun ist genau das eingetreten, was manch nachdenklicher Anhänger schon lange fürchtete: Was passiert, wenn Wolf eines Tages keine Lust mehr auf den Verein hat und sich zurückzieht – und damit auch sein Geld? Solch kritischen Stimmen wurde gerne entgegengehalten, dass er selbst dann einen geordneten Übergang einleiten würde – aus Liebe zum Verein, den er so lange unterstützt und getragen hat.

Diese Hoffnung trog. Doch nur mit dieser Machtfülle war Markus Wolf wohl bereit, sich (und sein Geld) in den Dienst des Klubs zu stellen. Wer zahlt, schafft an: Dieses Motto passt durchaus zu ihm. Wolf wollte diese Macht auch in seinem Bewusstsein nicht teilen, dass es eh keiner besser könne als er. Am Ende wollte er für alle Bereiche zuständig sein: Sportliche Belange, Kaderplanung, Etat, selbst die Ehrung verdienter Mitglieder…

Oft war von einer Million Euro die Rede, die Markus Wolf dem Klub bisher zur Verfügung gestellt habe. Mehr Geld wollte er auch in Zukunft nicht geben. Wolf sprach zuletzt von einer „Ehrenrunde“, die der FC 05 nach dem Abstieg in der Regionalliga drehen wolle, um umgehend wieder in die dritte Liga zurück zu kehren. Das schien auch sein persönliches Ziel. Dorthin, wo Fernsehkameras stehen, vor denen sich Wolf durchaus gerne präsentierte.

Kann man Verständnis für seinen Rücktritt haben? Ja, man kann. In erster Linie, weil sich mit dem Aufstieg sein Traum und sein immer angestrebtes sportliches Ziel erfüllte. Wir diskutierten öfter darüber und ich wies in unseren Gesprächen wie auch in meinen Berichten für den BR oft auf die hohe Verschuldung von Klubs in der dritten Liga hin. Wolf waren jedoch die Fernsehgelder wichtiger, auch wenn der Kader teurer würde. Zudem hoffte er immer auf weitere Sponsoren, um das Boot FC 05 nicht allein durch die Ligen steuern zu müssen.

Nachdem er sich schon seit bald zwei Jahrzehnten für den Klub engagierte, war immer möglich, dass er seinen Einsatz für die Nullfünfer eines Tages einschränkt – oder eben ganz einstellt. Zweifellos hat Wolf über all die Jahre eine Erfolgsgeschichte geschrieben: Zwei Meisterschaften in der Regionalliga, Aufstieg in die dritte Liga, bayerische Pokalsiege und –spiele gegen Klubs aus der Bundesliga, Eintracht Frankfurt und zweimal Schalke 04, sowie zu Beginn dieser Saison gegen Zweitligist Fortuna Düsseldorf.  

Weitere Argumente: Angeblich hat Wolf seinen Lebensmittelpunkt nicht mehr nur in Franken. Es bleibt Spekulation, ob ihm der sportliche Niedergang der Nullfünfer auch wirtschaftliche Nachteile für seine Firma bescherte. Sicher musste sich Wolf deshalb zuweilen manchen Spott bei seinen Geschäftskontakten anhören.

In ein paar Wochen ist diese fürchterliche Saison für den FC 05 zu Ende. Noch immer können die Schweinfurter als schlechteste Mannschaft aller Zeiten in die Geschichte der dritten Liga eingehen – sofern sie nicht noch fünf Punkte aus den letzten fünf Spielen holen, damit sie in diesem Ranking die zweite Mannschaft von Werder Bremen überholen.

Diese Spielzeit hat an Markus Wolf genagt. Er weiß, dass er den Kader überschätzt und sich als sportlich Verantwortlicher damit verschätzt hat. Schon länger kursiert in Fankreisen die Aussage, dass Ex-Nationalspieler in der dritten Liga, etwa in Duisburg oder Aachen, sportliche Kompetenz in die Klubs bringen, aber in Schweinfurt…

Die Anfeindungen aus dem Fanlager gegen ihn, den Allmächtigen im Schnüdel-Kosmos, brachten für Wolf jetzt das Fass zum Überlaufen. Selbst nach Meinung von 05er Spielern hatten sie und nicht die Mannschaft Reife für die dritte Liga. Diese Fans nahmen Aufstiegstrainer Viktor Kleinhenz trotz seiner trostlosen Bilanz weitgehend in Schutz. Selbst noch nach der Heimniederlage gegen Mitaufsteiger Havelse kurz vor Weihnachten, als sie ihn am Schutzzaun vor der Arena zu einem längeren Gespräch „baten“. 

Anders verlief zuletzt ihr Umgang mit dem Vereinschef, dem sie die Hauptschuld an der Ergebniskrise gaben. Das wollte sich Wolf nicht länger bieten lassen. Schon am Dienstag zeigte er sich beim Heimspiel gegen Rot-Weiß Essen nicht mehr im Sachs-Stadion. Dort wurde in einem großen Transparent der Unmut erstmals deutlich vorgetragen.

„Aktuelle Entwicklungen rund um den Verein – unter anderem auch öffentlich sichtbar gewordene Stimmungen und Ausdrucksformen, wie sie zuletzt im Stadion dokumentiert wurden“, waren für Wolf der Beweis, dass „eine vertrauensvolle und geschlossene Zusammenarbeit in der bisherigen Form nicht mehr gegeben“ sei.

Dieses Miteinander nannte er in seiner Stellungnahme zum Rücktritt jedoch die „zentrale Voraussetzung für nachhaltigen sportlichen und wirtschaftlichen Erfolg.“ Den Rest gab ihm vermutlich das Plakat von Fans beim Auswärtsspiel in Hoffenheim am Freitag Abend mit dem Text: „Schlimmer als jeder Abstieg ist nur unsere Vereinsführung.“

War sein sofortiger Rückzug „nach 16 Jahren im Vorstand und 18 Jahren als Hauptsponsor“ eine weise Entscheidung? Nein, und damit wirft Wolf selbst einen Schatten auf seine Ära bei 05. Wenn schon ein (verständlicher) Rückzug, dann in geordneten Bahnen. Mit klarer Rollenverteilung. Dies hat Markus Wolf nicht hingebracht. Mit einer wiederum impulsiven Entscheidung, wie schon bei mancher Trainerentlassung zuvor.  

Gleichwohl passt sie genau ins Bild. Wolf wollte alle Macht. Wer sie nun übernimmt, ist ihm folgerichtig egal. Er hinterlässt einen schockierten Verein. Mit offenen Fragen auf allen Ebenen: Wer führt künftig den Klub, wer plant den Kader für die nächste Saison – vor allem: Wer stellt noch Geld zur Verfügung? Wolf verteilte Aufgaben, aber er teilte nicht Verantwortung. Das macht eine Nachfolge und Fortsetzung der Vereinsgeschäfte jetzt kompliziert.

Es gibt Fans, die bereits den kompletten Absturz des Vereins befürchten. Nicht wenige fühlen sich an die Zeit nach der Zweitliga-Saison Anfang der 2000er Jahre erinnert, die in eine Insolvenz des Vereins mündete – ausgerechnet zum 100-Jährigen Jubiläum des FC 05.

Der Verein braucht nun ganz schnell eine neue Führungsmannschaft. Vielleicht ist Wolf noch für Vertraute zu sprechen, die ihn überreden können, zumindest eine Weile als Sponsor zur Verfügung zu stehen. Als sich Wolf vor einigen Jahren bereits mit Rückzugsgedanken trug, traten Spieler mit einem Transparent vor die Tribüne und baten um seinen Verbleib. Worauf er, Arm in Arm mit dem damaligen Trainer Gerd Klaus, tatsächlich gerührt verkündete, sein Engagement für den Verein fortzusetzen.

In den nächsten Wochen wird sich zeigen, wer das bereits gesunkene Schiff noch verlässt – und wer trotz allem weiterhin an den FC 05 und seine Zukunft glaubt. Von dritter Liga dürfte in Schweinfurt jedenfalls so bald nicht mehr die Rede sein.

Klaus Hanisch