Die KI sagt: Es gibt keinen DDR-Radsportler, der vor 1989 bei der Tour de France und bei der Internationalen Friedensfahrt am Start war – doch das ist falsch. Dieter Wiedemann bestritt schon in den 1960er Jahren beide Rundfahrten. Dafür flüchtete er in den Westen – und heiratete eine Frau, deren Großeltern väterlicherseits aus Karlsbad stammten  

Sie wurden gerade 85 Jahre alt. Verfolgen Sie noch immer die Tour de France, die bis 26. Juli läuft?

Ja, ich verfolge sie jedes Jahr. Nicht erst, seitdem ich sie selbst gefahren bin. Schon als Kind habe ich darüber gelesen, zum Beispiel das Buch „Giganten der Landstraße.“ Die Tour hat mich meine ganze Sportkarriere lang begleitet.

Sie nahmen selbst an der Tour 1967 teil. Heute auf den Tag genau ereignete sich bei jener Rundfahrt das Drama um Tom Simpson. Der Brite kollabierte am 13. Juli 1967 am Aufstieg zum Mont Ventoux. Er gilt als erstes Doping-Todesopfer der Tour, hatte Amphetamine, Betäubungsmittel und Alkohol im Körper. Wie haben Sie dieses Ereignis erlebt?

Ich war ein direkter Zeitzeuge. Wir fuhren am Aufstieg zum Mont Ventoux knapp hintereinander. Ich lag etwa zwei Kilometer hinter ihm und sah, wie er plötzlich nur noch in Schlangenlinien fuhr. Ich bin zu ihm aufgefahren und habe gesehen, dass er komplett am Ende war. Er wurde auf seinem Rad aufgerichtet, damit er weiterfahren konnte. Dann wurde er angeschoben und fuhr wieder in Schlangenlinien weiter den Berg hoch.

Simpson war damals 29 Jahre alt. Wie haben Sie diese Situation eingeschätzt?

Mir war klar: Selbst wenn er die Bergspitze erreichen würde, wäre er kaum noch in der Lage, anschließend die Abfahrt hinunter an den Zielort zu schaffen! Das war damals Carpentras, die Strecke dorthin war schlecht und schmal, sehr gewöhnungsbedürftig. Aber so weit kam es ja nicht. Sie haben ihn dann mit dem Flugzeug abtransportiert, und er ist er noch am gleichen Tag verstorben. Kennen Sie den Mont Ventoux?

Ja, ich war dort. Ebenso in Carpentras.

Dann können Sie sich vorstellen, was für Temperaturen auf der Strecke herrschen, wenn dort den ganzen Tag die Sonne brennt (bei der Tour 1967 wurden Temperaturen von 50 Grad Celsius gemessen, und die Fahrer erhielten noch keine Getränke aus Begleitfahrzeugen, Anm.d.Red.). Dazu kamen noch besondere Umstände, diese Etappe war 230 Kilometer lang. Ich fuhr zuvor schon die Straßen-WM 1965 in San Sebastian und habe erlebt, wie Simpson Weltmeister wurde und Rudi Altig als Zweiter ins Ziel kam. Bis heute kann ich nicht verstehen, dass ihn seine Mannschaftsleitung bei der Tour 67 nicht aus dem Rennen genommen hat. Gleich, als er zum ersten Mal vom Rad kippte.

Nachdem Sie diese schlimmen Momente um Simpson hautnah miterlebten: Hatten Sie am nächsten Tag überhaupt noch Lust, die Tour weiterzufahren?

Das war eine Entscheidung der Tour-Leitung, die wir als Berufsfahrer zu akzeptieren hatten. Jeder fuhr am folgenden Tag mehr oder weniger im Gedenken an Simpson.  

Sie nahmen an der Tour wie an der Friedensfahrt teil, die jährlich im Mai stattfand und viele Jahre eines der wichtigsten Etappenradrennen für Amateure war. Was sind die wesentlichen Unterschiede zwischen diesen beiden großen Rad-Rundfahrten?

Das beginnt schon bei den Straßenverhältnissen. Sie waren in den sozialistischen Staaten nicht sehr gut, es gab viele Wege mit Kopfsteinpflaster à la Belgien. Bei der Tour waren die Straßen um einiges besser. Dafür wurde bei der Friedensfahrt sehr schnell gefahren, ein enormes Tempo für die damalige Zeit, schon 40 km/h im Schnitt – trotz der schlechten Straßen.

Was war noch anders?

Vor allem die Zuschauerzahlen. Die Friedensfahrt war im Osten ein Aushängeschild des Sports. Speziell natürlich in den drei Ländern, die sie ausgerichtet haben, also in Polen, der DDR und der Tschechoslowakei. Da waren 100.000 Zuschauer im Stadion in Warschau. Auch in Leipzig waren Tausende in einem kleineren Stadion. Die Stadien waren immer randvoll. Entlang der Strecke standen ebenfalls Zuschauer ohne Ende. Das habe ich bei der Tour bei weitem nicht so erlebt. Dafür hat sie einen anderen Vorzug…

…nämlich welchen?

Das Hochgebirge. Bei der Friedensfahrt ging es ja nur durch Mittelgebirge. Dazu waren die Streckenlängen unterschiedlich. Bei der Friedensfahrt gab es nur 14 Etappen. Als ich jedoch 1967 die Tour fuhr – damals die längste nach dem Zweiten Weltkrieg – mussten 4.800 Kilometer bewältigt werden.

Bei der 17. Internationalen Friedensfahrt belegten Sie 1964 den dritten Platz. Der größte Erfolg in Ihrer Karriere?

Ja, das war mein größter Erfolg im Radsport.

War Ihnen auf der Schlussetappe, die in Budweis begann, bei der Ankunft in Prag gleich klar, dass Sie Dritter werden?

Diese Friedensfahrt war schon 40 Kilometer vor dem Ziel in Prag gelaufen. Zu diesem Zeitpunkt war die Hauptzeitgutschrift erledigt, und die war immer ein großer Vorteil für die schnellen Leute im Feld. Damals gab es eine Minute Zeitgutschrift für den führenden. Das ist im Radsport natürlich viel Holz.

Die Friedensfahrt verlief in jenem Jahr über 2246 Kilometer von Warschau über Ost-Berlin nach Prag, es gewann der 21-Jährige Tscheche Jan Smolík. Ein verdienter Sieger?

Jan Smolík war damals tatsächlich der stärkste Mann im Feld und allen anderen überlegen. Das muss man ohne Neid anerkennen. Er wurde ja nicht nur Gesamtsieger, sondern gewann auch drei Etappen und bekam dafür Zeitgutschriften. Es war schwer, ihn in dem Jahr zu attackieren. Trotzdem erreichten wir unser Ziel für die DDR.

Auch ohne den Einzelsieg?

Für die DDR war die Mannschaftswertung wichtiger als einzelne Platzierungen. Mein Landsmann Günter Hoffmann wurde bei dieser Friedensfahrt Zweiter und ich Dritter. Und Lothar Appler, ein weiterer DDR-Fahrer, wurde Sechster. Damit haben wir die Mannschaftswertung haushoch gewonnen. Zumal die Tschechen nicht mehr auf den Mannschaftssieg fuhren, nachdem mit Smolík ein Mann von ihnen das Trikot für den besten Einzelfahrer übernommen hatte. Es waren eben unterschiedliche Interessen.

In den 1960er Jahren gab es viele gute Radsportler in der ČSSR. So auch Jiří Daler, der bei den Olympischen Spielen 1964 in Tokio die Goldmedaille in der 4000-Meter-Einerverfolgung auf der Bahn gewann und damit das erste olympische Radsport-Gold für die Tschechoslowakei. Hatten Sie damals Kontakt zu Radsportlern von dort?

Ich war erst 22 Jahre alt, als ich 1964 in den Westen ging und Berufsfahrer wurde. Dadurch ergaben sich in meiner aktiven Zeit keine Kontakte, sondern erst hinterher. Aber es gab gute Kontakte zwischen anderen Fahrern aus der DDR und der Tschechoslowakei.

Ein prominentes Beispiel dafür war die Verbindung zwischen Jan Veselý und dem DDR-Radsportidol Gustav „Täve“ Schur. Veselý ist Rekord-Sieger in einem der längsten und ältesten Amateur-Straßenrennen in Europa, nämlich Prag-Karlovy Vary-Prag, das er zwischen 1947 und 1955 achtmal gewann.

Das stimmt, Schur und Veselý hatten über Jahre sehr guten Kontakt. Dieses Tagesrennen ab Prag und über Karlovy Vary zurück nach Prag bin ich selbst jedoch nie gefahren.

Im Jahr 1964 nutzten Sie ein Ausscheidungsrennen in Gießen für die Olympischen Sommerspiele in Tokio, bei denen letztmals eine gesamtdeutsche Mannschaft an den Start ging, zur Flucht in die Bundesrepublik. Dazu veranlasste Sie die Liebe zu einer Frau, die Sie bei einem Besuch in Ihrer Heimatstadt Flöha kennengelernt hatten.

Wir waren nach meiner Flucht aus der DDR 52 Jahre lang verheiratet, bis meine Frau leider an Brustkrebs verstarb.

Die Großeltern Ihrer Frau Sylvia stammten aus der Tschechoslowakei und wurden nach dem Krieg vertrieben. Die Familie kam nach Mitterteich in Bayern, dort fanden auch Sie eine Zeitlang Zuflucht. Ihre lange Ehe mit Sylvia ist ein deutlicher Beleg dafür, dass sich Ihre Entscheidung dauerhaft lohnte.

Ich habe sie nie bereut. Allerdings wurde sie immer nur als eine Entscheidung aus Liebe dargestellt. Das war es jedoch nicht allein.

Was spielte noch eine Rolle?

Auch meine Liebe zum Sport war dafür wichtig. Durch den Mauerbau 1961 gab es ja den Beschluss, dass wir keine Rennen mehr in kapitalistischen Ländern fahren durften.

Und das hatte unmittelbare Auswirkungen auf Ihre Karriere?

Sogar schon 1961, gleich nach dem Mauerbau. Ich hätte damals die Weltmeisterschaft fahren sollen, doch dann wurden nur Mitglieder für die DDR nominiert, die in der Partei waren. 1962 erhielten wir Sportler aus der DDR keine Einreise in westliche Staaten. 1963 war es nochmal dasselbe. Deshalb musste ich mich entscheiden: Will ich künftig nur noch in sozialistischen Ländern fahren oder auch bei Großereignissen dabei sein – wie eben die Tour de France? Und will ich mich mit internationalen Größen messen, wie dem Franzosen Raymond Poulidor oder dem Belgier Walter Godefroot? Radfahren ist ein Berufssport. Wenn man die Qualität hat, dann strebt man solche Ziele an. Und wenn man diesen Wunsch hat und sich erfüllen kann, dann ist man zufrieden.

Ich führte in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Interviews mit Prominenten aus der ehemaligen DDR und sprach mit Ihnen auch über eine mögliche Flucht. Oft hörte ich, dass sie darüber nachgedacht hatten, aber aus Rücksicht auf ihre Angehörigen davon abkamen. Ihnen war sicher auch klar, dass Ihre Verwandten dadurch Probleme bekommen würden.

Was die DDR nach meiner Flucht trieb, war Sippenhaft! Mein Bruder, der im Kader für die Olympischen Spiele stand, wurde rausgeworfen. Mein Vater war Mechaniker bei uns im Sportklub SC Karl-Marx-Stadt und verlor dort mit über 60 Jahren seine Arbeit. Das Post- und Briefgeheimnis galt für mich überhaupt nicht mehr, all meine Pakete und Briefe wurden von meiner Flucht bis zur Wende 1989 geöffnet oder durchleuchtet. So war eben das politische System der DDR.

Es traf auch Ihren Cousin Wolfgang Lötzsch, ebenfalls ein Radrennfahrer.

Mein Cousin hat sich nie etwas zu Schulden kommen lassen und immer den Mund gehalten. Er war nach meiner Meinung von uns dreien das größte Talent. Auch mein Bruder Eberhard war besser als ich (beide wurden nach der Flucht von Dieter Wiedemann aus dem staatlichen Fördersystem der DDR ausgeschlossen und damit quasi zu Hobbyfahrern, Anm.d.Red.)

Sie haben trotzdem Ihre Entscheidung nie bereut? War Ihnen als damals erst 22-Jähriger einfach Ihr weiterer persönlicher Lebensweg wichtiger?

Solche Maßnahmen hat die DDR ja nicht immer angewendet. Ein anderer Fahrer blieb 14 Tage nach mir bei einer Ausscheidung im Westen. Sein Vater hatte eine Zahnarztpraxis – und in diesem Fall hat der Staat nichts unternommen.

Schon nach Ihrer ersten Teilnahme an der Friedensfahrt 1962 sammelten Sie Erfahrungen mit Vertretern der Staatssicherheit durch ein persönliches „Gespräch.“ Hatten Sie als Spitzensportler erwartet, besonders in deren Fokus zu stehen oder waren Sie sehr überrascht, dass Sie von mehr als zwei Dutzend Stasi-Mitarbeitern überwacht wurden, wie Sie nach der Wende erfuhren?

Dass die Stasi uns Sportler im Blick hatte, wusste man schon. Aber dass es so viele waren, hat mich natürlich überrascht. Das auf jeden Fall! Sie haben ja noch lange versucht, mich in die DDR zurück zu holen. Erst zehn Jahre später wurden die Pläne für meine „Rückführung“ geschlossen.

Bereits nach dieser Friedensfahrt 1962 wollte man Sie zum Ehrenbürger Ihrer Heimatstadt Flöha bei Chemnitz ernennen, als einen „lokalen Sporthelden.“ Das geschah freilich erst Ende 2014. Eine späte Genugtuung für Sie?

Es ist schön, dass im Nachhinein noch meine Leistungen anerkannt werden. Auch dadurch, dass der Oberbürgermeister jetzt zu meiner Feier zum 85. Geburtstag kam und ihn damit auch publik machte.

Bei Covadonga, einem Fachverlag für Radsportliteratur, ist ein Buch über das Leben von Dieter Wiedemann erschienen, geschrieben von dem britischen Journalisten Herbie Sykes. Verlagsleiter Rainer Sprehe stellte uns die Schwarz-Weiß-Fotos zur Verfügung.