…es kommen drei Größen zu Spielen nach Prag. Assoziationen an das Gedicht von Bert Brecht weckt, was Fußball-Fans in den nächsten Tagen in Fußballstadien der Hauptstadt erwartet. Festspielzeit in der tschechischen Metropole! Auf dem Programm stehen: Drei Partien mit (zumindest zwei) Mannschaften auf Weltniveau. Haben die tschechischen Gastgeber in diesen Partien gegen sie eine Chance?

Die „englischen Wochen“ gehen weiter: Ende September gewann der WM-Dritte in Prag gegen das heimische Nationalteam mit 2:0, ein paar Tage später siegten die Engländer auch im Rückspiel der Nations League in London mit 3:0. Nun reist schon der nächste Hochkaräter aus England an: Meister Arsenal London trifft am Mittwoch (4. November) auf Slavia Prag zum vierten Spieltag in der Champions League.

Tschechische Legenden als Kanoniere

Tschechische Fans erinnern sich noch gut daran, dass vor nicht allzu langer Zeit zwei Legenden des tschechischen Fußballs für Arsenal spielten: Tomáš Rosický gewann dort, nach seinen erfolgreichen Jahren bei Borussia Dortmund, zwischen 2006 und 2016 immerhin vier englische Pokale. Petr Čech kam 2015 für vier Jahre. Beide wurden zuvor Meister mit tschechischen, deutschen oder englischen Klubs, konnten aber nicht verhindern, dass die sogenannten „Gunners“ (also Kanoniere) bis letzten Sommer 22 Jahre lang auf einen englischen Meistertitel warten mussten.

Zusätzlich schaffte Arsenal den Einzug ins Finale der Champions League, scheiterte im Elfmeterschießen aber an Titelverteidiger Paris Saint-Germain. Fehlt daher immer noch der letzte Schritt zum Triumph in der Königsklasse, nachdem schon vor 20 Jahren ein Endspiel (gegen den FC Barcelona) verloren ging. Um die Chancen in dieser Saison zu beschreiben, bemühte das deutsche Fachmagazin kicker gar den Prager Schriftsteller Franz Kafka.

Die Mannschaft habe wie – in Kafkas Roman „Die Verwandlung“ – zwar eine „Metamorphose zu einem europäischen Top-Team“ durchgemacht und „Gewinnen gelernt“, befand der Autor. Doch stehe eine „positive Verwandlung hin zur besten Mannschaft Europas anders als bei Kafka“ noch aus. In entscheidenden Momenten agiere Arsenal weiter zu fahrlässig und zaudernd. Fazit: Die Londoner sollten ihre Gegner endlich so „verwundert zurücklassen wie Kafka seine Leserschaft“…

Fußballmacht Arsenal

Zumindest der Start in diese Saison glückte Arsenal. In der Premier League läuft‘s allem Anschein nach erneut auf ein Duell mit Dauermeister-Anwärter ManCity hinaus, wobei Manchester derzeit auf eine Strafe für seine jahrelangen Vergehen gegen Finanzvorschriften wartet. Selbst ein Zwangsabstieg aus der Premier League scheint nicht mehr unmöglich, nachdem City in weit mehr als 100 Anklagepunkten für schuldig befunden wurde.

Und in der Champions League gelangen Arsenal bereits Siege in Neapel und gegen Lille sowie ein Remis bei Bayern München. Heißt derzeit Platz 7 in der Tabelle. Weiterer Beweis dafür, dass die Londoner eine Macht im Weltfußball sind, ist ihre jüngst veröffentlichte Bilanz für die Saison 2024/25. Dort wiesen sie einen Rekordumsatz von 822 Millionen Euro aus, 15 Prozent mehr als im Vorjahr. Da spielt es auch (fast) keine Rolle mehr, dass Verantwortliche von Arsenal einst das Potenzial von Harry Kane nicht erkannten und den vor drei Tagen zum neuen Weltfußballer beförderten Stürmer im Alter von acht Jahren aus ihrer Jugendabteilung warfen.

Aderlass bei Slavia

Anders Slavia. Unter Leitung von Jindřich Trpišovský, der bereits seit fast neun Jahren den Trainerstuhl besetzt, liegt der Klub in der tschechischen Meisterschaft wieder auf Meisterkurs, möglicherweise sein dritter Titel in Folge. In der Champions League sind die Ergebnisse dagegen auch in dieser Saison mager: Niederlage zu Hause gegen Lens, Niederlage in Sabah (Aserbeidschan) mit unfassbar schlechter Chancenverwertung, Remis erst in letzter Sekunde bei Fenerbahce Istanbul.

Tatsächlich wurde von der Elf jedoch schon vor Saisonbeginn erneut nicht viel erwartet. Dreimal traten die Hauptstädter bisher in der ersten Runde dieses Wettbewerbs an, kassierten dabei zwölf Niederlagen und gewannen lediglich eine einzige Partie: Gleich ihr allererstes Spiel im Jahr 2007 gegen Steaua Bukarest.

Die Besten nach Westen

Wesentlicher Grund für die Skepsis unter Fans und Experten: Immer wieder verkauft Slavia seine besten Spieler. Besonders im Gedächtnis blieb der Transfer des Kapitäns der tschechischen Nationalelf, Tomáš Souček, im Jahr 2020 für mehr als 20 Millionen Pfund zu West Ham United.

Nun gingen drei weitere Spieler kürzlich für viel Geld – wiederum in die englische Liga: Im letzten Jahr El Hadji Malick Diouf für 18 Millionen Euro ebenfalls zu West Ham United und Keeper Antonin Kinsky für 16,5 Millionen zu Tottenham Hotspur, vor fünf Jahren bereits Abdallah Sima für umgerechnet acht Millionen Euro nach Brighton. Dafür verpflichtete Slavia zuletzt Spieler, die kaum älter als 20 sind.  

Underdog bei Sparta

Nur einen Tag später, Donnerstag (5. November), kommen schon die nächsten Engländer: Der AFC Bournemouth ist in der Europa League zu Gast bei Sparta Prag. Kein großer, aber ein hochinteressanter Gegner. Die Elf gewann bisher all ihre Spiele in Europa, zuletzt gegen den AC Mailand mit 3:0, und belegt nach drei Spieltagen den dritten Tabellenrang – 13 Plätze vor Sparta mit aktuell vier Punkten. Welch ein furioser Start für Bournemouth auf europäischer Bühne!

Dabei sind die „Cherries“ (Kirschen), so genannt wegen der Kirschbäume unweit des Stadions, ein Underdog im englischen Fußball. Der Klub wurde vor mehr als 100 Jahren (genau 1899) gegründet, blieb bisher aber noch ohne Titel und pendelt beständig zwischen den verschiedenen Ligen. Mit einer Arena, die kaum mehr als 12.000 Besucher fasst.

Deutscher Trainer an der Küste

Größte Erfolge waren bisher die Aufstiege in die Premier League in den Jahren 2015 und 2022. Dort landete der Klub zuletzt auf Rang sechs – bedeutete eben nun die Teilnahme in der Europa League. Diese Platzierung, wie der stete Aufwärtstrend in den letzten Jahren, beförderte den Spanier Andoni Iraola im Sommer auf den Trainerstuhl beim großen FC Liverpool.

Für ihn übernahm der deutsche Trainer Marco Rose in der (oft verregneten) Stadt an der Südküste Englands. „Sehr viel Talent, aber auch Erfahrung“ habe er im Spielerkader von Bournemouth vorgefunden, gab der Leipziger zu Protokoll, für die Dauerbelastung aus Ligabetrieb, Pokalwettbewerben und Länderspielen müsse er „in der intensivsten Liga der Welt nun einen erfolgreichen Weg finden.“

In der Erfolgsspur

Tatsächlich deuteten sechs Spiele ohne dreifachen Punktgewinn zu Beginn auf Abstiegskampf hin – und auf ein möglicherweise baldiges Ende für Rose. Doch jetzt die Wende: Bournemouth siegt sich durch die Liga, zuletzt mit 3:0 bei Traditionsclub Manchester United. Bedeutet neun Punkte aus acht Spielen und Anschluss ans Tabellen-Mittelfeld. Auch im Ligacup verbreiterten die Kicker ihre Erfolgsspur: Gestern Abend schlugen sie Champions League-Teilnehmer Aston Villa (Ende Januar 2027 zu Gast bei Slavia Prag) im Achtelfinale mit 3:0.

Wie stark die englische Liga insgesamt ist, beweist sie gerade wieder in den europäischen Wettbewerben. Gleich drei Teams aus England liegen in der Tabelle der Champions League unter den besten 7. Dagegen ist die Bundesliga derzeit nur durch den VfB Stuttgart auf Rang sechs vertreten. Folgerichtig führt England das Uefa-Ranking in dieser Saison deutlich an. Nach Stand vom 22. Oktober hat der Verband von der Insel bisher 7,94 Punkte auf dem Konto, gefolgt von Deutschland mit 7,28 Punkten und ganz knapp dahinter Spanien (7,25).

Torhüter-Triple

Nach England blickt auch Tschechiens Trainer Santi Denia mit größtem Interesse. Denn in dieser Liga könnte sich entscheiden, wer künftig das Tor der tschechischen Nationalelf hütet. Gegen Kroatien stand Lukáš Horníček aus Newcastle im Kasten. Und in Spanien Antonín Kinsky von Tottenham Hotspur. Das Spiel gegen England bestritt erstaunlicherweise jedoch kein Tscheche aus der englischen Liga, sondern der frühere Leverkusener Matěj Kovář, jetzt bei PSV Eindhoven.

Die Tschechen hätten fürs Tor ein Luxusproblem, urteilte daher das Fachmagazin Football Club. Allein schon wegen ihres Alters – Kinsky ist 23, Horníček 24 und Kovář 26 – sei diese Position im Kader wohl auf Jahre hinaus keine Problemzone. Horníček verfügt nach Meinung der heimischen Experten über eine ruhige, robuste Persönlichkeit, Kinsky über das beste Passspiel und Kovář über die meisten internationalen Einsätze.

Keine leichte Wahl also für Denia. Er schätze, was sie leisten. Im Training könne kaum jemand „gegen sie ein Gegentor erzielen, wir vertrauen ihnen hundertprozentig“, sagte der Coach. Spannend nun, wen Denia gegen Weltmeister Spanien am 12. November in Prag ins Tor stellt. Beim Hinspiel in der Nations League verkauften sich die Tschechen in Oviedo erstaunlich gut und waren dem Ausgleich nahe, bevor die überragende Mannschaft der letzten Jahre am Ende mit 3:1 gewann.

Diese Niederlage, dazu die beiden gegen England und die 1:2-Heimpleite im ersten Spiel gegen Kroatien – der Einstand von Denia Santi Sánchez verlief wenig erfolgreich. Auch wenn Punktgewinne gegen diese starken Gegner überrascht hätten. Heißt im Ergebnis: Zuversicht fürs Tor, jedoch Sorgen im Angriff.

Wer macht die Tore?

Denn in diesen vier Spielen glückten den Tschechen lediglich zwei Treffer. Der neue Hoffnungsträger Ryan Naderi, einst bei Hansa Rostock und nun im Kader der Glasgow Rangers, ist noch nicht die erhoffte Verstärkung im Sturm. Die Bilanz verbessern kann eigentlich nur der beste tschechische Torschütze in der Geschichte der Bundesliga – sofern Patrik Schick von seinem Rücktritt zurücktritt.

Doch auch diesbezüglich lohnt eine Anleihe bei Bert Brecht: Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine, das Spiel hat 90 Minuten – dann kommt vielleicht auch die Chance. Für die tschechische Mannschaft.